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Eine Dachauer Persönlichkeit:Vater des Grundgesetzes

Josef Schwalber war Dachaus erster Nachkriegs-Oberbürgermeister und Teil des Verfassungskonvents. Über einen willensstarken Demokraten

Seit September erinnert am Gebäude des ehemaligen Dachauer Landratsamtes in der Augsburger Straße 1 (jetziges Rathaus II) eine Gedenktafel an den 1969 verstorbenen Rechtsanwalt und Politiker Josef Schwalber. Doch wer war der Mann, der nicht nur die Geschichte Dachaus, sondern die der gesamten Bundesrepublik geprägt hat?

Die Dachauer CSU-Stadtratsfraktion hat den renommierten Münchner Stadtführer und Historiker Georg Reichlmayr in die Gemäldegalerie in der Altstadt eingeladen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Dieser erzählte, dass der 1902 geborene Josef Schwalber bereits ab 1929 als Kommunalpolitiker in der Bayerischen Volkspartei (BVP) aktiv war. Als Mitglied des Gemeinderats und des Bezirkstags Dachau wurde er im Juni 1933 von den Nationalsozialisten verhaftet, weil er nicht in die NSDAP eintreten wollte. Schwalber wurde deshalb einige Tage in "Schutzhaft im KZ Dachau" genommen. Eine Erfahrung, die den Dachauer Politiker und Juristen nachhaltig prägen sollte.

Im August 1945, Nazideutschland war gerade besiegt worden, wurde Josef Schwalber Oberbürgermeister von Dachau. Es war eine Zeit, in der die Stadt vor existenziellen Fragen stand. Wohin mit den ihrer Heimat und Freiheit beraubten Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau? Wie den Typhus - ebenfalls ein Produkt der grausamen Verhältnisse innerhalb des KZ - bekämpfen? Josef Schwalber zählt zu jenen Persönlichkeiten der bayerischen Geschichte, die in den Anfangsmonaten und -jahren nach dem Krieg ein schier unglaubliches Arbeitspensum bewältigten. Woher er die Kraft und die Energie dafür nahm, darüber lässt sich nur mutmaßen. Schwalbers Wille zu gestalten, der Reiz rechtsstaatlicher Basisarbeit in einem Moment der vollkommenen Schwebe, müssen stark gewesen sein.

Dr. Josef Schwalber

Die Besucher, darunter einige CSU-Politiker, verfolgen den Vortrag eines Historikers in der Dachauer Gemäldegalerie.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Später, im Frühjahr 1946, wurde Schwalber Abgeordneter der CSU im Bayerischen Landtag. Aus dieser Funktion heraus wurde der Politiker ab Juli 1946 Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung, er gestaltete die Bayerische Verfassung maßgeblich mit. Im Juni 1947 war Schwalber für den Zeitraum weniger Wochen Dachauer Landrat, um wenig später als Staatssekretär ins Innenministerium einzuziehen.

Am 10. August 1948 tagte auf der Herreninsel im Chiemsee ein Gremium. Es hatte die richtungsweisende Aufgabe, eine Arbeitsgrundlage für das Grundgesetz des Nachkriegsdeutschlands zu schaffen. In kürzester Zeit stampften die Mitglieder des Verfassungskonvents einen Gesetzesentwurf aus dem Boden, der als Leitprinzip der späteren Bundesrepublik galt. Aufgrund seines Erfahrungsschatzes war auch Josef Schwalber maßgeblich in die Verhandlungen involviert.

Kontroversen innerhalb des Verfassungskonvents gab es viele seit Beginn der Grundgesetzverhandlungen. Der Hauptstreitpunkt aber war der Föderalismus. Um die Kernfrage, ob nun Bund oder Länder Herr der Verfassung sei, entsprangen hitzige Debatten. Größter Befürworter einer föderalen Organisation Deutschlands war Bayern, das seine historisch-staatliche Tradition wahren wollte. Diese Ansicht vertrat auch Josef Schwalber, wenn auch aus anderem Antrieb. Schwalber glaubte, der Föderalismus sei die einzige Möglichkeit, Militarismus und dem vorangegangenen Größenwahn des Hitlerismus entgegenzuwirken.

Dr. Josef Schwalber

Die Nazis sperrten Josef Schwalber ins KZ.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Als den Landtagen im Mai 1949 ein Verfassungsentwurf zur Abstimmung vorgelegt wird, in dem von einer klar dezentralen Organisation Deutschlands die Rede ist, wirbt Schwalber in der CSU-Fraktion nachdrücklich für eine Ablehnung des Grundgesetzes, dessen Text er doch in weiten Teilen selbst mit entworfen hat. Zu wenig verankert seien die föderalistischen Grundsätze, zu gering der christliche Bezug. Es kam anders, am 23. Mai 1949 trat die - von Bayern abgelehnte - deutsche Verfassung in Kraft. Für Schwalber war das ein herber Rückschlag, eine Niederlage aber war es nicht. Denn der Dachauer war es, der das Grundgesetz, ein Kompass des heutigen Werteverständnisses, in erheblichem Maße auf den Weg gebracht und geformt hat.

Am 16. August 1969 starb Josef Schwalber. Sein Todestag jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Die Gedenktafel in der Augsburger Straße ist nicht nur eine Ehrung Schwalbers, vielmehr ist es eine Erinnerung an das stabile Fundament unserer Demokratie, entsprungen aus fruchtbaren Debatten.

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