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Ein New Yorker in der Altstadt:Mehr sehen, als da ist

Alex Katz

Eines der Lieblingsmotive des New Yorker Malers Alex Katz ist seine Frau Ada, hier auf dem Bild "Purple Hat".

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Bilder von Alex Katz, die derzeit in der Galerie Lochner in Dachau zu sehen sind, fordern den Betrachter heraus, Auslassungen mit seiner Fantasie zu vervollständigen

Vor gut einem halben Jahr war der Schriftsteller Michael Köhlmeier in der Dachauer Stadtbücherei zu Gast für eine Lesung. So ungeheuer viel gelesen hat er dort gar nicht, aber sehr viel erzählt. Unter anderem ging es um die Lebhaftigkeit und Intensität vom Szenen in der Literatur: Émile Zola beispielsweise neigte zu ausufernden Beschreibungen, jedes Hütchen, jedes Schirmchen hat er detailliert in Worte gefasst. Besonders beeindruckend fand der in Österreich lebende Köhlmeier das Resultat nicht: Der Kopf schwirrt einem vor Details, der Gesamteindruck bleibt blass. Ganz anders bei Lew Tolstoi, der seine Szenen auf dem Papier extrem sparsam möblierte, doch in der Vorstellung des Lesers entfaltete sich ein lebhaftes Panoptikum, kraftvoll und klar.

Der New Yorker Künstler Alex Katz entwirft seine Welten wie Tolstoi mit wenigen, einfachen Mitteln. Oder besser noch wie Ernest Hemingway, Meister des aufs Minimale reduzierten Stils. Genau darin besteht die Kunst. In einem Interview sagte der mittlerweile 91 Jahre alte amerikanische Künstler einmal: "Ich glaube, meine Malerei kann etwas schockierend wirken in all den Einzelheiten, die sie auslässt. Doch was passiert, ist, dass das Bewusstsein diese Leerstellen füllt." Katz hat das, was als erzählerischer Kniff funktioniert, erfolgreich in der bildenden Kunst angewendet. "Malerei ist ein Weg, Sie das sehen zu lassen, was ich gesehen habe." So beschreibt er seine Herangehensweise.

Wer sich nicht so recht vorstellen kann, wie das in der Praxis funktioniert, sollte der Galerie Lochner in der Dachauer Altstadt einen Besuch abstatten. Dort sind zwölf Arbeiten des Malers, Bildhauers und Grafikers zu sehen. Das ist eine überschaubare Zahl, aber das gibt einem die Zeit, in die Tiefe dieser auf den ersten Blick so flächigen Bilder zu tauchen.

Zum Beispiel "4.30 p.m.": Es zieht den Betrachter in den Bann eines Sommernachmittags am Meer. Vor einer bewaldeten Hügelkette vorm diesigen Horizont schaukeln weiße Bötchen im tiefblauen Ozean unter wattigen Baldachinen comichafter Schönwetterwolken. Tritt man näher heran, sieht man, dass Katz vieles, das man aus mittlerer Distanz auf dem Bild zu erkennen glaubte, gar nicht gemalt hat. Die weite Baumlandschaft: eine von Pinselborsten ausgefranste Fläche. Die winzigen Gebäude: leere Leinwand. Selbst die Boote sind nur simple geometrische Formen: zwei senkrechte Striche als Masten, einer für den Rumpf, darüber zwei kleine Striche - die gerefften Segel. Und dieser ganze Sommerzauber, der einen da anhaucht, kommt mit nur drei Farben aus: Blau und Weiß und Grau.

Alex Katz' flächiger Stil entstand als Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus der Fünfzigerjahre. Katz gilt als Vorläufer der Pop-Art-Bewegung, die in den Sechzigerjahren ihren Siegeszug antrat. Seine erste Ausstellung war ein Flop. Heute gilt er als eine der ganz großen Gegenwartskünstler. Unter den mittlerweile Hunderten von Ausstellungen gab es bereits Schauen in der Serpentine Gallery in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York. Retrospektiven im Whitney Museum of American Art, im Brooklyn Museum of Art und vor wenigen Monaten auch hierzulande im Museum Brandhorst.

Nun hat Galerist Josef Lochner diese Ikone der modernen amerikanischen Malerei auch in sein 50-Quadratmeter-Mini-Museum geholt und beglückt damit nicht nur die Kunst-Fans in Dachau, sondern auch sich selbst. "Ich lerne immer wieder was dazu", sagt er gleichermaßen begeistert und staunend. Und so ergeht es auch den Besuchern: Wie die vorangegangenen Ausstellungen mit den deutschen Kunststars Markus Lüpertz und Günther Uecker vereint die Katz-Ausstellung typische Werke seines Schaffens, aber auch manche Überraschung, die man so von dem bekannten Künstler nicht erwartet hätte.

Zu den Klassikern zählen zweifellos die Porträts seiner Frau und Muse Ada, die er Zeit seines Lebens mehr als 250 mal gemalt hat. Zwei Ada-Motive sind auch in Dachau zu sehen. "Ada in Spain", von der Seite betrachtet, mit Sonnenbrille. Und schon beim Eintreten in die kleine Galerie blickt Ada den Besucher herausfordernd an aus ihren großen dunklen Augen. "Purple Hat" heißt das Bild, die größte Farbfläche nach ihrem Gesicht nimmt tatsächlich ihr eleganter lila Hut ein, dann kommen die rot geschminkten Lippen, dann die Augen. Und trotz des starken Ausdrucks verschwinden ihre Züge in einer Aura des Ungreifbaren, Mysteriösen. Kann sein, dass Alex Katz das genauso gewollt hat. Als er einmal gefragt wurde, ob die Porträts tatsächlich so aussähen wie Ada, soll er geantwortet haben: "Nothing does." Nichts gleicht ihr. Ada die Einzigartige, die Unabbildbare. Man muss das wohl als Liebeserklärung begreifen.

Der für seine farbintensiven Werke bekannte Künstler schuf aber auch farblich sehr reduzierte Bilder bis hin zu Schwarzweiß-Grafiken wie der eleganten "Large Birch". Auf der großformatigen Lithografie sind Muster der Birkenrinde und Formen der Blätter so weit geometrisch reduziert, dass sie sich in einem abstrakten Ornament auflösen, gleichermaßen ein bildgewordenes herrliches Blätterrauschen.

Viele seiner visuellen Tricks hat Katz von Kino und Werbung abgeschaut: den radikalen Bildschnitt etwa oder die Wiederholung. Das serielle Moment kommt bei seinen "Coca Cola Girls" zum Tragen, den dramatischen Bildschnitt sieht man beim Gemälde "Cityscape": ein Wolkenstreif am leeren Nachthimmel - und am unteren Bildrand, ganz unscheinbar, die schräge Silhouette eines Hausdachs mit Antenne und Kamin, und nur das schwache gelbe Glimmen eines halben Fensters gibt einen Hinweis auf einen Menschen in diesem sonderbaren Augenblick der Stille und der Einsamkeit. Wie in einem Schnappschuss hat er das Hier und Jetzt festgehalten.

Neben Grafiken auf Papier zeigt die Ausstellung auch ein Cutout. Cutouts sind auf Papier oder Holz gezeichnete Figuren und Formen, die ausgeschnitten und aufgeklebt werden. Man kennt das aus der Werbung und auch von neueren amerikanischen Street-Art-Künstlern wie Above.

Alex Katz ahnt vermutlich nichts von der kleinen Ausstellung in Dachau. Wüsste er davon, die Schau würde ihm bestimmt gefallen. Josef Lochner und sein Experte für gute Präsentation, Gerhard Niedermair, haben wieder einmal eine sehr harmonische Hängung gefunden, in der sich sehr farbmächtige und dann wieder farbreduzierte Arbeiten abwechseln. Und den besten Platz, wie könnte es anders sein, hat seine geliebte Ada.

Alex Katz - Grafiken, Cutouts. Ausstellung in der Galerie Lochner, Konrad-Adenauer-Straße 7. Öffnungszeiten: Donnerstag, 16 bis 19 Uhr, Samstag, 12 bis 15 Uhr, Sonntag, 14 bis 17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung: 08131 / 66 78 18 oder 0162 / 45 596 99. Zu sehen bis 28. Juli.

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