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"Ein Juwel im kulturellen Leben":Dachau swingt und rockt

12 000 Besucher kommen zu Jazz in allen Gassen - sogar aus der Schweiz reisen Fans zur Auftaktveranstaltung des Musiksommers an. Sechs Bühnen und zwei Zusatzkonzerte zaubern einmal im Jahr ein Festival der guten Laune in die Altstadt

Sascha Seelemanns Stimme ist angeschlagen, als er am Samstag unterwegs zu seiner Sendung bei Bayern 3 ist. "Ich hab noch nie so einen schönen Gig gespielt wie gestern", sagt er am Telefon. Mit gestern meint er den Auftritt seiner Band The Grizzlies bei Jazz in allen Gassen - ein Heimspiel für den Dachauer. Aber schief gehen kann immer was. Das weiß auch Kulturamtsleiter Tobias Schneider, der Jazz in allen Gassen nun zum 14. Mal organisiert hat. Dachau hat ein reiches Kulturleben - aber diese Veranstaltung, zu der Besucher auch von weither kommen, hat sich zu einem Markenzeichen der Stadt entwickelt, ein Festival, auf dem diesmal 12 000 Menschen den Auftakt des Dachauer Musiksommers und das Leben friedlich feierten. Das ist Schneider wichtig: "Die Security musste nicht einen Streit schlichten", wird er am nächsten Tag sagen. "Die Stimmung ist immer super, super friedlich." Sascha Seelemann nennt das Festival "ein Juwel" und "das Schönste, was Dachau an Musik zu bieten hat".

Freitagabend, 21 Uhr. Seit etwa eineinhalb Stunden vibriert die Altstadt schon. Sascha Seelemann ist da, wo er sich am wohlsten fühlt: mittendrin. "I wanna take you away, lets escape into the music", singt er auf der großen Hauptbühne am Rathaus. Gefühlvoll und mit großer Lichtshow interpretiert er Jamie Cullums Version von "Please don't stop the music". Der Rathausplatz unter ihm ist voll, er schaut auf ein Meer von Köpfen. Mit sechs Bühnen verteilt vom Schermhof bis zum Café Gramsci und zwei Zusatzkonzerten am Wasserturm und im Brunnenhof der Volksbank Raiffeisenbank verwandelt das Fest die Altstadt in eine musikalische Flaniermeile.

Einziger Wermutstropfen für Seelemann: Zur Halbzeit müssen die Grizzlies die Bühne für das Sepalot Quartett um den Blumentopf-DJ räumen, ein elektronisches Jazz-Projekt, mit dem Kulturamtsleiter Tobias Schneider mal etwas Neues wagen wollte. Vor der Bühne am Pfarrplatz ist ebenfalls fast kein Durchkommen. Eine junge Familie steht am Rand, macht ein Selfie mit ihrer kleinen Tochter in der Babytrage. Ein paar Meter weiter steht ein Paar mit neongelben Trinkbechern, die im Takt der Musik mitwippen. Die Band Zydeco Annie und ihre Swamp Cats singen "you are my sunshine, my only sunshine" von Johnny Cash. Das Publikum stimmt ein "you make me happy, when skies are grey".

Dann spielt die Band ihre ganz eigene Version von "Jambalaya". Ein Mitglied legt sich ein Waschbrett auf den Bauch, das eher an einen Brustpanzer als an ein Musikinstrument erinnert. Mit einer Gabel schrammt er darauf rhythmisch auf und ab. "Ich hab die Zacken abgeschliffen", erzählt er in der Pause. Das Waschbrett sei ein typisches Instrument in der Musikvielfalt Louisianas: In den Musikstilen Zydeco, Cajun, Blues fühlt sich die Band zuhause. Sascha Loss, bekannt als Salossi, hüpft barfuß von der Bühne. Er spiele bei Auftritten meist barfuß: "Die Bühne ist für mich wie ein Wohnzimmer", sagt er. Bei Zydeco Annie ist er erst seit einem halben Jahr dabei, bei Jazz in allen Gassen war er deshalb noch nie. Fast wäre es sogar dieses Jahr nichts geworden: "Bei uns im Westerwald war alles überschwemmt, ich habe meine Züge nicht bekommen." In Dachau aber ist das Wetter am Freitag wieder ideal. Auch gegen 22 Uhr laufen die Besucher noch mit Sommerkleidern, kurzen Hosen und ohne Jacke durch die Altstadt. "Es hat noch nie geregnet, nur einmal kurz", sagt Schneider. In den vergangenen Tagen war er aber schon etwas nervös. Die Wettervorhersage war nicht gerade eindeutig.

Der hintere Teil des Pfarrplatzes ist dank des milden Sommerabends voll besetzt, überall stehen Bierbänke. Das Restaurant Sukothai verkauft am Straßenrand rotes Curry mit Huhn, Eiernudeln und Frühlingsrollen. Alle Lokale und Läden in der Altstadt sind geöffnet. Es gibt auch Bars, Schankwagen, Imbissbuden mit Döner, hier und da verkaufen sie Bratwürste, Crêpes oder belegte Vinschgerl. Vor dem Café Zaunkönig kann man Dampfnudeln mit Vanillesoße kaufen. Wegen der vielen Besucher bilden sich teils lange Schlangen. "Wir haben die Stellfläche bestmöglich genutzt", sagt Schneider. Der Platz in der Altstadt sei eben endlich. Doch das mindert nicht wirklich den Spaß. Nur ein paar Besucher vermissen mehr vegetarische Alternativen auf die Hand.

Vom Restaurant Bakalikon lauschen die Gäste der Al Jones Band, die am Kraisy-Brunnen Blues spielt. "Alright, okay", singt ein Mann im roten Hawaiihemd und klatscht mit den Händen. Mindestens zehn Handys sind auf ihn gerichtet. Er dreht sich um, wackelt mit den Hüften. Ähnlich ausgelassen geht es im Café Gramsci zu. "Weltklasse sind die", raunen sich ein paar Oberschleißheimer zu. Sie hören der Band Boiling Ink gerade mal zwei Minuten zu: "Ich glaub', hier bleiben wir." In der Pause sichern sie sich eine Bank neben der Bühne - und dort bleiben sie bis zum Ende.

"Ich hab' mich total verratscht", sagt Sarah Eßlinger. Die Physiotherapeutin hat es nicht weiter als bis zur Treppe beim Kochwirt geschafft. Auf einmal sei es schon halb zwölf gewesen. Viele Besucher wollen Freunde treffen oder neue Bekanntschaften schließen - statt diese Frühsommernacht allein auf der eigenen Terrasse oder dem Balkon zu verbringen. "Hey, was machst du denn da?", hört man am Freitag oft, bevor sich zwei Besucher beim Wiedersehen in die Arme fallen. Andere wollen aber schon alle Bands abklappern, zumindest wenn sie die Bühnen finden. Aus einem Spalt zwischen zwei eng aneinander gebauten Häusern kommen Menschen heraus. Der Weg führt aber nur zu einem Zaun oberhalb des Brunnenhofs der VR Bank. Büsche versperren die Sicht auf die Band Mama makes Coffee. "Und sie irrten weiter umher", murmelt ein Mann, als er umdreht. So lernen auch Dachauer ihre Heimatstadt ein bisschen besser kennen.

Pünktlich um Mitternacht ist Schluss, und die Musiker packen zusammen. Peter Heger spielte mit seinem Boogie Duo beim Schermhof. Einem Schweizer Fan verkauft er noch eine CD. Der Mann aus dem Berner Oberland erzählt, dass er jedes Jahr wegen Peter Heger komme. "Mich faszinieren besonders die Bachpräludien mit wohltemperiertem Klavier." Die vergangenen 15 Jahre war Heger Pianist bei den Amper Stompers. Heger kreuzt klassische Musik mit Boogie - ohne Gesang. "So schee sing i ned", gesteht der Musiklehrer.

Es ist 0.30 Uhr. Die meisten Besucher gehen nach Hause oder ziehen gut gelaunt weiter. Nahne Tillmann ist ein bisschen froh, dass es vorbei ist. Am Freitag hatte sie frei. Ausschlafen? Fehlanzeige. Früh morgens wurde eine Bühne direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster aufgebaut. "Später dann von allen Seiten der Boxencheck: Durchsage, Tüt tüt tüt, Test, Test." Dafür sparte sie sich als Anwohnerin den Eintritt. Mitfeiern sei ohnehin die beste Idee. Zum Essen habe sie niemanden eingeladen. "Da hätten meine Gäste ja Eintritt zahlen müssen, um zu mir durchzukommen."