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Ehemaliges Seeber-Gelände:Naturparadies hinter Gewerbehallen

Entlang des ehemaligen Seeber-Geländes an Würm und Schleißheimer Kanal sollen etwa 1,2 Hektar Ausgleichsfläche geschaffen werden.

Auf einem weiteren Stück soll die Würm in Dachau renaturiert werden. Wie bereits in Dachau Ost mit der sogenannten Würmverführung, soll auch entlang des ehemaligen Seeber-Geländes der Bach ein besserer Lebensraum für Tiere und Pflanzen werden. Die Ufer sollen abgeflacht und zugänglicher werden. Das Ziel ist, einen "öffentlich zugänglichen und weithin offenen, parkartigen Auenbereich zu schaffen", wie es im Umweltbericht für das Bebauungsplanverfahren heißt. Durch den neuen Besitzer des Geländes kommt nun wieder Bewegung in dieses schon recht alte Vorhaben. Denn er muss im Gegenzug für andere Flächen, die am Ostrand des Gewerbegebiets versiegelt werden, etwa 1,2 Hektar Ausgleichsfläche an Würm und Schleißheimer Kanal schaffen: Hier soll neuer Lebensraum für teils seltene Pflanzen und Tiere entstehen.

Für die Mehlschwalbe zum Beispiel. 15 Nester der gefährdeten Art haben die Gutachter aufgefunden, sie beobachteten jagende Rauchschwalben und nistende Haussperlinge - deren Bestandsrückgang der Landesbund für Vogelschutz als "erschreckend" bezeichnet. Natürlich gibt es auch Fledermäuse: Zwergfledermaus und Weißrandfledermaus sollen auch in Zukunft an der Würm auf Insektenfang gehen. Davon gibt es an Würm und Schleißheimer Kanal reichlich: Unter anderem schwirren die gebänderte Prachtlibelle, die kleine Zangenlibelle und der kleine Blaupfeil übers Wasser. Zangenlibelle und Blaupfeil gelten in Bayern als stark gefährdet. Auch der vom Aussterben bedrohten Helmazurjungfer soll Lebensraum geboten werden. Flache Ufer, Wurzelstöcke und aufgehäufte Steine bieten Zauneidechsen Verstecke und Sonnenplätze. Als gefährdete Fischarten gelten Barbe und Koppe, die typisch für die Gewässer im Dachauer Moos sind. Auch Elritzen, Nerflinge und die sogenannten Schneider sollen sich ausbreiten. Zauneidechsen sollen sich allerdings vor allem am Ostrand des Geländes ansiedeln. Ein fünf Meter breiter Gehölzstreifen und eine blütenreiche Wiese sollen an dieser Seite das Gewerbegebiet abschirmen und den Ortsrand begrünen.

Der Bach darf jetzt wieder Schleifen fließen

Im Vergleich zur Würmverführung nördlich der Schleißheimer Straße in Dachau und auch zur Würmschleife in Karlsfeld, geht es nun um ein recht kurzes Stück. Nur etwa 180 Meter Bachlauf werden "sichtbarer und erlebbarer" werden, wie es im Planungsdeutsch heißt. Der jetzt schnurgerade Bach soll ein deutlich gewundeneres Bett erhalten, wie der Entwurf für den Bebauungsplan zeigt. Auch der Schleißheimer Kanal soll einladender werden.

Nördlich wurde die Würm auf der gesamten Strecke bis zur Pater-Roth-Straße renaturiert. In Karlsfeld wurde als ökologischer Ausgleich für die Eingriffe in die Würmaue beim Bau der Bayernwerkstraße ein 2,5 Hektar großes Gebiet in ein "kleines Naturparadies" verwandelt, wie die Gemeinde selbst es beschreibt. Insekten, besonders Libellen, haben sich angesiedelt. Eisvögel und Silberreiher wurden bereits gesichtet.

Die weitere Würm-Renaturierung greift nun zum Teil auch die Rahmenplanung Grün-Blau wieder auf, welche durch den Aktionsplan integrative Stadtentwicklung 2007 und 2008 erarbeitet wurde. Die Grün-Blau-Pläne waren deutlich umfangreicher. Der Thementisch Umwelt, Natur, Energie schlug damals vor, einen Teil der Würm auszuleiten und über ein neues Bachbett zum Saubach zu führen. Die Gewässer sollten damit ökologisch sinnvoll verknüpft und der Lebensraum für Tiere vergrößert werden. Das Ziel war kein geringeres als die Rettung des Dachauer Mooses, jede weitere Siedlungsausdehnung sollte damit verhindert werden. Übrig geblieben von den Ideen und Forderungen aus Grün-Blau ist nun das Vorhaben, zwischen Wohnbebauung und Gewerbe einen grünen Ortsrand zu schaffen, der als kleines Naherholungsgebiet fungiert und das neue Gewerbegebiet durch Grün abschirmt. "Das ist schön, aber zu kurz", sagt Peter Heller vom Bund Naturschutz dazu, der wesentlich an der Grün-Blau-Planung mitgearbeitet hatte. Er spricht von einer "Mikroaufenthaltsqualität". Wichtig, so sagt er, wäre eine Fischtreppe am Wasserkraftwerk, das allerdings in privater Hand ist. Für die Fische sei am Wehr Schluss.

30 bis 40 Bäume müssen gefällt werden

Bis alles umgesetzt ist, kann es "noch ein paar Jahre dauern", sagt Stadtbauamtsleiter Michael Simon. Zunächst muss der Bebauungsplan fertiggestellt werden. Die Stadt muss sich mit dem neuen Eigentümer des Geländes, der Hubert Haupt Immobilien Holding aus Grünwald, auch über die Ausgleichsflächen einig werden. Zur Renaturierung sind neben städtischen vor allem auch die privaten Flächen nötig. Der Bauamtsleiter zeigt sich jedoch zufrieden mit dem Fortschritt der Gespräche für die Aufstellung des Bebauungsplans. Die Umsetzung der Arbeiten für den Grünstreifen am Ostrand des Geländes hat die Immobilien Holding bereits angekündigt.

Somit können sich Eidechsen schon in diesem Sommer am alten und auch neuen Gewerbegebiet an der Schleißheimer Straße 100 sonnen. Als vorgezogene Ausgleichsmaßnahme, so erklärt Simon, sollen noch im Februar etwa 30 bis 40 Bäume an der Ostseite des Geländes, vor allem Fichten, gefällt werden. Sie sind teils vom Borkenkäfer befallen. Die Wurzelstöcke bleiben stehen und werden neuer Lebensraum für Tiere.

© SZ vom 08.02.2017/gsl
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