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Digitalisierung an Schulen:Leserbrief

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Wohlfeile Ratschläge

Zum Bericht "Digitalisierungsexpertin platzt der Kragen" vom 15. Januar.

Wenn es mal nicht läuft wie gewünscht mit "der Mannschaft", kann so ziemlich jeder Deutsche Fußballbundestrainer. Denn jeder hat ja schon mal ein Fußballspiel gesehen oder gar im Verein oder auf der Straße gekickt. Schule kann auch so ziemlich jeder, weil er selber Schüler war und nun auch noch in der Coronakrise für die eigenen Kinder zur Hilfslehrkraft mutieren muss.

Frau Caspari greift - explizit aus Elternsicht - auf ihre Erfahrungen im Distanzunterricht mit zwei Schulen in der Stadt Dachau zurück und zieht auf dieser schmalen empirischen Basis weitreichende Schlüsse. Diese werden mit Forderungen verbunden, die sich auf Bereiche wie Ausübung pädagogischer und unterrichtlicher Tätigkeiten durch Lehrkräfte, deren Aus- und Weiterbildung und die Leistungsmessung beziehen. Der Schwerpunkt liegt aber auf der medialen Ausstattung sowie der Verwendung von digitalen Plattformen und Kanälen an den Schulen, die ihr im Allgemeinen wenig krisentauglich oder gar zukunftsfähig erscheint. Dieser umfassende Katalog geht dann wohl doch weit über die Beurteilungsmöglichkeiten der selbst gewählten Perspektive hinaus und ist offenbar doch eher der Perspektive der Digitalisierungsexpertin und dem Blick auf das bildungspolitische Profil ihrer Partei geschuldet (SPD; Anm. d. Red.) und betrifft damit auch nicht vorrangig die momentane krisenhafte Situation, die praktikable und pragmatische Lösungen fordert.

Die weitreichenden Vorwürfe, die sie an das Kultusministerium, aber auch an die ihr aus Elternsicht bekannten Schulen richtet, wirken argumentativ nicht immer überzeugend und nicht ausreichend belegt. So scheinen verschiedene Darlegungen doch eher Befindlichkeiten, subjektiven Wahrnehmungen und persönlichen Interessen geschuldet zu sein als belastbaren Fakten. Darüber hinaus fehlt natürlicherweise ein echter Einblick in die konkreten internen Abläufe einer Schule.

Dies sei exemplarisch aufgezeigt: Es bleibt unklar, woher Frau Caspari die Überzeugung nimmt, dass viele Lehrer nicht ausreichend für die digitale Wissensvermittlung geschult seien. Sie nehme Hilflosigkeit wahr und ein Klima der Angst. Argumentativ versucht sie, dies durch ein Zitat aus einem Elternbrief zu untermauern. Aus diesem lässt sich aber beim besten Willen nicht ablesen, ob und wie die Schulung der Lehrkräfte vonstattenging. Es wird interpretiert, dass Lehrkräfte in der Videokonferenz Angst vor der Enttarnung "digitaler Wissenslücken" haben und diese vor den Eltern systematisch verborgen werden sollen, unterstützt von einem Schulleiter, der mit der Drohung mit rechtlichen Konsequenzen ein Klima der Angst schüre, wohl um dieses Versagen zu vertuschen. Ganz abgesehen davon, dass gerade die Videokonferenz dem Präsenzunterricht methodisch-didaktisch am nächsten kommt und dass gerade hier digitale Wissenslücken weniger auffallen als analoge, muss einem echten Pädagogen gerade in dieser datenschutzrechtlich sensiblen Situation der Persönlichkeitsschutz seiner Schüler ein Anliegen sein, notfalls auch mit rechtlichen Mitteln! Ich denke, dass es kein Elternteil gutheißen kann, wenn die nicht so gelungene Wortmeldung des eigenen Kindes oder gar dessen Fehlverhalten in einer Videokonferenz von dritter Seite technisch festgehalten, vielleicht sogar medial verbreitet und kommentiert würde. Auch den Lehrkräften sei dieser Persönlichkeitsschutz zugestanden.

Im schulischen Zusammenhang muss auch die Nutzung von Produkten großer Anbieter wie Microsoft aus datenschutzrechtlichen Erwägungen kritisch diskutiert werden. Denn es ist davon auszugehen, dass die großen Anbieter eher ökonomische als pädagogische Interessen verfolgen. Als Schule trägt man hier eine große Verantwortung und kann nicht nur die beste technische Funktionalität als Kriterium nehmen. Der Aspekt des Persönlichkeits- und Datenschutzes muss einer Person, die sich beruflich mit Digitalisierung auseinandersetzt und diese vor allem als Problem der technischen Machbarkeit sieht, nicht präsent sein. Allerdings müssen diejenigen, die sich im Bereich der Bildung mit Digitalisierung beschäftigen, pädagogische und auch ethische Implikationen im Auge behalten, kritisch diskutieren, hinterfragen und dann innerhalb dieses Spannungsfeldes entscheiden.

Es ist wohl einfach so: Ebenso wenig wie man die Fußballnationalmannschaft durch einfache Lösungen und wohlfeile Ratschläge als einer von 80 Millionen Hobby-Nationaltrainern zum Weltmeister machen kann, kann man wohl auch Schule und vor allem Bildung ohne pädagogische Expertise digitalisieren.

Dr. Claudia Margraf, München

© SZ vom 24.02.2021
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