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Digitale Alternativen zum Gedenkstättenbesuch in Dachau:Erinnerung von unten

Experten sehen in digitalen Erzählformen die Chance, mehr junge Leute für die Verbrechen der NS-Zeit zu sensibilisieren. Einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau kann dieser virtuelle Zugang allerdings nicht ersetzen

Die Kamera zoomt an den Altar heran, an dem Pfarrer Björn Mensing die Gedenkfeier eröffnet: "Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Nur drei Menschen dürfen an diesem Vormittag des 9. April zur Gedenkfeier für die ermordeten Widerstandskämpfer Georg Elser und Dietrich Bonhoeffer in die evangelische Versöhnungskirche kommen. So hört man Sophie Ackerles Gesang klar durch die leeren Kirchengemäuer aus den Lautsprechern hallen und beobachtet durch den starren Kamerawinkel, wie Kerzen entzündet werden. So erahnt man nur die Stimmung, die wohl über einen gekommen wäre, säße man nicht am Esstisch vor dem Laptop, sondern unter in dunklen Farbtönen gekleideten Menschen auf einer harten Bank in der Kirche.

Wegen der Ausgangsbeschränkungen finden dieses Jahr, 75 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland und ganz Europa viele Gedenkveranstaltungen in digitalen Formaten statt - so auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Dort hätte am 3. Mai eigentlich die Befreiungsfeier des ehemaligen Konzentrationslagers mit 2000 internationalen Gästen begangen werden sollen.

Der Begriff der Erinnerungskultur ist in Deutschland vor allem mit der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis, den Holocaust, die Ermordung von sechs Millionen Juden konnotiert. Damit einher geht die Auseinandersetzung mit einer deutschen Verantwortung, auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und nun, im Angesicht der Corona-Pandemie, stehen online Videos wie jenes aus der Versöhnungskirche in Dachau für eine Ausprägung des Gedenkens, die nicht neu, aber doch neuartig ist: eine digitale Erinnerungskultur. Sie führt die Erinnerungskultur im Internet weiter, entwickelt eigene Ausprägungen und verändert Erinnern.

Die digitale Erinnerungskultur umfasst etwa Videoaufnahmen von Zeitzeugen in Online-Datenbanken. Geschichte kann lebendig nachempfunden werden in Videospielen wie "Through the Darkest of Times", in denen man in eine Widerstandszelle gegen das NS-Regime schlüpft. Universitäten erarbeiten mit Zeitzeugen sogenannte Augmented-Reality-Apps (zu Deutsch: erweiterte Realität), die im Schulunterricht eingesetzt werden, um Schülerinnen und Schülern Holocaustüberlebende virtuell ins Klassenzimmer zu holen. Hashtags wie #niewieder oder #75Befreiung, unter denen auf Social-Media-Plattformen Debatten geführt werden, Fotos von Gedenkstättenbesuchen geteilt oder auf Jahrestage hingewiesen wird.

Befreiungsfeier

Die für Sonntag, 3. Mai, geplante Befreiungsfeier des Konzentrationslager Dachaus muss aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen, wie die Gedenkstätte mitteilt. So entfällt nicht nur die Großveranstaltung mit etwa 2000 internationalen Gästen, sondern auch das mehrtägige Rahmenprogramm mit Zeitzeugengesprächen der Überlebenden und Befreiern des KZs. Die geplanten Redner für die Feierlichkeiten, darunter Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), wurden gebeten, ihre Beiträge als Videobotschaften aufzuzeichnen. Die verkürzten Reden sowie schriftliche Botschaften von Überlebenden und Befreiern werden auf der neuen Website der Gedenkstätte gesammelt ausgestellt. Die evangelische Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte unter Leitung des Pfarrers Björn Mensing arbeitet derzeit daran, Ausschnitte des ökumenischen Gedenkgottesdienstes in der Kirche online zu stellen. Johanna HINtermeier

Steffen Jost, seit 2018 pädagogischer Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau, sieht sehr viel Positives in diesen Entwicklungen der digitalen Erinnerungskultur. Besucher der Gedenkstätte hätten viel mehr Möglichkeiten, an Ort und Stelle aber auch von zu Hause an Gedenken zu partizipieren. "Digitales Erinnern kann die Hürde senken, sich mit schweren historischen Ereignissen auseinanderzusetzen - Der Besucher postet ein Foto aus unserer Gedenkstätte, dann reden sie online mit anderen darüber; wir erfahren so also eine neue Form der Aufmerksamkeit".

"Erinnern digital heißt nicht Erinnern gleich trivial", sagt der Forscher. Was sich verändere, sei nicht nur die niederschwellige Beteiligung am Gedenken, sondern vor allem die Rolle der klassischen Institutionen müsse sich nun anpassen, die Menschen anders mit einzubeziehen. Gedenkstätten und Museen arbeiteten deshalb an neuen musealen Konzepten, in Dachau werde derzeit von den Gedenkstättenführern an kurzen Videos aus dem ehemaligem KZ gearbeitet, so Jost. Auch Manuel Menke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München, beurteilt diesen Wandel in der Erinnerungskultur positiv. Menke forscht zu Formen des digitalen Erinnerns: "Mehr Menschen können sich jetzt online über ihre Geschichte oder die ihrer Vorfahren äußern - wir erleben so immer mehr ein Erinnern von unten." Auf dieses kann man jederzeit mobil über das Smartphone zugreifen. Mit diesem besonderen Format kann man zudem ein Publikum erreichen, das sonst kaum Gedenkstätten besucht und mit Erinnerungskultur bisher wenig zu tun hatte. Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz nutzt dieses Potenzial bereits, indem sie auf Twitter und Facebook Exponate postet, zu denen keinerlei Information ausfindig zu machen sind. Follower aus der ganzen Welt können dann helfen, deren Geschichte zu rekonstruieren. Menke: "Wir können Erinnerung online demokratisieren - alle nehmen teil daran."

Dieser Pluralismus der Perspektiven ist nicht an nationalstaatliche Grenzen gebunden. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg betraf Menschen aus der ganzen Welt - damit gehen naturgemäß unterschiedliche Deutungen der Geschichte einher. Menke hofft, dass über den Austausch auf Social Media langsam eine globale Erinnerungskultur entstehen kann: "Diese wäre konflikthaft, man müsste bestimmte Interpretationen neu diskutieren, aber insbesondere für eine europäische Erinnerungskultur kann der Austausch auch Beitrag zu einer europäischen Identität liefern, wenn man sich der gemeinsamen Geschichte erinnert."

Digitale Erinnerungskultur kommt nicht ohne scharfe Kritik an ihr aus. Wie auch in der realen Welt wird zum Beispiel diskutiert, was geschmacklos oder unangemessen ist im Umgang mit dem Holocaust. Fotoshootings auf den Bahngleisen im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, auf denen hunderttausende Menschen für den Tod in der Gaskammer deportiert wurden sind ein Beispiel, das die Gemüter erregt. Steffen Jost von der Gedenkstätte Dachau: "Solche Aktionen werden oft mit einem Shitstorm online quittiert. Ja, es geschieht Unangemessenes online - aber die Leute machen ja auch außerhalb des Netzes Quatsch."

Der israelische Satiriker Shahak Shapira kommentierte ähnliche Vorfälle mit Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit einer eigenen Form der Erinnerungskultur: Unter dem Hashtag #Yolocaust (eine Anspielung an das Akronym Yolo, " You Only Live Once", "Du lebst nur einmal"), schnitt er 2017 Fotos von Menschen, die Handstand oder Luftsprungposen zwischen den Gedenksteinen machten, aus und fügte sie in Fotografien des Holocaust ein, etwa zwischen Berge aus Leichen in deutschen Konzentrationslagern. Man muss diese Form der Auseinandersetzung nicht gutheißen oder kann sie als zynisch ablehnen. Steffen Jost sieht es auch als Auftrag der institutionalisierten Erinnerungskultur wie der KZ-Gedenkstätte, online weiter eine Art Moderatorenrolle, zum Beispiel auf Social-Media-Plattformen, einzunehmen. Die Gedenkstätte Dachau, sagt Jost, lerne so auch immer viel von anderen Gedenkstätten und deren Internetauftritt.

Aber nicht nur Kulturinstitutionen mischen online mit. Auf Instagram hat ein israelischer Milliardär ein einzigartiges Projekt finanziert. Angelehnt an die Tagebücher der ungarischen Jüdin Eva Heymann spielt eine Schauspielerin Evas Leben von ihrem 13. Geburtstag bis zu ihrem Tod in Auschwitz nach- und filmt sich dabei mit der Smartphone-Kamera selbst. Mit Fotoeffekten, Hashtags, nachgespielten Szenen der Machtergreifung und in erzählter Jugendsprache soll das Leben der Jugendlichen in die heutig Online-Realität vieler junger Menschen übersetzt werden. Der pädagogische Referent Jost sagt: "Man kann und sollte darüber diskutieren, wie gut und sinnvoll diese Formate sind." Die jüngeren Menschen sollte man aber dort im Netz treffen, wo sie sich aufhalten, so Jost, und das sei Aufgabe von Gedenkinstitutionen heute.

Doch das bedrückende Gefühl, das einen überkommt, wenn man durch das eiserne Tor mit den zynischen Worten "Arbeit macht frei" geht, kann auch bei virtuellen Rundgängen nicht nachempfunden werden. Jost ist sich daher sicher: "Noch mehr als bei Museen können reale Gedenkstättenbesuche nicht ersetzt werden, wir verlieren keine Besucherinnen und Besucher durch eine starke Internetpräsenz." Unersetzbar bleiben laut Martina Venter, Projektkoordinatorin der Befreiungsfeier in Dachau, auch die persönlichen Begegnungen der vielen Gäste. "Der Bedarf an persönlichem Austausch, vor allem zwischen den Generationen, ist enorm. Wir werden versuchen, Alternativen zu den Gesprächen mit Videokonferenzen zu erstellen." Da die Generation der Zeitzeugen leider langsam aussterbe, bedeute jede Verschiebung der persönlichen Treffen auch weniger persönliche Stimmen aus dieser Zeit. Je mehr man diese Stimmen jetzt online sammle, desto mehr könne für das Erinnern erhalten werden, so Venter.

Sich einzeln und als Gesellschaft zu erinnern, bedeutet immer eine Auseinandersetzung über das Erinnern selbst zu führen. Die deutsche Erinnerungskultur ist stetig im Wandel seit es sie gibt, vom Totschweigen während der Nachkriegszeit bis hin zur Aufarbeitung und stetiger Verteidigung, in den vergangenen Jahren, besonders gegen rechtsextremistische, revisionistische Stimmen im Land.

Vielleicht zeigt die Corona-Krise also gerade die Facetten der Erinnerungskultur nun klarer auf, bei denen wir nicht auf persönlichen Kontakt verzichten wollen - und jene, wo die digitalen Formate das Erinnern positiv erweitern können.

© SZ vom 17.04.2020

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