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Kunststadt Dachau:Baselitz kommt

Der Künstler Georg Baselitz zeigt in seinem Münchner Atelier seinen Linolschnitt "Silence" aus der Serie "Im Wald und auf der Heide".

(Foto: VR Bank)

Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart, seine Werke erzielen Rekordpreise auf dem Kunstmarkt: Museen und Galerien auf der ganzen Welt reißen sich um Georg Baselitz - im Sommer 2016 stellt er in Dachau aus.

Von Helmut Zeller

Seine Bilder erzielen auf dem internationalen Kunstmarkt Rekordpreise, Museen und Galerien auf der ganzen Welt reißen sich um ihn - jetzt stellt Georg Baselitz in Dachau aus. Der 77-Jährige gehört zu den bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstlern, der mit seinen auf den Kopf stehenden Bildern den Kunstbegriff revolutioniert hat.

Im Februar erst ging eine große Werkschau im Münchner Haus der Kunst zu Ende. Im Juni und Juli 2016 zeigt Georg Baselitz im Dachauer Schloss Grafiken, Radierungen sowie meist großformatige Holz- und Linolschnitte. Die Ausstellung wird von der Volksbank Raiffeisenbank Dachau in Kooperation mit Landkreis und Stadt veranstaltet. Warum Dachau? "Wir wollen Dachau für die Zukunft einen Anschub geben", erklärt Baselitz-Sekretär Detlev Gretenkort. Das Ereignis gilt schon im Vorfeld als kulturpolitischer Durchbruch: Die Stadt Dachau, die als Künstlerkolonie einst europaweite Geltung hatte, rückt wieder ins Zentrum zeitgenössischer Kunst.

Ein nie erlebter Aufwand

Die Genossenschaftsbank fördert seit vielen Jahren regionale Kunst. 2013 präsentierte sie erstmals im Dachauer Schloss Werke von Rudi Tröger. Mit der Baselitz-Ausstellung hofft das Bankmanagement dem Dachauer Kunstleben eine neue Dimension zu geben. Entsprechend wird ein nie erlebter Aufwand betrieben: Im Renaissancesaal des Schlosses, der nicht gerade ideale Bedingungen für eine Ausstellung bietet, werden mit Einverständnis der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung die Wittelsbacher-Portraits abgehängt sowie die Lüster abmontiert.

Unter der Regie von Detlev Gretenkort wird eine eigene Ausstellungsarchitektur und ein Beleuchtungssystem entwickelt. Die Dachauer Kunsthistorikerin Bärbel Schäfer, Mitarbeiterin der VR Bank, kuratiert die Ausstellung. Bankvorstand Karl-Heinz Hempel erklärt dazu: "Wir wollen mit diesem Künstler von Weltrang Dachau als Kunststadt ein neues und stärkeres Gewicht in der Öffentlichkeit geben."

Früher eine der bedeutendsten europäischen Künstlerkolonien

Die Kommunalpolitik zweifelt nicht daran - und steuert Geld bei. Die Kosten des Kunst-Events wurden nicht bekannt gegeben. Informationen der SZ zufolge handelt es sich dabei um einen Betrag von mehreren Hunderttausend Euro. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) lässt 2016 das ganze kulturelle Sommerprogramm als Ergänzung zur Baselitz-Ausstellung gestalten. Landrat Stefan Löwl (CSU) ist, wie er sagt, entzückt über die einmalige Gelegenheit, Werke eines der bedeutendsten Künstler sozusagen vor der Haustür zu entdecken.

Neben Worpswede und Barbizon gehörte Dachau im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten europäischen Künstlerkolonien. Bis 1914 lebten hier viele internationale Künstler. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die Kunstszene langsam, konnte aber nie mehr an die Bedeutung vor 100 Jahren anknüpfen. Das gelang trotz vielfacher Bemühungen weder der Künstlervereinigung Dachau noch dem Zweckverband Dachauer Galerien und Museen.

Initialzündung für zukünftige Ausstellungen

Seit den siebziger Jahren zieht kaum ein Künstler mehr nach Dachau. Die Stadt stellt jedoch, wie immer wieder beklagt wird, nicht ausreichend viele attraktive Arbeitsbedingungen für Gegenwartskünstler zur Verfügung. Die Baselitz-Ausstellung könnte die Initialzündung für zukünftige Ausstellungen weiterer wichtiger überregionaler Künstler sein.

Präsentiert wird neue Grafik, Radierungen sowie Holz- und Linolschnitte, meist zwei Meter hoch, die bisher in Deutschland selten gezeigt wurden. Eine große Ausstellung mit Holzschnitten fand 2013 zum 75. Geburtstag des Künstlers in der Albertina in Wien statt. Mit der Dachauer Ausstellung erscheint erstmalig ein Katalog zu dieser Werkgruppe im deutschsprachigen Raum. "Baselitz belebte den Holzschnitt mit einer kompromisslosen Energiegeladenheit und Direktheit. Wie in seinen Malereien ist auch in der Druckgrafik die ganze Wucht seiner gestalterischen Freiheit zu erleben", urteilt Kuratorin Bärbel Schäfer.

Kraftvoll, expressiv und brachial

Die Werke des 1938 im sächsischen Großbaselitz geborenen Künstlers sind kraftvoll, expressiv und brachial - und provozierten von Anfang an. Georg Baselitz ist und war ein Rebell, der sich dem sozialistischen Realismus verweigerte und seit seiner Auswanderung 1957 gegen die Prüderie der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft malt und Skulpturen schuf. Seine atemberaubenden "Schwarzen Bilder" mit dem stürzenden Adler oder die "Remix"-Bilder zerstören herkömmliche Sehgewohnheiten.

Baselitz prägte mit seinen Werken die moderne Malerei seit 1960. An dem Künstler, der im Ausland als einer der wichtigsten Vertreter des "Neuen deutschen Expressionismus" gilt, scheiden sich auch nach 30 Jahren die Geister. International genießt er neben Gerhard Richter jedoch hohe Anerkennung.

Der Kontakt zu Baselitz, der am Ammersee lebt, ist einem Zufall zu verdanken: Ein Mitarbeiter der VR-Bank stellte ihn her. Über seinen Sekretär ließ der Künstler wissen: Er freue sich auf die Ausstellung im Schloss Dachau.

© SZ vom 28.03.2015
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