Die Bibel als Buch der Frauenrechte "Gott wollte Gleichberechtigung"

Von wegen "Das Weib sei dem Manne untertan": Annegret Braun hat beim quellenkritischen Studium der Bibel erstaunlich viele starke Frauenfiguren gefunden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Frauen spielen in der katholischen Kirche bislang kaum eine Rolle. Dabei kann man die Bibel in Sachen Emanzipation auch sehr progressiv lesen, wie die Sulzemooser Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Annegret Braun in ihrem neuen Buch zeigt

Von Interview von Jana Rick

Die Bibel ist ein Buch der Frauenrechte, das möchte Annegret Braun in ihrem Buch "Warum Eva keine Gleichstellungsbeauftragte brauchte" aufzeigen. Die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin aus Sulzemoos macht darin die Emanzipation der Frau zum Thema, schreibt über Martin Luthers tüchtige Hausfrau und Moses, der ein offenes Ohr für Frauenrechtlerinnen hatte. Sie erklärt, dass man die Bibel auch "anders lesen" kann. Dann staunt man über die vielen Beispiele im Alten und Neuen Testament, in denen Frauen eine durchaus bedeutende Rolle spielen, auch in Machtpositionen.

SZ: Frau Braun, wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Annegret Braun: Ich habe mich schon in meinem Studium und in vielen akademischen Arbeiten mit Frauen und mit der Emanzipation beschäftigt, und dabei habe ich mich immer wieder gefragt, was bedeutet das für mich als Christin? Es hat mich schon immer ein bisschen gestört, dass die Bibel so männlich orientiert dargestellt wird. Aber ich kenne eben auch andere Bibelstellen, wo das nicht so ist, und die hört man in der Öffentlichkeit kaum. Deshalb habe ich mich damit einfach ein bisschen mehr befasst.

Woran liegt es denn, dass die Bibel männlich geprägt ist oder wirkt?

Zum einen, weil die meisten Verfasser männlich sind und zum anderen weil sie patriarchalisch gelebt haben und weil später einfach die Männer in der Kirche das Sagen hatten. Sie haben die Bibel dann sehr männlich interpretiert, natürlich zu ihren Gunsten. Ein weiterer Grund sind aber auch Übersetzungsfehler. Aus Junia wurde Junias, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau Apostelin ist. Kommt es also darauf an, wie man die Bibel interpretiert?

Genau so wie man sie liest. Wenn man überlegt, dass allein die Theologen sehr unterschiedlicher Meinung sind, was die Inhalte der Bibel angeht. Jeder kommt zu anderen Schlüssen. Und auch durch die Übersetzung ist schon eine bestimmte Interpretation gegeben. Das Wort "tüchtig" kann zum Beispiel als "mutig" oder als "tatkräftig" übersetzt werden. Alle drei Wörter charakterisieren eine Frau auf eine andere Weise.

Ist Ihr Buch also eine mögliche Interpretation von vielen?

Ja, das würde ich schon sagen. Aber vielleicht ist es auch eine Interpretation einer Frau. Andererseits beruht mein Buch ja auch auf vielen Fakten, die von einem Theologen geprüft wurden. Es ist also nicht nur eine rein subjektive Interpretation.

Sehen Sie Ihr Buch als theologisch?

Ich würde sagen eine Mischung aus allem. Vor allem ist es kulturwissenschaftlich, weil ich Kulturwissenschaftlerin bin, aber es ist auch theologisch untermauert. Und es ist ein erzählendes Sachbuch, aus meiner Perspektive als Gläubige.

Wer denken Sie greift in einer Buchhandlung nach Ihrem Buch?

Zum einen hatte ich konservative Christen im Blick, die aus dem festen Glauben heraus denken, dass es einfach Gottes Wille ist, dass der Mann das Oberhaupt ist. Evangelische wie katholische Christen. Ich habe aber auch gemerkt, dass auch Interesse besteht bei Menschen, die der Kirche fernstehen und immer noch das Bild im Kopf haben, dass die Bibel überholt sei. In denen möchte ich gerne die Neugierde wecken, zu erkennen, dass die Bibel auch ganz andere Interpretationen enthält.

Lesen auch Männer Ihr Buch?

Ich hoffe schon! Ich schreibe ja nicht nur von starken Frauen, sondern auch von starken Männern. Ich will zeigen, dass auch viele Männer erkannt haben, dass Gott Gleichberechtigung wollte. Also die Männer kommen in meinem Buch auch gut weg, nicht nur als "die Unterdrücker".

Sie arbeiten mit der Bibel als wissenschaftliche Grundlage. Ist die Bibel denn zeitlos?

Ja. Aber man darf auch die Hintergründe der Bibel nicht außer Acht lassen, sei es der historische oder der kulturelle Hintergrund. Die Bibel hat einfach viele verschiedene Ebenen. Aber es sind Botschaften darin zu finden, die auch heute den Menschen Halt geben.

Welche Botschaft möchten Sie den Lesern noch übermitteln?

Dass für Gott die Menschen absolut gleichwertig sind. In jeder Hinsicht, auch im Geschlecht.

Um das zu beweisen, haben Sie sich verschiedene Beispiele aus der Bibel herausgegriffen, in denen Frauen eine bedeutende Rolle spielen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ich habe mir vor allem die Frauenfiguren herausgegriffen, die oft im Hintergrund stehen. Esther zum Beispiel und Hulda. Aber natürlich gibt es noch viel mehr Frauen in der Bibel. Auf ein paar Stellen bin ich auch durch Zufall gestoßen, in einer Predigt oder wenn ich ein Buch gelesen habe.

Wer ist denn unter den erwähnten Frauen Ihr persönliches Vorbild?

Deborah. Weil sie eine Frau in einer Männergesellschaft war, die ein so hohes Amt hatte wie kein Mann: Sie war Prophetin und Richterin, als geistliches und kirchliches Oberhaupt. Und das wurde als sehr selbstverständlich akzeptiert. Und sie war verheiratet. Sie hat ihr Amt mit Souveränität ausgeübt, hat keine Verantwortung gescheut, war mutig und entscheidungsfreudig. Das ist wirklich beachtlich.

Würden Sie der Aussage zustimmen, dass die heutige Kirche männerdominiert ist?

Ja, einfach aus der Tradition heraus. In der evangelischen Kirche gibt es schon viele Frauen, aber die führenden Positionen haben dennoch Männer. Und die katholische Kirche ist ganz klar männerdominiert.

Vielleicht haben Sie von Jacqueline Straub gehört, einer jungen Frau, die katholische Priesterin werden möchte. Die SZ berichtete erst kürzlich über sie.

Ja, das habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Finde ich total klasse, sie ist sehr mutig.

In einem Kapitel kritisieren Sie auch die heutige Familienpolitik, die verändert werden müsse. Schreiben Sie hier aus persönlicher Erfahrung als Mutter?

Also ich persönlich hatte großes Glück, ich konnte freiberuflich arbeiten, das heißt sehr viel von zuhause aus. Aber während ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, musste halt auch mein Mann die Hausarbeit machen, wenn er von der Arbeit kam. Er hatte zum Glück flexible Arbeitszeiten und konnte sich viel um unsere beiden Töchter kümmern. Aber ich sehe es an meinen Freundinnen, die diese Freiheit nicht hatten. Und das finde ich sehr unfair.

Also befinden sich auch politische Appelle in Ihrem Buch?

Ja, auf jeden Fall. Die gesellschaftspolitische Aufgabe, die Erziehung von Kindern, sollte viel mehr Anerkennung bekommen, egal wer zuhause bleibt. Man müsste Frauen und Männern, die aus der Erziehungszeit kommen, einen roten Teppich ausrollen. Denn die haben so viele Fähigkeiten erworben, angefangen bei Multitasking.

Wenn Sie sich vorstellen, dass Gott oder Jesus Ihr Buch lesen würde, würde er Ihnen zustimmen, in dem, was Sie schreiben?

Ich glaube schon, sonst hätte ich es nicht geschrieben. Ich habe mich während des Schreibprozesses immer wieder gefragt, ob das, was ich schreibe, auch mit Jesus' Botschaft konform geht.

Annegret Braun liest am Dienstag, 12. März, aus ihrem Buch, das im Januar 2019 erschienen ist, in der Bücherei Sulzemoos. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt kostet fünf Euro.