„Griaß di“ und „Pfiat di!“ Die Begrüßungsformeln sind Siegfried Bradls Lieblingswörter auf Bairisch – das immer weniger Menschen beherrschen. Seit 2009 steht dieses deutsche Kulturerbe auf der Unesco-Liste der gefährdeten Mundarten. Um es regional zu pflegen, veranstaltet Bradl regelmäßig den Dialekt-Stammtisch in Altomünster. Zu den Stammtischen des Fördervereins bairische Sprache und Dialekte kämen stets zwischen 30 und 35 Leute – auch junge Menschen, betont er.
Dialekt ist jedoch bei der jungen Generation keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine Studie aus dem Jahr 2020, veröffentlicht im Magazin „Schönere Heimat“, kommt zu dem Ergebnis: Nur rund 20 Prozent der befragten Kinder aus Bayerisch-Schwaben sprechen im Dialekt. Eine mit der App Yougov vorgenommene Umfrage von 2024 zeigt, dass 95 Prozent all jener, die sich selbst als Dialektsprecher bezeichnen, älter als 24 Jahre sind.
Vor allem in den Ballungsräumen und Städten beobachte man bei jungen Menschen einen Rückgang des Dialektes, erklärt der Linguist und Dialekt-Experte Peter Kaspar. Im ländlichen Raum sei diese Rückläufigkeit „um ein Vielfaches langsamer“. Bradl meint dazu: „Wo die S-Bahn aufhört, fängt der Dialekt an.“
Ein Grund dafür, dass Dialekt in der Fläche besser bestehen bleibt, sei eine stärkere kulturelle Vermischung in Städten, sagt Sprachwissenschaftler Kaspar. Zudem berichtet er von Vorurteilen gegenüber Dialekten, die sich im urbanen Raum wohl besser hielten. Es bestehe etwa die falsche Überzeugung, wer Dialekt rede, sei rückständig. „Das ist natürlich Quatsch.“
Bradl verurteilt solche Vorurteile und spricht von Diskriminierung. Um den Dialekt in der Zukunft zu stärken und auch für Jugendliche zugänglicher zu machen, müsse man „das Selbstbewusstsein der Bairisch sprechenden Familien stärken“, sagt er. Denn: „Der Dialekt stirbt als erstes in der Familie.“
Junge Leute würden oft weniger stark mit traditionellen Bräuchen und Dialekten sozialisiert. „Da müssen wir Älteren halt einfach zu denen hingehen und versuchen, ihnen das nahezubringen und verständlich zu machen“, fordert Bradl – „und vor allem zu vermitteln, dass das eigentlich ein ganz wertvolles Kulturgut ist, das es zu erhalten gilt.“ Wichtig sei es daher, dass auch Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer über den Dialekt fortgebildet werden. Dazu gehöre dessen Weitergabe, aber auch die Vermittlung von Wissen über die Sprache.

Hilfreich für eine Vermittlung des örtlichen Dialektes sei außerdem eine „funktionierende Dorfstruktur“, sagt Bradl: also örtliche Schützenvereine, Blaskapellen oder Sportvereine. Dadurch komme es zu einem Austausch zwischen Jung und Alt, etwa über gemeinsame Interessen. In solchen Strukturen könne Dialekt florieren. Gerade bei Jugendlichen findet Austausch aber nicht nur von Person zu Person statt, sondern oft online. Bradl erzählt, dass Jugendliche etwa auf Whatsapp oft bairisch schreiben – doch wieso?
Grundsätzlich führen Social-Media-Plattformen zu einer Internationalisierung, erklärt Kaspar. Gleichzeitig gebe es aber „häufig eine Tendenz zur Gegenentwicklung“. In diesem Fall also zur Regionalisierung. Laut Kaspar wird Dialekt auf Tiktok und Co. zum Teil ganz bewusst verwendet, etwa zur Identitätsstiftung. „Das kann sein, um sich zu outen, wo man herkommt“, erklärt er.
Erfolgreich mit diesem Prinzip war etwa Noah Hansen, der auf Instagram bekannt wurde. Der Koch gewann 2024 den Dialekt-Preis des Heimatministeriums in der Jugend-Kategorie, weil er sich bei der Essenszubereitung filmen lässt und dabei erklärt, was er macht – in breitem Bairisch. Das kommt bei seinen 147 000 Instagram-Abonnenten offenbar gut an.

Für Bradl ist klar, warum Jugendliche ihre Mundart beibehalten sollten. „Weil ich einfach glaube, dass man mit Dialekt die höchste Identität mit seiner Heimat hat, die auch nach außen überzeugend wirkt“, sagt der ehemalige Vorsitzende des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte. Das Sprechen wirke authentisch und glaubwürdig, was bei anderen Menschen im Umfeld gut ankomme. Kaspar erklärt zudem, dass Standarddeutsch und Dialekt für die Vermittlung unterschiedlicher Botschaften geeignet seien. Die Hochsprache für den Inhalt, aber der Dialekt für das Gefühl.
Verlernen können Menschen ihren Dialekt nicht oder nur schwer, selbst wenn sie länger im Ausland leben. „Wenn ma d' Leit dann trifft, san de sofort wieder beim Bairischen“, weiß Brandl – auch wenn ihre Version der Sprache dann veraltet sein kann. Doch bevor der bairische Dialekt ein Leben lang erhalten bleibt, muss er eben erst einmal gelernt sein.
Trotz des teils düsteren Ausblicks auf die Zukunft der Sprache ist Kaspar nicht fatalistisch: „Prinzipiell würde ich nicht behaupten, dass der Dialekt am Aussterben ist“, sagt er. Liegt er vielleicht sogar im Trend? „Ich würde sagen, dass eine Renaissance insoweit einsetzt, als sich sehr viele Jugendliche stark mit ihrer Heimatregion identifizieren, und dazu gehört der Dialekt.“

