Das Erbe der Cowboys:Den ganzen Tag im Sattel

Lesezeit: 4 min

Die 27-jährige Carolin Lenz ist Westernreiterin und feiert bei internationalen Turnieren Erfolge. Auf ihrem Hof, dem Lucky Horse Corral in Rienshofen in der Gemeinde Schwabhausen, trainiert sie mit ihren Mitarbeitern 60 Pferde in dieser Sportart

Von Thomas Altvater, Schwabhausen

Seit Tagen sitzt er auf seinem Pferd. Den Hut aus Leder hat er sich tief ins Gesicht gezogen. Die Stiefel sind schmutzig vom aufgewirbelten Staub der Prärie. Einen Menschen hat er schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sein Job: Die großen, weitläufigen Viehherden zusammentreiben. So ähnlich dürfte es ausgesehen haben, das Leben der Cowboys vor etwa 200 Jahren im amerikanischen Bundesstaat Texas. Ein Leben, das Jahrzehnte später zur Legende wurde. Unzählige Verfilmungen, Bücher und Comics trugen zu einem Mythos bei, der bis heute lebt. Cowboys galten lange als Idealbild des Mannes. Glaubt man den vielen Filmen, waren sie zäh, wortkarg, ungewaschen, aber doch immer charmant. Im kleinen Ort Rienshofen im Landkreis Dachau führt nun eine Frau das Erbe der Cowboys weiter - mit internationalem Erfolg.

Mit fünf Jahren reiten gelernt

Carolin Lenz ist 27 Jahre alt, mittelgroß, blond, und sieht nicht aus, wie man sich eine Westernreiterin vorstellt. Lediglich ihre dunkle Jacke verrät ihren Beruf und ihre Leidenschaft: "Finalist German Open" steht darauf, neben Aufdrucken von Pferdebildern. "Mit fünf Jahren bin ich zum ersten Mal geritten", erinnert sich Carolin Lenz. Seitdem verbringt sie die meiste Zeit auf einem Pferderücken. Ihr erstes Pferd bekam sie, da war sie gerade einmal sechs Jahre alt. Dabei schien ihr späterer Werdegang damals schon festzustehen. Denn Carolin Lenz wuchs auf dem Pferdehof von Harald Betz auf. Betz, 71 Jahre alt, ist einer der Pioniere des Westernreitens in Deutschland und Europa. Es ist also kaum verwunderlich, dass Carolin Lenz zur Westernreiterin wurde. So begann sie nach und nach zu üben und zu trainieren. Die ersten Erfolge kamen sofort. Als Jugendliche wurde sie Vizeweltmeisterin, danach mehrmals Europameisterin und deutsche Meisterin.

Bereits sehr früh wurde ihr bewusst, dass sie ihr Hobby in Zukunft zum Beruf machen könnte. "Ich war 15, als zum ersten Mal Menschen auf mich zugekommen sind und gefragt haben, ob ich ihre Pferde reiten könnte." Ein verlockendes Angebot für das junge Mädchen. Doch Lenz entschied sich zuerst gegen eine Karriere als Reitprofi. Um etwas in der Hand zu haben, wie sie sagt, schloss sie eine Ausbildung ab. Und das - wie könnte es besser passen - als Physiotherapeutin für Pferde. Vor sieben Jahren wagte sie dann den Schritt in den Profisport, und widmete ihr Leben voll und ganz den Pferden und dem Westernreiten.

Ortsserie Rienshofen

Im beschaulichen Ort Rienshofen in Schwabhausen ist das Lucky Horse Corral ansässig. Dort trainiert Carolin Lenz mit ihrer Mutter Claudia und Harald Betz rund 60 Pferde.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Das Westernreiten ist mittlerweile zu einer eigenen Sportart geworden", erklärt Carolin Lenz. Seinen Ursprung hat der Reitsport tatsächlich im Wilden Westen. Da die Cowboys oft sehr lange im Sattel saßen, entwickelten sie einen energiesparenden Reitstil. Mit nur wenigen leichten Impulsen lenkten sie ihre Pferde. Eine Hand blieb dabei stets frei, für das Lasso. Das haben die Westernreiter von heute übernommen, auch sie reiten einhändig. Und in vielen verschiedenen Disziplinen. Etwa über einen anspruchsvollen Parcours, der natürlichen Hindernissen nachempfunden ist, die Paradedisziplin von Lenz. Geritten wird mit den typischen Cowboy-Stiefeln und dem Westernhut statt einem Helm. Auch der bequeme und breite Westernsattel ist ein wichtiger Teil der Ausrüstung.

Sieht man ein Foto von Carolin Lenz in ihrem Turnieroutfit, fühlt man sich tatsächlich in den Wilden Westen versetzt. "Mit den Cowboys hat das Westernreiten heute allerdings nicht mehr viel zu tun", stellt Carolin Lenz lachend klar. Sie sitzt in einem kleinen Aufenthaltsraum, dem Stüberl, im ersten Stock über einem alten Pferdestall. Die Wände sind voll von Auszeichnungen und Urkunden, in einem Schrank stehen viele goldene Pokale. Hier wird deutlich, wie erfolgreich die Westernreiterin ist. Lenz ist eine Größe ihres Sports. Nach Rienshofen kam sie vor sieben Jahren, als Harald Betz und ihre Mutter Claudia Lenz mit ihrem Pferdehof, dem Lucky Horse Corral, in die Gemeinde Schwabhausen umzogen.

Ortsserie Rienshofen

Mit fünf Jahren ritt Carolin Lenz zum ersten Mal. Seitdem verbringt sie fast jeden Tag im Sattel.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Insgesamt fünf Menschen arbeiten mittlerweile auf dem Hof. Neben den Stallungen und den vielen Koppeln gehört auch eine große Reithalle zur Anlage. An einem der Ställe hängt ein blechernes Schild mit der Aufschrift "Horse Parking Only". Etwas weiter steht auf blauem Hintergrund geschrieben "Zentrum des Westernreitens Bayern". Rienshofen war für die Westernreiter ein Glücksgriff. "Man kommt hierher und fühlt sich sofort wohl. Wir können richtig gut ausreiten, es kommen keine Autos und das Gelände ist einfach riesengroß", schwärmt Lenz. Auch die Zusammenarbeit mit den Pächtern lobt sie. "Wir haben einfach eine sehr gut Stallgemeinschaft."

Meisterschaften in Kreuth im Chiemgau

Um 8.30 Uhr beginnt der Arbeitstag von Carolin Lenz. Sie bringt die Pferde auf die Koppel. Ungefähr 60 Pferde leben auf dem Lucky Horse Corral in Rienshofen. Eigene Pferde haben die Besitzer nur wenige. "Menschen aus ganz Deutschland und Österreich bringen ihre Pferde, damit wir sie reiten und trainieren, das ist unser Hauptgeschäft", erklärt Lenz. Ihr Wissen, das sie über die Jahre gesammelt hat, will sie auch anderen Reitern weitergeben. "Bei uns kann man Reitunterricht nehmen, aber wir sind keine Ponyfarm", betont die 27-Jährige. Bis zu zwölf Pferde hat sie geritten, wenn sie um 18 Uhr Feierabend macht.

Auch auf Turnieren reitet Carolin Lenz. Die Pferdebesitzer bezahlen sie, damit sie ihre Tiere dort präsentiert. Vor einer Woche war Lenz wieder unterwegs. Denn zurzeit finden die deutschen Meisterschaften in Kreuth im Chiemgau statt. Für Lenz ist das Turnier seit vielen Jahren ein Plichttermin. Ihren Ehrgeiz hat sie trotz ihrer vielen Erfolge noch nicht verloren: "Ich bin die letzten Male immer Vierte geworden, das sollte sich jetzt schon langsam mal wieder ändern."

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