Süddeutsche Zeitung

Das alljährliche Spektakel:Ansturm auf Dachau

Zehntausend Fans der BR-Seifenoper "Dahoam is Dahoam" pilgern in das fiktive Dorf Lansing - und verursachen ein Verkehrschaos

Ausnahmezustand in Dachau Ost: Menschenmassen pilgern am Samstagvormittag zum fiktiven BR-Dorf Lansing am Eingang der Großen Kreisstadt. Die Einwohnerzahl Dachaus steigt innerhalb weniger Stunden von 46 000 auf 56 000. Aber alles läuft friedlich und heiter ab. Auch sonst keine besonderen Vorkommnisse in Lansing - der "ganz normale Wahnsinn" eben, wie eine Anwohnerin sagt, wenn die Macher und Stars der beliebten Fernsehserie "Dahoam is Dahoam" einmal jährlich zum Fantag auf das Studiogelände des ehemaligen Feinpappenwerks Schuster einladen. Dann kommt es, einmal nicht durch den Berufsverkehr bedingt, zu langen Staus auf der Schleißheimer Straße. Die Besucher streiten um Parkplätze, die auch heuer absolute Mangelware sind. Aber die Dachauer nehmen den Ansturm im Großen und Ganzen gelassen hin, und wem es zu bunt wird, der greift zur Selbsthilfe.

Der Sicherheitsdienst hat alle Hände voll zu tun, um mit dem Run auf die Parkplätze entlang der Schleißheimer Straße fertig zu werden. Einzelne Grundstücksbesitzer wollten sich aber nicht darauf verlassen und sperrten kurzerhand die Zufahrt zu den Parkplätzen ihrer Wohnanlagen ab.

Ein Landwirt aus der Schleißheimer Straße hat die Zufahrt zu dem Gebäudekomplex, Hausnummer 82, mit einem rot-weißen Absperrband blockiert. Ingrid Schwarz, die dort seit einem Jahr lebt, ist froh darüber. "Wahnsinn ist das, was hier abgeht. Die Leute fahren überall hinein in der Grünanlage." Seit acht Uhr in der Früh steht Zaklina Draganoviz (25) vom Sicherheitsdienst "Controll first Service", den der Bayerische Rundfunk engagiert hat, auf ihrem Posten ohne eine Minute Ruhe. Auf Höhe Anton-Schuster-Straße erklärt sie geduldig Parkplatz suchenden Autofahrern, dass hier und heute nix mehr geht. Dabei macht sie immer wieder eine spezielle Erfahrung: "Viele Leute sind unbelehrbar." Dazu kommen alle 15 beziehungsweise 30 Minuten Shuttlebusse vom Dachauer S-Bahnhof und von der Oberschleißheimer Ruderregatta. Alle voll besetzt, alle wollen zum Lansinger Country Fest.

Wie ein unvollständiger Blick auf die Kfz-Kennzeichen der parkenden Autos zeigt, ist von A, NT, DAH, FS, STA, RH, RO, R, PA, PAN, GRA, KÖZ, SR, WM, Salzburg und Wien alles vertreten, was Buchstaben und vier Räder hat. Dass es sich dabei um eine ganz besondere Fangemeinde handelt, das weiß der Veranstalter, der Bayerischen Rundfunk: "Die sind schon speziell", sagt eine Dame vom Besucherservice. Dazu gehören auch Hannelore Hoch aus München, Tochter Kathrin Panas aus Gröbenzell und Walter Stuppnig ebenfalls aus Gröbenzell. Sie fallen in der riesigen Menschenmenge auf mit ihren knallbunten original mexikanischen Trachten. Und wie es sich gehört, lassen die drei keine Folge von "Dahoam is Dahoam" aus. Und dabei darf dann auch beim Zuschauen "nicht gestört werden", sagt Hannelore Hoch. Zur Fangemeinde gehört auch die Rentnerin Maria Pauli (66) aus Freising, die mit ihrer Enkeltochter Annika (11) mit dem Auto gekommen ist und gerade mit ein wenig schlechtem Gewissen kämpft, weil sie sich mit ihrem Fahrzeug ein Plätzchen entlang des eigentlich für Autos gesperrten Radwegs ergattert hat. Vielleicht hat sie ja Glück, auf den Windschutzscheiben der zahlreichen Wildparker entlang des Radwegs an der Schleißheimer Straße klebten jedenfalls bis Nachmittag keine Strafzettel. Oma Maria ist Fan der ersten Stunde. Die Serie läuft seit 2007 und über 1500 Folgen von Montag bis Donnerstag um 19.45 Uhr im Fernsehen. Besonders hat es Maria Pauli die Kathi angetan, "die in der Brauerei von den Kirchleitners irgendwas macht". So wie ein etwas älteres Ehepaar, das zusammen mit Sohn und Tochter aus dem Landkreis Pfaffenhofen angereist ist. "Wir lassen keine Folge aus", rufen sie im Chor, bevor sie sich der Menschenprozession, die sich entlang der Anton-Josef-Schuster-Straße zum Studiogelände bewegt, anschließen.

Vor dem Eingang warten bereits Hunderte von Gästen. Geduld ist gefragt. Rücksäcke und Taschen werden streng kontrolliert. Aber, so sagt eine Frau vom Sicherheitsdienst, "die Leute sind sehr verständnisvoll und nehmen es hin". Unisono stimmen dem viele Wartende zu. "Die Kontrollen sind völlig ok! Der Sicherheitsaspekt ist wichtig", sagt einer und verweist auf den Amoklauf von München.

Was treibt zehntausend Menschen an, nach Dachau zu fahren? Nicht zu übersehen in dem ganzen Gewusel vor der Hauptbühne mit seiner kleinen Tochter Clara (7) ist Landrat Stefan Löwl (CSU) auf das Studiogelände gekommen. Löwl trägt einen Cowboyhut und Blue Jeans. Er findet es "toll, was die hier aufgebaut" haben. Die Serie selbst, sagt er, schaue er nur ab und zu. "Ich schaff das nicht regelmäßig." Also ist er kein typischer Fan; der würde so gut wie keine Folge versäumen. Aber das Spektakel gefällt ihm. Der Landrat, durch diverse TV-Auftritte auch prominent, lässt sich gerne zusammen mit seinem Töchterchen und der Bürgermeisterin von Lansing, Veronika Brunner, fotografieren. Sie gibt ihm auch ein Autogramm, das sie aufs Programmheft schreibt. Übrigens ist Löwl ganz privat hier. Das muss man schon mal festhalten, nachdem sein Parteifreund, Heimatminister Markus Söder, in der BR-Seifenoper einen Auftritt hatte und den dafür nutzte, für die CSU und die Programme der Staatsregierung Werbung zu betreiben. Auch Dachaus Zweiter Bürgermeister Kai Kühnel (Bündnis für Dachau) ist gekommen. Ralph Schöner, Einsatzleiter des Dachauer Roten Kreuzes, ist zufrieden: "Wir sind auf alle Fälle gut vorbereitet." Neun Sanitäter warten am großen Behandlungszelt am Rande Lansings auf ihren Einsatz. Allenfalls müssen sie mal ein Blasenpflaster aufkleben oder eingreifen, wenn jemand Kreislauf-Probleme bekommt.

Die Betreiber von Essensstandln und Getränkebuden stammen alle aus dem Landkreis - also können Einheimische schon was verdienen am Fan-Tag. Dann gibt es auch noch den Biergarten, gegenüber der Kirche, wo Herbert (69) und Lieselotte Riedl (68) aus Dachau eingekehrt sind. Beide lassen seit dem Start der Serie keinen Fan-Tag aus. "Wir wohnen zehn Minuten von hier." Herbert, der in Lederhosen erschienen ist, musste seinen Hirschfänger am Eingang abgeben. Aber er ist ganz entspannt: "Das muss man akzeptieren, der Sicherheit wegen."

Aber die Besucher sind friedlich und heiter. Sie wollen sich einfach mal anschauern, wo ihre Lieblingsserie spielt und wo gedreht wird. Und so stellen sich Tausende in Fünferreihen geduldig vor dem eisernen Tor an, um von ihren TV-Lieblingen Florian Brunner oder Mike Preissinger das eine oder andere Autogramm zu ergattern. Zum Beispiel bei Führungen durch die Studios, die sich im Minutentakt wiederholen. Aber auch dafür heißt es, geduldig sein, sich anstellen in einer Menschenschlange, die nicht enden will. Die Lansinger Stars - Theresa, Annalena und Florian Brunner oder der Familie Kirchleitner und wie sie alle heißen, einmal ganz nah zu sein - das treibt die Leute in das TV-Dorf. Auf dem Studiogelände erwartet die Besucher ein enggetaktetes Unterhaltungsprogramm, das bis zum Abend dauert und mit "Die Lansinger sagen Servus", dem Titelsong der Serie, endet - bis zum nächsten FanTag.

Die Serie erzählt mit typisch bayerischen Charakteren liebevolle Geschichten aus dem Leben rund um das fiktive Dorf Lansing. Die Seifenoper gibt dem Zuschauer ein Stückchen heile Welt - nur, was macht der Fan, wenn er im Urlaub ist, oder wegen Krankheit der Fernseher ausgeschaltet bleibt? Ein "alter Fan", wie er über sich sagt, ist deshalb gekommen. Der Mann, er hat eine besondere Beziehung zum Filmgelände ("Ich hab schon als Student im Pappendeckelwerk Schuster gearbeitet.") stört sich an den unchristlichen Zeiten, zu denen die Serie wiederholt wird. Früher war es vormittags oder morgens, jetzt strahlt der BR sie um Mitternacht oder weit danach aus. Der Fan will auf dem Studiogelände dringend mit einem "Zuständigen" reden. Er meint es ernst: "Ich finde schon einen."

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Quelle:
SZ vom 05.09.2016
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