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Dachauer Volksfest :Schausteller fühlen sich im Stich gelassen

Dachauer Volksfest

Nachdem bereits das Dachauer Volksfest auf der Thoma-Wiese abgesagt worden ist, lehnt die Stadt nun auch eine Dult auf dem Ernst-Reuter-Platz ab.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Um ihre Existenz zu retten, haben Betreiber der Buden und Fahrgeschäfte eine Alternative zum abgesagten Dachauer Volksfest ausgetüftelt: eine Dult auf dem Ernst-Reuter-Platz. Doch noch ehe sie ihr finales Konzept vorlegen können, erteilt die Stadt der Idee eine Absage

Eben noch schwärmte Paul Tille am Telefon von der Idee, eine Dult auf dem Dachauer Ernst-Reuter-Platz zu veranstalten. Würstl, Bier, Musik, Zuckerwatte und sogar ein Kinderkarussell hätte es im August geben sollen - alles im Einklang mit den Corona-Sicherheits- und Hygienevorgaben, so der Sprecher der Dachauer Schausteller am Freitagvormittag. Die Anfrage liege bereits im Rathaus, man sei zuversichtlich. Wenige Minuten später platzt die Idee jedoch wie ein Luftballon am Ende des Kindertags. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) erklärt auf Anfrage der SZ Dachau, dass die Veranstaltung nicht stattfinden könne. Das Konzept sei wegen des Gesundheitsrisikos "nicht zulässig". Als Tille davon erfährt, ist er fassungslos. "Das stinkt zum Himmel", empört er sich in einem erneuten Telefonat. Die Schausteller seien bei den Behörden am Ende der Nahrungskette. Für die Entscheidung habe er kein Verständnis. "Wir konnten noch nicht einmal ein fertiges Konzept vorlegen."

Mit der coronabedingten Absage des Dachauer Volksfests und anderen Veranstaltungen brechen den Buden- und Fahrgeschäftbetreibern im Landkreis wichtige Einnahmen weg. Ohne Ersatzveranstaltungen, die immerhin etwas Geld in die Kassen spülen könnten, stünden einige Schausteller vor der Pleite, befürchtet Tille. "Der Verlust ist mit Worten nicht zu beschreiben", so der Schokofrüchte-Anbieter. "Die Krise rafft alles nieder." An Ideen für alternative Veranstaltungen fehlt es bislang nicht. Ein "Volksfest to go" brachten kürzlich FDP- und ÜB-Politiker ins Spiel. Die Besucher wären dabei mit ihren Autos durch ein Bierzelt auf der Ludwig-Thoma-Wiese gefahren und hätten Speis und Trank wie am Schalter bei McDonald's abgeholt. Das Drive-in-Volksfest traf bei der Stadt jedoch auf wenig Gegenliebe.

Paul Tille, Schaustellersprecher: "Der Verlust ist mit Worten nicht zu beschreiben. Die Krise rafft alles nieder."

Nun stößt auch die Idee einer Dult am Ernst-Reuter-Platz auf Ablehnung. Dabei hatten sich die Schausteller davon einiges versprochen. Vier Wochen im August hätte sie stattfinden sollen, ohne Geisterbahn und Riesenrad, dafür mit wechselnden Imbiss- und Warenständen, im Idealfall sogar mit Biergarten. Ein Zaun hätte das Gelände abriegeln, Security an Ein- und Ausgängen auf die Einhaltung der Besuchergrenze achten sollen. 80 bis 100 Gäste wären gleichzeitig möglich gewesen, der Rest sollte wie an Super- und Baumärkten draußen warten - natürlich mit Mundschutz. So stellte sich Schaustellersprecher Tille das Konzept vor. Die Behörden überzeugte das nicht. Das Landratsamt erklärt, die Dult-Frage sei am Mittwoch im Corona-Stab diskutiert worden, man rate von der Idee "dringend" ab. Verbindlich sei diese Einschätzung aber nicht. "Gerade das unkontrollierte Zusammenkommen einer undefinierten Personenzahl ist besonders riskant", warnt das Landratsamt. Nach derzeitigem Recht sei die Veranstaltung "nicht zulässig", die Rechtslage könnte sich aber bis August ändern. Denkbar seien aus heutiger Sicht allenfalls ein wochenmarktähnliches Konzept oder eine dezentrale Struktur mit über die Stadt verteilten Ständen - ohne Volksfestatmosphäre und Blasmusik.

Schaustellersprecher Tille hätte von den Behörden mehr Solidarität und weniger Bürokratie erwartet. Er verweist auf andere Städte, in denen es auch alternative Veranstaltungen gebe, zum Beispiel in München, wo Wiesn-Schausteller im Sommer ihre Buden quer über die Stadt verteilen dürfen. In Erding findet bis Sonntag bereits das erste "Volksfest to go" statt - das Konzept wurde in den vergangenen Tagen gut angenommen. Ohne eine ähnliche Ersatzveranstaltung befürchtet Tille ein "böses Erwachen im nächsten Jahr". Wenn das Dachauer Volksfest wieder regulär stattfinde, könnte es einige der etwa 80 Schausteller aus dem vergangenen Jahr nicht mehr geben. "Wir müssen doch auch überleben können", klagt Tille und fordert mehr Unterstützung. Rathauschef Hartmann äußert Verständnis für die existenzielle Not mancher Betriebe, doch er könne keine finanziellen Hilfen gewähren, dafür seien der Bund und der Freistaat zuständig. Er stellt in Aussicht, dass Budenbetreiber beispielsweise auf Wochenmärkten vereinzelt ihre Stände eröffnen könnten, weiß aber selbst: "Das große Geschäft ist das natürlich nicht." Um das Fortbestehen des Dachauer Volksfests macht sich Hartmann keine großen Sorgen. Selbst wenn der ein oder andere Betrieb die Krise nicht überleben sollte, wäre das Volksfest nicht gefährdet. "Wir haben immer deutlich mehr Bewerber als Plätze", so der OB.

Paul Tille will die Dult-Idee indes noch nicht aufgeben. Er wird den Behörden sein Konzept trotzdem zur Prüfung vorlegen. Außerdem gibt es einen weiteren Plan: Die Schausteller wollen einige Buden entlang der Münchner Straße aufstellen, um wenigstens so an Einnahmen zu kommen.

© SZ vom 23.05.2020

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