Dachauer Tafel:Flüchtlinge sollen nun doch Lebensmittel bekommen

Dachauer Tafel

Die Leere täuscht: Die Menschen, die auf Lebensmittel der Dachauer Tafel warten, wollen sich nicht fotografieren lassen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)
  • Die Dachauer Tafel will an Flüchtlinge keine Lebensmittel ausgeben - sie sollten lernen, mit ihrem Geld umzugehen.
  • Nach massiver Kritik nimmt das für die Tafel zuständige Bayerische Rote Kreuz seinen ursprünglichen Beschluss zurück.
  • Jetzt soll geklärt werden, wie die Lebensmittelausgabe erweitert werden kann.

Von Anna-Sophia Lang, Dachau

Nach massiven, bundesweiten Protesten gegen die Praxis der Dachauer Tafel, keine Lebensmittel an Asylbewerber auszugeben, hat der Vorstand des BRK-Kreisverbandes die Kehrtwende eingeleitet. In einer Krisensitzung am Dienstagabend wurde die Entscheidung vom Frühjahr 2014 zurückgenommen. In einer Pressemitteilung zu internen Beratung heißt es, dass jetzt offensiv geprüft werden soll, wie das BRK die Essensversorgung von Asylbewerbern unterstützen kann.

Die Entscheidung, Asylbewerber abzuweisen, hatte der BRK-Kreisvorsitzende Bernhard Seidenath gemeinsam mit einem kleinen Kreis getroffen. Er begründete sie mit der Umstellung der Hilfe für Flüchtlinge von Sach- auf Geldleistungen. In der aktuellen Mitteilung rückt der Kreisvorstand die humanitären Grundsätze des Roten Kreuzes in den Vordergrund: "Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Universalität". Diesen Handlungsprinzipien seien "ausnahmslos alle Aktiven, auch im BRK-Kreisverband Dachau und auch bei der Dachauer Tafel" verpflichtet, heißt es darin. Und weiter: "Es wird niemand ausgegrenzt."

Seidenath: Flüchtlinge sollen lernen, mit ihrem Geld umzugehen

Kreisvorsitzender Bernhard Seidenath wird mit den Worten zitiert: "Die Haltung, allen nach dem Maß der Not zu helfen, ohne Ansehen der Person, ist der bedeutendste Grundstein unseres Kreisverbandes."

Seidenath hatte die Entscheidung gegen eine Lebensmittelausgabe an Asylbewerber vor zwei Wochen damit gerechtfertigt, dass diese lernen sollten, mit ihrem Geld umzugehen. Wer aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland komme müsse erst lernen, sich sein Geld einzuteilen. Von dieser Begründung ist in der Pressemitteilung keine Rede mehr. Sie hebt auf die Befürchtungen der ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter ab, sie könnten durch zusätzliche Hilfe selbst überlastet werden.

"Wir sind am Ende unserer Kräfte"

Die Tafel besteht seit mehr als 14 Jahren und verteilt inzwischen Lebensmittel an etwa 1200 Bedürftige aus dem Landkreis. Den jetzigen Regelbetrieb aufrecht zu erhalten, sei eine enorme Herausforderung der ehrenamtlichen Helfer. "Wir sind am Ende unserer Kräfte", wird Tafel-Leiterin Edda Drittenpreis zitiert, "Personal, Material und Infrastruktur stoßen an ihre Grenzen."

An einem Zustrom von Asylbewerbern liegt das nicht. Denn bisher, wie Drittenpreis und Seidenath mehrmals in Gesprächen äußerten, ist noch kein einziger Asylbewerber gekommen oder hat einen Tafelausweis beantragt. Wie viele der Asylbewerber in den dezentralen Unterkünften des Landkreises überhaupt einen Tafelausweis beantragen würden, ist nicht klar. Wer in Sammelunterkünften wie der Berufsschulturnhalle in Dachau, der Tennishalle in Markt Indersdorf und den Traglufthallen untergebracht ist, die in den kommenden Monaten im Landkreis aufgebaut werden sollen, bekommt ein Catering.

Ein zweiter Ausgabeort im Landkreis

Um "den Bedarf festzustellen", will das BRK deshalb die Helferkreise in den Gemeinden einbinden. Dann kann es sich auch vorstellen, für die Lebensmittelverteilung an Asylbewerber einen zweiten Ausgabeort in einer Landkreisgemeinde einzurichten. Bisher gibt es nur eine Ausgabestelle in Dachau. In der Pressemitteilung bittet das BRK auch um Unterstützung der Bevölkerung durch aktive Beteiligung oder Spenden.

Offenbar wurde bei der Sitzung am Dienstagabend eine Auseinandersetzung über die Frage vermieden, inwieweit der Vorstand tatsächlich über die Entscheidung vom Frühjahr 2014 informiert gewesen war. Bernhard Seidenath hatte vergangene Woche in einer Stellungnahme an die SZ geschrieben, dass er sowohl der Mitgliederversammlung als auch den maßgeblichen Gremien berichtet habe.

Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) wollte sich am Mittwoch nicht äußern und verwies auf die Pressemitteilung. Josef Mederer (CSU), Bezirkstagspräsident von Oberbayern, der genau wie Hartmann zum erweiterten Vorstand gehört, mochte das Ergebnis ebenfalls nicht weiter kommentieren. "Ich trage die Stellungnahme mit. Damit ist es für mich erledigt", sagte er. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll hielt sich bedeckt. "Der Blick muss jetzt nach vorne gehen", sagte er. Dass das BRK gemäß seinen Grundsätzen helfen müsse, sei während der Sitzung zu keiner Minute strittig gewesen: "Es ist jetzt klargestellt."

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