Süddeutsche Zeitung

Nationalsozialismus:Der geistige Bürgerkrieg

In einer Diskussion beim Dachauer Symposium für Zeitgeschichte streiten Historiker über den Umgang mit Nazis, die behaupten, keine zu sein.

Von Walter Gierlich, Dachau

Das öffentliche Bewusstsein hat sich verändert. Als Beispiel dafür zitierte Markus Linden von der Universität Trier in seinem Vortrag beim Dachauer Symposium für Zeitgeschichte einen Satz des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke, den dieser im September 2023 bei einer Kundgebung gesagt haben soll: "Wir haben die braune Diktatur überlebt, die rote Diktatur überlebt, wir werden auch die bunte Diktatur überleben." Während die Bezeichnung der NS-Zeit als "Vogelschiss" der tausendjährigen deutschen Geschichte des heutigen AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland 2018 oder Höckes "Denkmal der Schande" für das Berliner Holocaust-Mahnmal noch bundesweite Empörung ausgelöst hätten, sei es um die "bunte Diktatur" weitgehend ruhig geblieben. Auch nehme die Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis, wenn der AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Maximilian Krah, pauschal erkläre: "Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher." Für Linden ist klar: "Geschichtsrevisionismus ist für diese Partei ein andauernd bespieltes Politikfeld."

Bereits in seinem Einführungsreferat hatte Jens-Christian Wagner betont, dass Rechte heute den Vorwurf, Nazis zu sein, meist energisch zurückweisen. "Höcke und Konsorten leugnen den Nationalsozialismus nicht, sie versuchen ihn aber kleinzureden," sagte er. So ist laut Linden in Kreisen der Partei die Rede von "Schuldexhibitionismus", wenn der deutsche Bundespräsident in Warschau einen Kranz für die Opfer des Ghettos niederlegt. Der rheinland-pfälzische AfD-Politiker und Historiker Stefan Scheil hat sich Linden zufolge sogar zur Behauptung verstiegen, dass es in seinem Bundesland zu wenige KZs gebe, weswegen man neue baue, um Schulklassen durchzuführen.

"Strategie der Zerstörung von Sinnzusammenhängen"

Man mag dies für kompletten Blödsinn halten, aber der Historiker und Publizist Volker Weiß sagte, die Leute wüssten genau, was sie redeten. Er sieht es als "eine Strategie der Zerstörung von Sinnzusammenhängen". In seinen Augen steckt in solchen Erzählungen durchaus eine Gefahr für die Demokratie: "Die verstehen sehr präzise auf dem semantischen Feld zu argumentieren." Als Beispiel hatte Weiß zu Beginn seines Vortrags ein Video mit einer Rede des rechten Verlegers Götz Kubitschek gezeigt, in dem dieser sagt: "In Deutschland tobt ein geistiger Bürgerkrieg. Lasst uns diesen Krieg führen."

Weiß sieht einen Bild-Bruch in den Geschichtsumdeutungen der Neuen Rechten: Einerseits sehe man sich als Vollender der Wende der DDR, andererseits werde der untergegangene zweite deutsche Staat gelobt, weil dort "noch Ordnung herrschte und die Grenzen sicher waren". Weiß nennt das "antikommunistische Ostblocknostalgie", die seiner Meinung nach der Putin-Argumentation sehr ähnlich sieht, mit der dieser den Überfall auf die Ukraine rechtfertigte.

Weil der Referent Mark Fielitz, der über digitale Parallelwelt referiert hätte, kurzfristig wegen Krankheit absagen musste, konnte anschließend über die Vorträge von Weiß und Linden ausgiebig diskutiert werden. Um Geschichtsrevisionismus ging es dabei nur am Rande. Auf einen Einwurf aus dem Publikum ging Linden auf die Frage ein, wo Konservative rechtspopulistisch mitmachten? Für ihn war etwa das bei Aiwangers Aussage, dass die Leute die "Demokratie zurückholen" müssten, der Fall. Ebenso, dass der bei den Grünen ausgetretene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer in Budapest im weit rechten Corvinus-Collegium auftrat. Oder wenn der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen (noch CDU) die Ex-Kanzlerin Angela Merkel als "Deutschland usurpierenden Maulwurf" bezeichnete.

"Die AfD-Ergebnisse haben wir nicht erwartet"

Weiß nannte es in der Diskussion fatal, wenn man auf Kubitschek hereinfällt, der sich selbst als konservativ bezeichnet. "Der ist Faschist." Hier hakt auch Linden ein: "Kubitschek oder Krah, das ist reiner Rechtsextremismus." Justus Ulbricht, der am zweiten Tag über rechte Medien referierte, beklagte in der Diskussion, dass sich die Politik in den letzten Jahren verändert habe: "Die AfD-Ergebnisse haben wir nicht erwartet." Widerspruch kommt von Cornelia Siebeck von der Hamburger Gedenkstätte Neuengamme. Sie meint, dass spätestens mit dem Einzug der AfD in den Bundestag damit zu rechnen gewesen sei. Eine Teilnehmerin will wissen, wie man die Unionsparteien und die FDP dafür sensibilisieren könne, dass sie merken, wie sie mit vielen Aussagen die AfD stärken. Das wüssten die doch genau, sagte Volker Weiß und erinnerte daran, dass CSU-Landesgruppenvorsitzender Alexander Dobrindt vor fünf Jahren eine "konservative Revolution" gefordert habe. Für Weiß ist auf jeden Fall eines klar: "Agitatoren und Publikum machen sich gegenseitig abhängig voneinander."

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