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Rassismus:"Heute haben wir wieder Angst"

Im Gespräch: Sybille Steinbacher (l.), Karola Fings und Romani Rose.

(Foto: Toni Heigl)

Historiker beschäftigen sich beim Dachauer Symposium mit dem nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma. Stereotypen der NS-Propaganda wirken bis heute nach. Betroffene fürchten sich erneut - wegen der AfD.

"Es geht nicht mehr an, dass heute noch Sinti von der Polizei mit vorgehaltenen Maschinenpistolen und Hunden unter fadenscheinigen Begründungen nach den alten, unter der NS-Ideologie entstandenen Anweisungen aus dem Bayerischen Landeskriminalamt sonderbehandelt und erkennungsdienstlich familienweise erfasst werden." Dieses Statement von Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, stammt aus dem Jahr 1980. Es war das Jahr des Hungerstreiks von zwölf Sinti und einer Münchner Sozialarbeiterin in der KZ-Gedenkstätte, der zu einem entscheidenden Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Sinti und Roma wurde und Dachau zu einem Gründungsort ihrer Bürgerrechtsbewegung machte. Im Konzentrationslager waren Tausende Angehörige der Minderheit aus Deutschland und besetzten Gebieten dem Terror der SS und verbrecherischen medizinischen Experimenten ausgesetzt.

Karola Fings vom NS-Dokumentationszentrum Köln leitet das diesjährige Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte. Sie zitiert Romani Roses Satz in ihrem Einführungsreferat zu der zweitägigen Veranstaltung im Max-Mannheimer-Studienzentrum. Jahrzehntelang wurde der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma aus historischer, aber auch gesellschaftspolitischer Perspektive verleugnet.

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"Für uns gibt es das Wort Zigeuner nicht"

Wie in den vergangenen Jahren hat die Projektleiterin des Symposiums, die aus dem Landkreis Dachau stammende Historikerin Sybille Steinbacher von der Goethe-Universität Frankfurt, auch jetzt einen zeitgeschichtlichen Schwerpunkt gewählt, der in die Gegenwart nachwirkt. Bis heute sind die von der NS-Propaganda in die Welt gesetzten Stereotypen Ursache des Rassismus gegen Sinti und Roma.

Fings sagt zwar, dass "die Bürgerrechtsbewegung in den vergangenen Jahrzehnten Vieles erstritten" habe. Bundeskanzler Helmut Schmidt erkannte 1982 den Völkermord an den Sinti und Roma an, sie gelten seit 1997 offiziell als nationale Minderheit, haben seit 2012 ein Denkmal für die von den Nazis Ermordeten in Berlin und in diesem Frühjahr schließlich hat eine von Bundesregierung und Bundestag eingesetzte "Unabhängige Kommission Antiziganismus" die Arbeit aufgenommen. Doch weiterhin werden die Angehörigen der Minderheit diskriminiert und sogar attackiert, wie die Schwestern Tatjana und Nicole Schmidt aus Hannover zum emotionalen Abschluss des ersten Tages in Dachau erzählen.

Auf dem Podium: Steffen Jost (l.) und Emran Elmazi.

(Foto: Toni Heigl)

Die beiden Sinti-Frauen, deren Familien bis zur Deportation im niederbayerischen Eggenfelden gelebt hatten, berichten nicht nur von ihren in KZs ermordeten und verhungerten Verwandten, sondern auch von einer Schändung des Mausoleums für diese Toten, von einem Hakenkreuz, das auf Nicole Schmidts Autos geschmiert wurde und von Beleidigungen von Tatjana Schmidts Sohn als "dreckiger Zigeuner". "Für uns gibt es das Wort Zigeuner nicht", betont Tatjana Schmidt, "wir sind deutsche Sinti und gehören zum deutschen Volk." Ihre Schwester erzählt, dass sie einst schon mit Angst groß geworden seien, die nach den schrecklichen Ereignissen der NS-Zeit unter den Überlebenden der Familie weiterhin geherrscht habe. "Heute haben wir wieder Angst, weil Leute wie die von der AfD im Bundestag sitzen", erklärt Tatjana.

Wie weit es damals gekommen ist, macht Fings deutlich, die von einer "Totalität und Brutalität des Völkermords" spricht, "der in der Geschichte der Minderheit einen radikalen Bruch markiert, der bis heute nachwirkt". Zwar habe es in den 600 Jahren, die Sinti in Deutschland beheimatet sind, Vertreibungen und Unterdrückungen gegeben, aber, wie Fings betont, im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten die meisten in Verhältnissen gelebt, "die denen der Mehrheitsgesellschaft entsprachen". Durch ihren rassistisch-terroristischen Staatsapparat hätten die Nazis die Sinti und Roma aus diesen Lebensverhältnissen herausgerissen und zwei Drittel von ihnen ermordet.

Wie die Verfolgung abgelaufen ist, macht die Historikerin Sarah Grandke am Beispiel Münchens deutlich, wo es - wie in ganz Bayern - seit 1899 eine "negative Tradition" gegeben habe mit stetiger Verschärfung der Überwachung und Kriminalisierung, vor allem nach 1933. Im März 1943 gab es eine Verhaftungswelle und die Deportation ins sogenannte "Zigeunerfamilienlager" in Auschwitz. Frank Reuter, Leiter der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, weist daraufhin, dass es kaum Bilddokumente über die Massenerschießungen gebe, "ein Grund, warum das Verbrechen so lange verdrängt wurde".

Der Antiziganismus ist nach 1945 keineswegs verschwunden

Der Antiziganismus ist nach 1945 keineswegs verschwunden, vielmehr von den Überlebenden lange als zweite Verfolgung empfunden worden. Für dessen Fortdauern macht die Hamburger Zeitgeschichtlerin Yvonne Robel vor allem tief sitzende Vorurteile und eine personelle Kontinuität in den Behörden verantwortlich. Daniela Gress von der Heidelberger Forschungsstelle Antiziganismus schildert mit Hilfe von Foto- und Filmmaterial den Ablauf des Sinti-Hungerstreiks 1980 in Dachau und spricht auch über die 50-tägige, erfolglose Besetzung des ehemaligen KZ-Geländes durch Roma aus dem zerfallenen Jugoslawien, die gegen ihre Abschiebung protestierten. Steffen Jost, Leiter der Bildungsabteilung der Dachauer KZ-Gedenkstätte, eröffnet den zweiten Symposiumstag, der sich zunächst mit der Frage beschäftigt, wie sich der Völkermord an Sinti und Roma der breiten Öffentlichkeit vermitteln lässt. Schließlich, so betont Jost, müsse zunächst Interesse hergestellt werden, "weil das Thema nicht einfach zu verkaufen ist".

In bayerischen Lehrplänen werde der Genozid an Sinti und Roma kaum erwähnt, räumt Robert Sigel ein, Mitarbeiter des bayerischen Antisemitismusbeauftragten im Kultusministerium. In der abschließenden Podiumsdiskussion appelliert er: "Es braucht einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, dass dieses Thema unterrichtet werden muss." Und das nicht nur in Deutschland, Mirjam Karoly vom Romano Centro in Wien und mehrere Jahre bei der OSZE für Sinti und Roma zuständig, erklärt zur Situation der Roma: "Es ist ein sehr trauriges Bild, wenn wir nach Europa schauen." Es gebe aber auch positive Lichtblicke durch gesellschaftliche Erfolge von Bürgerrechtsinitiativen: "Roma haben sich in Europa Gehör verschafft und wurden gehört."

Romani Rose, 1980 Wortführer des Hungerstreiks in Dachau, den er als Form des Widerstands bezeichnet, sieht Fortschritte: "Heute haben wir eine andere Sicht auf den Staat." Damals hätten Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts nur die Uniform gewechselt, aber die Ideologie des "Dritten Reichs" beibehalten. "Heute kommen Präsidenten des Bundeskriminalamts zu uns ins Haus", stellt er fest. "Wenn mir 1980 jemand prophezeit hätte, wo wir heute stehen, hätte ich gesagt, das ist ein Fantast." Bei allem Erfreulichen beobachtet Rose dennoch eine bedrohliche Entwicklung für die Demokratie: "Die Erfolge der Rechten waren für uns unvorstellbar." Und er kritisiert die häufige Gleichstellung einer angeblichen Bedrohung von rechts und links als unzulässige Relativierung, seien doch seit 1990 je nach Zählung 160 bis 190 Menschen von Rechtsextremisten ermordet worden.