Dachauer Symposium:Schau genau hin

Symposium für Zeitgeschichte

Das diesjährige Dachauer Symposium fand wieder einmal im Max-Mannheimer-Studienzentrum statt.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Das Dachauer Symposium beschäftigt sich mit der Macht der Bilder in der NS-Zeit. Die Experten schlagen dabei auch eine Brücke in die Gegenwart. Denn die Digitalisierung macht das Klären von Herkunft und Kontext noch wichtiger

Von Walter Gierlich, Dachau

Am Ende waren sich alle einig: Eine kritische Edition von Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus ist notwendig. Und sie müsse digital sein, denn "Wissen ist immer im Fluss, nie abgeschlossen", wie Annette Vowinckel von der Humboldt-Universität Berlin und dem Leibniz-Zentrum für zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam betonte. Doch wie das zu schaffen sein könnte, blieb nach den beiden Tagen des Dachauer Symposiums für Zeitgeschichte offen. Sich erst einmal hinzusetzen und die Aufgaben zusammenzuschreiben, meinte Cornelia Brink von der Universität Freiburg am Ende der abschließenden Podiumsdiskussion, sei der erste Schritt.

"Fotografie im Nationalsozialismus - eine Zwischenbilanz" lautete das Thema der diesjährigen Tagung aus der von der Stadt Dachau seit 20 Jahren veranstalteten Reihe. Die Projektleitung hat seit 2012 die aus dem Landkreis stammende Historikerin Sybille Steinbacher von der Goethe-Universität Frankfurt inne. Als wissenschaftlicher Leiter fungierte diesmal Michael Wildt (Humboldt-Universität Berlin), dem es gelungen war, zahlreiche Spezialisten zu dem Komplex nach Dachau zu bringen. Für manche Besucher wurde es jedoch bisweilen zu speziell, sie hätten sich da und dort erhellende Zusatzinformationen gewünscht, schließlich wenden sich die Symposien ausdrücklich auch an eine breite interessierte Öffentlichkeit.

Oft werden Fotos aus der NS-Zeit immer noch sehr unkritisch genutzt

Doch zurück zur Frage, warum eine kritische Edition notwendig ist. Wer bei Google die Begriffe Fotografie und Nationalsozialismus eingebe, erhalte 90 Millionen Treffer, sagte Christine Bartlitz vom Online-Portal Visual History des ZZF Potsdam. Als Herausforderung für Historiker bezeichnete sie es, "eine Schneise in dieses Dickicht zu schlagen". Denn oft würden Fotos aus der NS-Zeit "sehr, sehr unkritisch genutzt", was eben auch daran liege, dass sie im Internet ohne den Kontext zu finden seien, etwa wer sie gemacht habe und zu welchem Zweck. So könne es sogar passieren, dass man nicht nur Bilder der gesuchten Person bei einer Abfrage erhalte, sondern auch die einer Schauspielerin, von der sie in einem Film dargestellt wurde.

Die Bayerische Staatsbibliothek hat die 66 000 Bilder aus dem Archiv von Hitlers "Leibfotograf" Heinrich Hoffmann erschlossen und in eine Datenbank eingespielt, berichtete Cornelia Jahn, Leiterin der Abteilung Karten und Bilder. "Allerdings haben wir die Fotos nicht in den historischen Kontext gestellt, das konnten wir personell nicht leisten", ergänzte sie. Das Bildarchiv Hoffmanns, das die Staatsbibliothek 1992 erwerben konnte, ist laut Jahn als eines der ersten in Deutschland schon 2002/2003 digitalisiert worden.

Die Nutzungszahlen lägen bei etwa 40 000 pro Jahr, wobei die Nutzer verpflichtet seien, den Verwendungszweck anzugeben. Eine positive Nachricht konnte sie zudem vermelden: "Anfragen aus der rechtsextremen Ecke sind verschwindend gering." Anders war das vor 25 Jahren, als die erste Ausstellung über "Verbrechen der Wehrmacht" hohe Wellen schlug, wie Sybille Steinbacher in ihrer Begrüßungsrede erklärte. Damals löste die Bilderschau heftige Proteste von rechts und Demonstrationen von Neonazis aus. "Die Wehrmachtsausstellung war nicht der Anfang, hat das Thema Fotografie im Nationalsozialismus aber zugespitzt", sagte Wildt in seinem Einleitungsreferat. Seither gebe es einen anderen Umgang mit der Fotografie: Man schaue genauer hin, etwa welche Situation dargestellt werde und welchen Blickwinkel die Fotografen einnehmen.

Die Provenienz der Bilder zu klären, hält Wildt heute für viel wichtiger als früher: "Stimmt, was in Archiven dazu steht? Viel mehr als früher forschen wir heute über die Herkunft der Fotos und ihren Kontext." Eine besondere Herausforderung stellten dabei die Digitalität von Bildern und das Internet dar, weil es keine Negative gebe. "Wir wissen gar nichts über die Bilder, die wir zu sehen bekommen, etwa ob sie bearbeitet oder retuschiert sind." Für Wildt stellt das ein dringendes Problem dar, "wenn ich sehe, wie sorglos auch an Hochschulen mit Fotos umgegangen wird".

Die Frage nach den Persönlichkeitsrechten der Opfer bleibt ungeklärt

Diesen Vorwurf konnte man den Referenten im Symposium keinesfalls machen. Sie stellten beispielsweise private Fotoalben sehr detailliert vor und erläuterten wie Maiken Umbach von der Universität Nottingham die teilweise sichtbaren Bezüge zwischen Privatem und Politischem. Verwundert nahm man beim Vortrag von Robert Mueller-Stahl (ZZF Potsdam) zur Kenntnis, dass ein junges jüdisches Paar noch 1940 fröhliche Bilder von einem zweiwöchigen Urlaub knipsen konnte, wenn auch nur nahe Berlin und im Haus von Bekannten. Sehenswürdigkeiten sind auf den Fotos nicht zu sehen, auch wenig fremde Menschen. Und dann der Schrecken: "1941 heirateten die beiden, 1942 wurden sie nach Riga deportiert und ermordet."

Wie genau man bei NS-Fotos hinschauen muss, zeigte Christoph Kreutzmüller vom Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin anhand des sogenannten Lili-Jacob-Albums aus Auschwitz. Das Album hatte Lili Jacob nach ihrer Befreiung zufällig gefunden und mit nach Israel genommen. Es diente unter anderem im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess als Beweismittel. Dabei handelt es sich um fast 200 Bilder von SS-Fotografen, die den deutschen Titel "Umsiedlung der Juden aus Ungarn" tragen und an der Rampe von Birkenau aufgenommen worden sind. Kreutzmüller machte anhand von Details klar, wie stark diese Täterfotos inszeniert sind. Auf ein weiteres Problem wies Andrea Genest hin, die Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück: die ethische Frage der Darstellung von Gewalt. Es war nicht die einzige Frage, die in den weiteren Diskussionen eine Rolle spielte. "Entwürdigt man die Menschen, die man zeigt, nicht ein zweites Mal?", fragte eine Besucherin und warf damit die Frage nach dem Persönlichkeitsrecht der Abgebildeten auf. Eine Lösung wurde nicht gefunden, aber es wurde noch einmal deutlich, dass im Zusammenhang mit Fotografie im Nationalsozialismus eine Menge Arbeit auf die Historikerzunft wartet - gerade in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung.

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