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Dachauer Schüler vor Abschlussprüfungen:Lektionen in freier Improvisation

Der Unterricht zu Hause stellt Schüler, Eltern und Lehrer vor Herausforderungen: Lerninhalte und Kommunikationswege sind uneinheitlich, die technische Infrastruktur ist oft unzureichend. Und wann die Abschlussprüfungen tatsächlich stattfinden werden, ist auch so eine Frage

Seit mehr als zwei Wochen sind alle bayerischen Schulen geschlossen. Wegen der Corona-Pandemie findet der Unterricht zu Hause statt. Nun kommen weitreichende schulpolitische Entscheidungen hinzu, die auch Hunderte Schüler im Landkreis betreffen: Das Kultusministerium hat angekündigt, die Abiturprüfungen auf den 20. Mai zu verschieben, um der Gefahr einer Infektion während der Prüfungen vorzubeugen. Notwendig war der Schritt laut Kultusminister Michael Piazolo auch, um genügend Vorbereitungszeit in der Schule zu haben. Die Abschlussprüfungen der Mittel- und Realschulen finden voraussichtlich zwei Wochen später als geplant statt, also Ende Juni.

Die Dachauer Schüler müssen allerdings weiter ausharren und abwarten, ob die Abiturprüfungen tatsächlich zum neuen Termin stattfinden. "Ich bin da vorsichtig skeptisch", sagt Erwin Lenz, Direktor des Ignaz-Taschner-Gymnasiums der SZ Dachau. Oberstudienrat Thomas Höhenleitner vom Gymnasium Markt Indersdorf (GMI) bedauert, dass bundesweit über eine generelle Aufhebung der Prüfungen diskutiert wurde: "Das bringt weitere Verunsicherungen für die Schülerinnen und Schüler." Es sei wichtig, sich Herausforderungen wie Abschlussprüfungen zu stellen. Aufgrund der vielfach betonten "dynamischen Situation" in Zeiten der Corona-Pandemie - die Fallzahlen steigen weiter sprunghaft - sind die vom Kultusministerium festgelegten Termine nur unter der Prämisse gültig, dass die Schulen, wie derzeit geplant, am 19. April wieder öffnen. Nur dann, betont Lenz, können noch alle zur Zulassung nötigen Leistungsnachweise vor den Abiturprüfungen erbracht werden.

Abiturprüfung am Gymnasium in Dachau, 2019

Schon vor Corona mussten die Abiturienten Abstand halten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Unsicherheit über die Prüfungstermine bringt nicht nur die Organisation der Schulverwaltungen und die Lehrer bei der Vorbereitung der Stunden in die Bredouille; die terminlichen Unsicherheiten sind für die Schülerinnen und Schüler eine starke Belastung beim Lernen, so Lenz. Der Direktor des GMI, Thomas Höhenleitner, sagt: "Nur auf Basis von Online-Unterricht ist eine qualifizierte Vorbereitung auf das Abitur nicht möglich." Dass die Schulen nun voraussichtlich insgesamt fünf Wochen geschlossen bleiben werden, vereinfacht die Lage nicht. Sollten die Prüfungen tatsächlich nicht stattfinden, träfe das auch diejenigen jungen Erwachsenen hart, die keine Oberstufe besucht haben, sondern sich extern an Lerninstituten auf die Prüfungen vorbereiten, erklärt Höhenleitner. In diesen Fällen könne im Gegensatz zu Gymnasiasten dann keine Abiturnote aus dem Durchschnitt der Zensuren errechnet werden. Für diese Schüler entfiele dann das Abitur im Jahr 2020.

Hinzu kommen Planungsunsicherheiten bei Terminen für die von den Schülern organisierten Abiturbällen. Auch die Zukunft der beliebten Abiturfahrten steht derzeit völlig in den Sternen, berichtet Peter Mareis, Direktor des Josef-Effner-Gymnasiums.

Aber auch die Lehrer im Landkreis und die Schüler, die noch nicht vor dem Abschluss stehen, sehen sich großen Herausforderungen in der Beschulung zu Hause ausgesetzt. Einerseits ist da das Organisationsproblem, von dem auch die Eltern als Betreuungspersonen betroffen sind. Andererseits die technischen Hürden, denn die Arbeitsaufträge werden von den jeweiligen Lehrern über E-Mail und Lernplattformen vergeben. In der Unter- und Mittelstufe werden den Gymnasiumsdirektoren zufolge vor allem die Kernfächer unterrichtet. In der Oberstufe werden weiterhin für alle Fächer Übungsaufgaben verteilt. Eltern und Direktoren beklagen, dass es keine einheitliche Handhabung gebe, ob neuer Stoff unterrichtet werden darf oder nur vertiefende und wiederholende Aufgaben gestellt werden dürfen.

Und wie gestaltet sich das in den eigenen vier Wänden? Eltern jüngerer Kinder müssen ihren Sprösslingen viel bei der Organisation unter die Arme greifen. Denn es gilt, volle E-Mail-Postfächer mit Arbeitsaufträgen zu koordinieren und den Familien-PC in Schichten an die Kinder zu übergeben, damit gleichermaßen gearbeitet werden kann. Bisher gibt es keine finanzielle Unterstützung vom Freistaat, sollten digitale Endgeräte erst beschafft werden müssen, sagt Erwin Lenz vom Taschner-Gymnasium. Schon ein kaputter Drucker könne bei der Bearbeitung von Arbeitsblättern zu einem schweren Problem werden.

Die digitale Kommunikation und Verteilung von Arbeitsaufträgen bergen Chancen und Tücken, wie die Erfahrungen der Schulen zeigen. An den Gymnasien im Landkreis bilden diese drei Kommunikations- und Bearbeitungsplattformen den Ersatz für die Tafel: Mebis, eine digitale Plattform des Landesmedienzentrums Bayern; regulärer E-Mail-Verkehr und Elternportale der Schulen beziehungsweise die Schul-Cloud, eine Art Whatsapp-Ersatz mit besserem Datenschutz, über die Lehrer mit Schülern kommunizieren. So werden die Wochen der Schulsperre auch zur ungeplanten Testphase für digitale Lernangebote an Schulen.

An einigen Stellen ist es in der ersten Woche noch nicht immer ganz rund gelaufen. Der Wechsel zwischen den Kommunikationskanälen führe schon mal zur Verwirrung, geben die Direktoren zu. Besonders die online-affinen Lehrkräfte wählten dann noch zusätzliche Internet-Angebote oder Kommunikationskanäle für die Vermittlung des Stoffs, sagt Mareis. Außerdem war Mebis am Montag der vergangenen Woche mehrere Stunden nach einem Hacker-Angriff nicht verfügbar. Mittlerweile funktioniert die Seite wieder. Eltern und Schüler berichten teils von technischen Schwierigkeiten und einer Internetüberlastung, die das Lernen von zu Hause erschweren. Trotz Bemühungen auf allen Seiten gestaltet sich Schule zu Hause also schwierig. Der 15-jährige Alexander Janovitc geht in die neunte Klasse des Effner-Gymnasiums. Er findet die Schule daheim "sehr stressig". Zwar könne man sich die Zeit einteilen, in der Schule sei der Unterricht und die Wissensvermittlung aber doch wesentlich einfacher. Laut Kultusminister Piazolo soll es aber zu keinem Nachteil für die Schüler kommen, auch nicht bei den Abiturprüfungen. Bis dahin müssen sich alle Beteiligten auf weitere Herausforderungen einstellen. Alexander Janovitc sagt schon jetzt: "Ich freu mich wieder auf die Schule."

© SZ vom 31.03.2020

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