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Dachauer Schlosskonzert:Atemberaubende Virtuosität

Schlosskonzert

Kein gemütliches Musizieren: László Fenyő und Julia Okruashvili im Festsaal des Dachauer Schlosses.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

László Fenyő und Julia Okruashvili brillieren mit selten gespielten Stücken

Bei der Feier zur Erinnerung an den Tag, an dem Antonio Salieri 50 Jahren zuvor nach Wien gekommen war, wurden auch zu diesem Anlass komponierte Stücke seiner Schüler - darunter Franz Schubert - aufgeführt. Schubert vermerkte am 16. Juni 1816 in seinem Tagebuch: "Schön u. erquickend muss es dem Künstler sein, seine Schüler alle um sich her versammelt zu sehen, wie jeder sich strebt, zu seiner Jubelfeier das Beste zu liefern, in allen diesen Compositionen bloße Natur mit ihrem Ausdruck, frei aller Bizarrerie zu hören, welche bei den meisten Tonsetzern jetzt zu herrschen pflegt, u. einem unserer größten deutschen Künstler beinahe allein zu verdanken ist . . ." Damit war offenbar Beethoven gemeint, der 1815 zwei Sonaten für Violoncello und Klavier op. 102 geschrieben hatte, die heute noch schwer zu gestalten und zu verstehen sind.

Der ungarische Cellist László Fenyő und die in Moskau geborene Pianistin Julia Okruashvili eröffneten mit Beethovens Sonate C-Dur op. 102 Nr. 1 ihren großen Duo-Abend bei den Dachauer Schlosskonzerten. Dabei betonten sie "Beethovens Manier", die schon 1815 als "bizarr" bezeichnet wurde, durch ihr virtuoses, scharf akzentuiertes Musizieren. Ein Blick in die Noten zeigt, dass Beethoven das alles genau so gewollt und vorgeschrieben hat, die beiden Künstler also nur keinen Versuch unternommen haben, hier etwas zu glätten.

Im langsamen Satz dieser Sonate taucht plötzlich eine sehr schöne Melodie auf. Beethoven lässt sie sofort wieder verschwinden, während Robert Schumann einen solch schönen Einfall so oft wie gerade noch möglich wiederholt hätte. Das zeigte sich bei seinen Fantasiestücken für Klarinette und Klavier op. 73, die man fast ebenso gut auf dem Violoncello spielen kann. László Fenyő spielte sie sehr schön und zeigte dabei, dass er auf seinem Violoncello auch singen kann. Das Thema des nach Schumanns Anweisung "rasch und mit Feuer" gespielten dritten Stücks braust zwanzig Mal (gefühlt, nicht gezählt) auf, das reichte für eine von den Künstlern wie vom Publikum wohlverdiente Pause.

Danach gönnten sich László Fenyő und Julia Okruashvili kein gemütliches Musizieren mit leichterer Musik, sondern legten erst recht höchst virtuos los. Vor allem die sehr selten gespielte Violoncellosonate op. 36 von Edvard Grieg strotzt geradezu von unglaublichen Kraftentladungen und schier atemberaubender Virtuosität. Sie ist ein Musterbeispiel für die Musik der von den größten Virtuosen - Chopin und Liszt am Klavier, Paganini mit der Geige - geprägten Zeitalters der bis zum Äußersten hochgetriebenen Virtuosität der musikalischen Hoch- und Spätromantik.

Das Duo meisterte Griegs kolossales Werk in bewundernswerter Weise, und sowohl das Violoncello wie auch der Konzertflügel waren der Höchstbeanspruchung gewachsen. Edvard Griegs Sonate hat aber auch sehr schöne lyrische Stellen, die man als Erholung von der glänzenden, ja blendenden Virtuosität an Cello und Klavier genießen konnte. Dieser Genuss wurde dadurch noch gesteigert, dass man in diesen schönen Stellen Musik aus anderen, bekannt gewordenen Stücken von Grieg mühelos und deshalb mit Freude entdecken konnte.

Das erfreulichste Werk dieses Abends blieb dennoch die Sonate für Violoncello und Klavier op. 4 von Zoltán Kodály. Die Bemühungen der nach 1880 geborenen großen Komponisten, etwa Strawinsky und Hindemith, auch Béla Bartók und Carl Orff und die Zwölftöner, fanden in der Musik des Ungarn Zoltán Kodály einen besonders liebenswürdigen Ausdruck. Kodály orientierte sich in seinem Komponieren an der Melodik der ungarischen Volksmusik, schrieb dennoch eine für seine Zeit moderne Musik, und diese Kombination blüht in seiner Cellosonate op. 4 zu schönster Musik auf. Bei den Dachauer Schlosskonzerten war also wieder einmal ein besonderer Musikgenuss zu erleben mit raren, großen Stücken in hervorragender Aufführung.

Nach dem musikalischen Erdbeben bei Grieg - so László Fenyő - wurde das Publikum mit einer sanften Zugabe beruhigt. Es war der langsame Satz aus einer Cellosonate von Sergej Rachmaninow - ganz ohne jene "Bizarrerie", die (nach Franz Schubert) "den Menschen in Raserey versetzt statt in Liebe auflöst".

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