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Dachauer Musiksommer:Whirlpool der Liebe

Alice Phoebe Lou und Jesper Munk sind Stimmwunder mit Tiefgang. Mit ihrer künstlerischen Eigenständigkeit verkörpern sie eigentlich all das, was den Markenkern des "Dachauer Musiksommers" ausmacht. Es kommen nur etwa 200 Zuhörer - doch die erleben ein fabelhaftes Konzert

Von Gregor Schiegl, Dachau

Da steht er auf der Bühne, Jesper Munk, ein kleines drahtiges Kerlchen in grobem Hemd, schlabbrige Hose mit buntem, schon etwas verwaschenem Streifenmuster, und erzählt, wie heiß das hier am Mittwochnachmittag gewesen sei beim Soundcheck auf der Thoma-Wiese: "Alice und ich haben geschwitzt wie die Schweine." Er wischt sich über die Stirn und grinst schief. Na ja, was soll's, als Straßenmusiker ist man Hitze gewohnt. Der 28-Jährige, geboren in München, hat seine Karriere in der Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus begonnen, ausgestattet mit einer Klampfe und einer bluesigen Reibeisenstimme, die ihresgleichen sucht. Man hat ihn oft mit Tom Waits verglichen, dem eigentlich Unvergleichlichen.

Munk hat für das Dachauer Publikum neben Eigenkompositionen wohl nicht ganz zufällig eine Coverversion von Tom Waits im Programm, die melancholische Ballade "All the World is Green". Bei Munk klingt die Nummer weitaus weniger schräg und schmutzig als bei Waits, aber seine immer wieder sanft brechende Stimme offenbart auch bei ihm eine Verletzlichkeit, die den Zuhörer anrührt. Munk interpretiert keine Songs, das wäre zu oberflächlich, er taucht förmlich in sie ein, er versinkt darin. Entrückt und geradezu körperlos klammert er sich ans Mikrofon, ein Schlafwandler im Streifenpyjama. Dabei entfaltet seine Stimme eine Präsenz und Kraft, auch und gerade bei den leisen Tönen, dass man nur staunen kann, was für ein Klangvolumen dieser Mann seinem schmalen Brustkorb entlockt. Wenn er dann wieder auftaucht aus der konzertanten Versenkung und mit dem Publikum sprechen soll, zuckt er entschuldigend die Schultern. "Ich weiß immer nicht, was ich zwischen den Songs sagen soll", murmelt er verlegen. Nein, eine Rampensau ist Jesper Munk wirklich nicht, was in einer Zeit flächendeckender Selbstinszenierung ein geradezu erfrischendes Defizit ist.

Munk kann aber auch richtig aufdrehen. Zu schepperndem Akkorden kreischt er dann seine Liedzeilen von Sehnsucht und Einsamkeit ins übersteuerte Mikro, ein innerer Schmerz sucht hier nach seinem Ausdruck und findet ihn, selbst wenn man kein Wort mehr versteht. Dass Munks Gitarrenspiel etwas limitiert ist und sich bisweilen in schläfrigen Akkorden erschöpft, kann auf Dauer ein wenig ermüden, aber wenn Munk singt, hört man sowieso nur noch seine hypnotische, beschwörende Stimme. "I love you, what more can I say..."

Corona Sitzkonzert

Sowohl Lou als auch Munk sind Ende 20, beide sind Wahlberliner, beide haben ihre künstlerische Karriere ganz bescheiden als Straßenmusiker angefangen, beide haben eine Stimme, deren Ausdruck und Tiefe einen berührt, und beide verweigern sich seit Jahren konsequent ihrer kommerziellen Vermarktung. Schade nur, dass die beiden bei ihrem Auftritt in Dachau kein Duett gesungen haben.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Richtig munter wird das Konzert, als Munk den Musiker Rainer "Gusi" Germann auf die Bühne bittet, seinen längst nicht so berühmten, aber auch längst nicht so schüchternen Vater. Mit dem Sohnemann spielt er eine schmissige Eigenkomposition mit Kazoo-Einlage. Germann ist nicht nur Munks Vater, er ist auch dessen stolzer Mentor und Promoter, und wie ernst er seine Rolle als Förderer der Kunst nimmt, erkennt man schon daran, dass er darauf besteht, Eintritt zu zahlen wie jeder andere Zuhörer auch. Allzu viele sind es an diesem Abend leider nicht. Nur etwa 200 der 400 Tickets gingen weg. "Ich kann mir das auch nicht so recht erklären", sagt Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider, der den Dachauer Musiksommer organisiert. Denn eigentlich hat dieses Konzert die klassische Musiksommer-DNA: anspruchsvolle Independent-Musik und trotz Corona eine internationale Note.

Es geht am Mittwoch schon auf halb zehn zu, als Alice Phoebe Lou auf die Bühne hüpft, statt mit Blondschopf jetzt mit raspelkurzen Haaren und knallrot geschminkten Lippen. Die Hitze des Nachmittags ist längst verflogen, Alice Phoebe Lou steht in kurzen, um nicht zu sagen sehr kurzen Shorts auf der Bühne, umschwirrt von Insekten. "Sieht aus, als würde das eine Mottenparty werden", scherzt sie. Tatsächlich besteht das Fluggeschwader großteils aus stechwütigen Moskitos. Kurz kokettiert sie damit, wie begehrt ihr Körper sei, um gleich entschuldigend nachzuschieben. "Da kommt wohl die Diva in mir durch." Die 27-Jährige ist ganz schön aufgedreht, seit März ist es ihr erster richtiger Auftritt.

Alice Phoebe Lou hat viele neue Nummern im Programm, das Leben bleibt ja nicht stehen, und sie bekennt, dass es ihr ein Bedürfnis sei, sich mitzuteilen über das, was sie gerade bewegt. Dabei scheut sie nicht, Lieder zu spielen, von denen sie selbst sagt, sie seien noch nicht ganz fertig. Alice Phoebe Lou gehört nicht zu den Menschen, die in Panik geraten, wenn sich die Dinge anders entwickeln als erwartet. Das Konzert in Dachau bezeichnet sie als "nice little adventure" und was wäre ein Abenteuer ohne Überraschungen? Viel schief gehen kann ja nicht bei einer Frau mit so einem Talent, und wenn sie vergisst, wie die erste Zeile eines schon älteren Lieds von ihr geht, helfen die Fans ihr auf die Sprünge, und man weiß: Jetzt wird alles gut.

Corona Sitzkonzert

Ob Alice Phoebe Lou und Jesper Munk den gleichen Friseur haben, weiß man nicht, doch nicht nur äußerlich haben die beiden Musiker einiges gemeinsam.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Alice Phoebe Lous Songs sind eine Offenbarung. Nicht nur der Stil - ein genial verquerer Mix aus Soul, Blues und Jazz sowie einigen Einschlägen traditioneller südafrikanischer Musik - ist ungewöhnlich, auch der Aufbau ihrer Lieder ist oft eigenwillig und fernab der üblichen Schemata. Das mag auch an ihrer kreativ-chaotischen Herangehensweise liegen: Melodien und Textzeilen schwirren ihr oft schon lange zuvor im Kopf herum, bevor sie in einem Lied zusammenfinden und miteinander zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. In ihren Songs geht es oft um Liebe und Sehnsucht und, wie sie explizit sagt, um weibliche Sexualität - nichts Neues im Pop-Business - aber Alice Phoebe Lous Texte sind besonders. Es sind dramatische kleine Gedichte von unerhörter Poesie und zartem Witz. Eines der schönsten Beispiele ist der Song "Something Holy", ein modernes Hohelied, das den Körper des Geliebten mit einem Haus vergleicht und dessen Augen mit einem besonders schönen Ort, nämlich dem vertrauten Whirlpool. Wo eigentlich der Refrain käme, erklingt das Seufzen des Liebesakts, auf bezaubernde Weise sublimiert als glücklich gurrendes, kieksendes und schnurrendes "Haaa! Hooo! Hey! Oooooh!" Und wenn sie sich nach dem Lied abwendet, ist das keine Attitüde. Ihre Songs sind nun mal sehr persönlich und intim.

Für ihre musikalische Prägung waren die Folk-Platten ihrer Eltern wichtig. Die Entscheidung für eine musikalische Karriere fiel aber erst auf einer Reise durch Europa. Wobei Karriere für ihren Weg vielleicht das falsche Wort ist. James Blunt wollte die sagenhafte Künstlerin für das Vorprogramm seiner Europa-Tournee anwerben. Alice Phoebe Lou winkte ab, sie spielt lieber auf den Plätzen Berlins. Ohne großen Promo-Apparat, ohne eine Kompanie von Tontechnikern, nur ausgestattet mit Wandergitarre, Verstärker und einer Wahnsinnsstimme. Mangels Pianisten muss sie auf der Thoma-Wiese dann auch mal den Klavierpart in einem Lied übernehmen: "dü-dü-düdü". Das ist zwar alles andere als hochprofessionell, aber man muss ehrlich konstatieren: So schön hat man ein Klavier noch nie zuvor singen gehört.

© SZ vom 22.08.2020

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