bedeckt München 29°

Dachauer Musiksommer:Dem Rock'n'Roll entwöhnt

Roland Hefter schwärmt beim fünften Dachauer Autokonzert von den wilden Jahren. Mit der neuen Art, mit den Isarriders aufzutreten, fremdelt er ein wenig. Das lange Stehen macht ihm Probleme, doch die Fans singen lautstark mit

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Zwischen den Songs hat Roland Hefter viel von den guten alten Zeiten geredet, den wilden Jahren, die er noch bis vor Kurzem erlebt haben will. Doch dann, so beginnen in diesen Tagen ja viele Geschichten, kam Corona: Jeden Tag vor elf ins Bett, um fünf Uhr wieder aufgewacht, noch mal umgedreht, weitergeschlafen. Mehr Schlaf, weniger Rock'n Roll. Am Freitagabend spielte der bayerische Liedermacher gemeinsam mit der Band Isarriders seinen ersten Auftritt nach monatelanger Zwangspause und das fünfte Autokonzert des Dachauer Musiksommers. Statt des üblichen Publikums starrten ihm dort reihenweise helle Scheinwerferaugen von der ausverkauften Ludwig-Thoma-Wiese entgegen. Vermutlich erwartungsvoll, aber wer weiß das schon. "Hört's ihr mich da hinten?", fragte Hefter gleich zu Beginn. Ach ne, da fiel es ihm selbst wieder ein: Ob vorne oder hinten, das ist ja jetzt egal.

Diese neue Gleichberechtigung der Akustik, das könnte eigentlich etwas sein, was dem Münchner SPD-Stadtrat Hefter gefällt. Da die Livemusik auf einer bestimmten Frequenz über das Autoradio übertragen wird, hört man in der letzten Reihe theoretisch genauso viel wie in der ersten. Drängeln ist also nicht nötig, möglich sowieso nicht. Doch klar, die Qualität der eigenen Lautsprecheranlage bestimmt auch, wie gut der Klang der Isarriders und die starken Saxofon-Soli von Stephan Reiser im jeweiligen Wagen ankommen. Sind es vor Corona noch die Besucher mit Körpermaßen nahe der zwei Meter gewesen, die sowohl die bessere Sicht genossen als auch den Unmut der Umstehenden auf sich zogen, so waren es nun die Fahrer von SUVs oder Wohnwagen, die an diesem Abend zwischen den vielen Kleinwagen aufragten. Sowieso fiel den Zuhörern auch im neuen Umfeld genug ein, um sich genau so zu verhalten, wie es auf jedem anderen Konzert auch der Fall gewesen wäre: Um den gesamten Auftritt zu filmen, wurden die Handys jetzt einfach aus dem Fenster oder dem Schiebedach gestreckt; statt mit Taschentüchern wedelten manche mit Schutzmasken. Weingläser wurden in der Raucherpause kurzerhand auf dem Autodach abgestellt, das gekühlte Bier holte man aus dem Kofferraum. Und statt an strengen Türstehern vorbeikommen zu müssen, wies ein gut organisiertes Team in Warnwesten den richtigen Parkplatz zu. Diskussionen gab es da natürlich trotzdem, jemand wollte doch noch umparken, die Sicht war zu schlecht, der Ordner schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Aber Verständnis hatte er trotzdem, immerhin entpuppten sich viele als echte Fans, die später lauthals im Auto mitsangen. Und wenn man nicht mehr um die Akustik streiten kann, bleibt eben nur noch der Kampf um die Sicht. Als ein junges Paar es wagte, sich auf die Rücksitze ihres Cabrios zu setzen, um einen besseren Blick auf Hefter und die vier Musiker um ihn herum zu erhaschen, eilte sogleich eine Frau aus der hinteren Reihe nach vorne, beschwerte sich. Das Paar rutschte lachend in die Sitze zurück.

Statt in die Gesichter der Fans blickt Roland Hefter auf die Autos herab. Vorlagen für Anekdoten liefern sie ihm nicht - eine skurrile Situation, findet der Musiker.

(Foto: Toni Heigl)

Während im Publikum also alles beim Üblichen blieb, schien sich Musikkabarettist Hefter auf der Bühne noch nicht ganz so wohl zu fühlen. Über sich selbst hat er mal gesagt, das Schönste an seinen Auftritten sei, dass alles echt ist, kein Theater. Nun ja, hier in Dachau fand er das Ganze dann doch "ziemlich skurril" und musste sich im Laufe des Abends erst ein wenig warm reden. Auch das lange Stehen auf der Bühne sei er nicht mehr so gewohnt - wie gesagt, viel schlafen, wenig Rock'n'Roll in den letzten Monaten. Er gebe an diesem Abend weniger persönliche Anekdoten zum Besten als üblich, merkte er an, als es auf der Thoma-Wiese langsam dunkel wurde und er schon mehr Lieder gespielt hatte als eigentlich geplant. Denn normalerweise, also vor Corona, sei ihm schon immer etwas eingefallen, wenn er all die Menschen vor sich gesehen hatte. Aber jetzt, diese Autos, ab und zu mal ein Blinken, Lichthupen im Takt und am Ende ein lautes Hupkonzert. Da blieben zum Erzählen vor allem Erinnerungen an alte Zeiten.

Alles in allem war dieser Abend Corona-Eskapismus der feinsten bayerischen Art, und keiner der Fans hätte wohl etwas anderes erwartet. Immerhin lesen sich die Songs von Hefter wie ein Sammelsurium uriger Lebensratgeber: Von "Schlimmer geht immer" über "Des werd' scho no" bis "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Die größte Dramatik barg an diesem Abend der Song "Das Leben war eh schon schwer und jetzt kommst du daher" - eigentlich eine ziemlich passende Strophe in diesen Zeiten, allerdings nicht das, was an diesem Abend die Autos zum Wackeln brachte. Da gab es andere Hymnen, die man lieber hörte: Wenn Hefter zum Beispiel sang "Erst die Gaudi, dann das Geld", ein "Man muss nicht alles wissen" zum Lebensmotto erklärte oder einfach nur das "Weißbier in der Sonne" pries.

Und so spielt die Band an dem Abend mehr Lieder.

(Foto: Toni Heigl)

Und so entließen Hefter und die Isarriders ihre Zuhörer an diesem Abend mit einem optimistischen Nachklang, den das Publikum wiederum mit lautem Hupen belohnte. Am Samstagabend traten die Musiker gleich noch mal in Dachau auf. "Man muss ja nehmen, was man kriegen kann", scherzte Hefter. Und es war an diesem Wochenende, trotz Regens und Schutzvorkehrungen, eine ziemlich gute Stimmung.

© SZ vom 22.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite