Süddeutsche Zeitung

Dachauer Moos:Retten, was noch zu retten ist

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Die Planung neuer Straßen, immer mehr Erholungssuchende aus München und die Erwärmung des Klimas - das sind alles Ursachen für die fortschreitende Zerstörung des Dachauer Mooses. Jetzt schlagen Naturschützer erneut Alarm und fordern die Politik auf, endlich zu handeln.

Von Jacqueline Lang, Dachau

Der Mahnung ist eindringlich: Die Dachauer Kreisverbände des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) und des Bund Naturschutz (BN) fordern einen Handlungsplan zum Schutz des Dachauer Mooses, der Amperauen und der letzten Niedermoor-Reste vor weiterer Zerstörung. So steht es in einem offenen Brief, der an alle Bürgermeister im Landkreis, Landrat Stefan Löwl (CSU), die Untere Naturschutzbehörde sowie Pressevertreter versandt worden ist. Unterzeichner Cyrus Mahmoudi (LBV) will den Brief eher als Appell an die Gesellschaft als als Kritik an der Politik verstanden wissen. Mitunterzeichner Roderich Zauscher (BN) indes hofft schon, dass die politisch Verantwortlichen durch öffentlichen Druck endlich zum Handeln gezwungen werden. Und Landrat Löwl? Der versteht den Brief eher als etwas für die "Bewusstseinsbildung" der Allgemeinheit.

Einen konkreten Anlass für den offenen Brief gibt es laut Mahmoudi nicht. Oder vielmehr: Es gibt eigentlich ständig viele gute Gründe, den Menschen das Thema wieder ins Gedächtnis zu rufen, die Ehrenamtlichen haben schließlich längst Schwierigkeiten, alle Bauvorhaben im Auge zu behalten. Und seit Beginn der Pandemie ist noch ein Problem drängender geworden: der "Naherholungsdruck". Der habe gerade durch die Nähe zur Landeshauptstadt München in den vergangenen eineinhalb Jahren spürbar zugenommen und die Problematik Umweltschutz noch einmal verschärft. Allerdings, und das betonen die Unterzeichner Mahmoudi und Zauscher in ihrem Brief: Das Dachauer Moos ist nicht nur wichtig für den Naturschutz. Es geht auch um Biodiversität und Klimaschutz.

"Alle reden von Klimaschutz und wir haben das Potenzial direkt vor der Haustür"

Doch was fordern der LBV und der BN in ihrem Brief konkret? Weite Teile der FFH-Gebiete - kurz für Flora, Fauna, Habitat - in den Amperauen müssten als Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Das Dachauer Moos müsse in den Status eines Landschaftsschutzgebietes erhoben werden. Die den Naturraum zerstörenden Planungen der Umfahrungen Dachau Ost und Hebertshausen Süd müssten sofort gestoppt werden. Die erneute und somit endgültige Zerstörung des Inhauser Mooses durch den geplanten Bau einer Stromtrasse verhindert und alternativ geplant werden. Bestehende Au- und Schutzwälder gelte es, vor weiteren Zerstörungen und Kahlschlägen zu schützen und als "Hochwasserpuffer" zur Verbesserung der Wasser-Rückhaltefähigkeit Instand zu setzen. Bestehende Gewässer und Gräben müssten zugunsten der Biodiversität der Dachauer Bachsysteme renaturiert werden. Sogenannte anmoorige Böden, feuchte Auen und Niedermoor-Standorte müssten gesichert und wieder vernässt werden. Sprich, die einst trockengelegten Gebiete müssen wieder mit Wasser versorgt werden. Und zu guter Letzt fordern die Naturschützer: Das Dachauer Moos müsse "zur Basis für den Aufbau eines regionen- und naturraumübergreifenden Biotopverbundsystems" werden.

"Es sollte zwischenzeitlich bei allen Entscheidern, Interessensverbänden, Behörden und Grundbesitzern angekommen sein - das Dachauer Moos ist ein schützenswerter Lebensraum mit Zukunftspotenzial", heißt es in ihrem Brief. Und es brauche wohl keine Erinnerung daran, "was es bedeutet, wenn wir die nötigen Maßnahmen des demokratisch beschlossenen 1,5 Grad Zieles weiter in die Zukunft verschieben und weiter unsere Lebensräume zerstören", so der eindringliche Appell der Naturschützer.

Mahmoudi und Zauscher stellen allerdings nicht nur ziemlich radikale Forderungen, sie legen auch dar, wie man diese "Leitziele" erreichen könnte: Ein Aktionsplan zur "Restrukturierung der Landschaft mit Hecken und Gehölzen sowie Saum- und Feuchtbiotopen" müsse etwa her. Auch bräuchte es ihrer Meinung nach einen Bestandsschutz und Wassermanagement für Rest-Moorwälder und Niedermoorrelikte. Ebenso sei eine naturnahe Waldwirtschaft, um anpassungsfähige Wälder gegen die Folgen des Klimawandels zu entwickeln, sinnvoll. Auch das Definieren von geeigneten Bereichen zur Wiedervernässung der Moorgebiete für Natur- und Artenschutz sei notwendig. Die Entwicklung eines Konzepts für "extensive landwirtschaftliche Nutzung in Feuchtgebieten" würden Mahmoudi und Zauscher ebenfalls begrüßen. Wie wäre es, schlägt Zauscher vor, etwa mit der Abkehr vom Maisanbau hin zur sogenannten Paludi-Landwirtschaft. Darunter versteht man den Anbau von Schilf auf Moorböden. Das ist laut Zauscher deshalb sinnvoll, weil Schilf anders als Mais das Wasser nicht aus dem Erdreich entnimmt, sondern nur aus oberen Bodenschichten. Zudem sei Schilf zwar nicht als Futter einsetzbar, ansonsten in der Nutzung aber sehr vielseitig. Mahmoudi glaubt, mit solchen Lösungen auch Landwirte ins Boot holen zu können. Denn dass Naturschutz und Landwirtschaft unvereinbar seien, das stimme einfach nicht.

"Moorschutz ist Klimaschutz"

Zu guter Letzt berufen sich Mahmoudi und Zauscher auf den 2019 beschlossenen "Zehn-Punkte-Plan" zur Klimaoffensive der bayerischen Staatsregierung. Dort gibt es unter Punkt zwei einen eigenen Abschnitt zum Thema Moore. Gleich der erste Satz lautet: "Moorschutz ist Klimaschutz." Genau darauf beharren auch die Dachauer Naturschützer und betonen, dass Dachau die Möglichkeit habe, durch den Schutz des Dachauer Mooses eine "Vorreiterrolle" in Sachen Klimaschutz einzunehmen. "Alle reden von Klimaschutz und wir haben das Potenzial direkt vor der Haustür", sagt Mahmoudi. Denn unstrittig ist: Moore speichern mehr Kohlendioxid als alle anderen Ökosysteme der Erde.

Im Landkreis Dachau, das betont Mahmoudi, arbeite man gut mit Politikern und Behörden zusammen. Allerdings gebe es Seitens der Politik eben teilweise Interessenskonflikte. "Die Politik muss abwägen", so Mahmoudi, der das anders als sein Kollege Zauscher, der für die Grünen im Kreistag sitzt, zwar nachvollziehbar, aber deshalb noch lange nicht gut findet. Für sie war das einer der Gründe, sich dafür zu entscheiden, dieses Mal direkt den Weg über die Öffentlichkeit zu gehen. Gleichwohl schließt Zauscher zu einem späteren Zeitpunkt auch einen Antrag seiner Fraktion im Kreistag nicht aus.

Fragt man Löwl, ob er gedenke auf den offenen Brief zu reagieren, antwortet dieser, dass er ohnehin ständig im Austausch mit den Naturschutzverbänden stehe. Außerdem sei es ja so, dass Karlsfeld und die Stadt Dachau, auf deren Gebiet das Dachauer Moos liegt, an der Überarbeitung ihrer Flächennutzungspläne dran seien und man diese Verfahren zunächst abwarten müsse. Denn die Entscheidung, dass nicht der Landkreis über die Köpfe der Kommunen hinweg entscheide, sei vor ein paar Jahren politischer Konsens gewesen - und die halte er auch für richtig. Und obwohl auch Landrat Löwl von einer guten Zusammenarbeit spricht, kritisiert er doch, dass seitens der Verbände stellenweise "Symbolpolitik" betrieben werde. Da greife man sich umstrittene Projekte, wie etwa die Umfahrungen Dachau Ost heraus, um der Politik fehlende Entschlossenheit vorzuwerfen, statt über das zu sprechen, was gut laufe. Im ersten Moment, das weiß Mahmoudi, klingen die Forderungen in den Ohren vieler zu radikal, nach Verbotspolitik. Das stimme jedoch nicht: "Wir wollen niemanden die Natur wegnehmen." Doch gerade, um sie noch für möglichst viele Menschen und Generationen erhalten zu können, bedürfe es einer strengeren Regulation. Und zumindest in diesem Punkt sind sich Naturschützer und Landrat einig: Naherholung auf Kosten der Natur darf es nicht geben. Gerade diese nimmt in Zeiten der Digitalisierung aber immer mehr zu. Zahlreiche Geo-Tracking-Apps etwa markieren Wege quer durch das Dachauer Moos, wo eigentlich gar keine sind. Löwl würde sogar soweit gehen und sagen, dass diese Eingriffe in die Natur am Ende schädlicher sind, als das ein oder andere Bauvorhaben.

Für Mahmoudi und Zauscher indes spielt es keine Rolle, ob es Landwirte, Bauunternehmen oder Spaziergänger sind, die die Natur zerstören - am Ende sind es immer Menschen.

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Quelle:
SZ vom 08.12.2021
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