Dachauer Moos:Eine Heimat für bedrohte Arten

Die Renaturierung eines 300 Meter langen Kalterbach-Abschnitts steht vor dem Abschluss. Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl und das Ehepaar Marese und Walter Hoffmann, das einen Teil des Grunds zur Verfügung gestellt hat, sprechen von einem "Vorbildprojekt"

Von Horst Kramer

Neben dem akkurat angepflanzten Mais wirkt der neue Seitenarm des Kalterbachs wie aus einer anderen Zeit. Wer genau hinschaut, entdeckt in einer Unterwassermulde drei kleinere Fische, die ihre Köpfe zusammenzustecken scheinen. Derweil erklärt der Biologe Martin Baars, Projektleiter des Vereins Dachau Moos (VDM) und zugleich Naturschutzbeauftragter der Gemeinde Hebertshausen, was es mit der Renaturierungsmaßnahme dieses Kalterbachabschnitts auf sich hat: "Früher war der Kalterbach ein mäandrierendes Gewässer, das sich seinen Weg durch das Dachauer Moos suchte. Bis unsere Vorfahren vor 140 Jahren mit der Begradigung begannen und aus dem Bach eine Art Kanal machten, der immer rund neun Meter breit und 40 Zentimeter tief ist." Der Zweck: die Entwässerung des Mooses, um landwirtschaftlichen Flächen zu gewinnen. Die Nebenwirkung: die Lebensbedingungen zahlreicher Tier- und Pflanzenarten verschlechterten sich erheblich.

Kalterbach

Die Libellenart Helm-Azurjungfer soll sich hier in Zukunft noch wohler fühlen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Genau hier setzt das Projekt an, das Baars zusammen mit dem VDM-Geschäftsführer Robert Rossa am Mittwoch Nachmittag dem Bürgermeister der Gemeinde Hebertshausen, Richard Reischl, und der Presse vorstellte. Auf einem 300-Meter-Abschnitt soll ein ökologisches System hergestellt werden, das den Zeiten vor 1880 ähnelt. Zu den Renaturierungsmaßnahmen zählen zwei "Ausleitungen", wie Baars die Seitenarme nennt, einige Anpflanzungen sowie ein ufernahes Moorloch. "Es wird rein aus dem Grundwasser gespeist und steht nicht mit dem Bach in Verbindung", erläutert Rossa. Es wurde mit heimischen Torf aufgefüllt und lässt auf diese Weise "ein kleines Stückchen originalen Dachauer Moos-Boden wieder aufleben", so der VDM-Chef. Dort werden selten gewordene einheimische Moorpflanzen eine neue Heimat finden. Etwa der "Kriechende Sellerie", eine streng geschützte Pflanze mit kleinen weißen Doppeldoldenblüten.

Dachauer Moos: Freuen sich über den Fortschritt beim Restaurierungsprojekt Kalterbach bei Hebertshausen: Vorne: Marese und Walter Hoffmann, hinten: Martin Baars, Bürgermeister Richard Reischl, Andreas Fritsch, Robert Rossa und Jakob Ziller.

Freuen sich über den Fortschritt beim Restaurierungsprojekt Kalterbach bei Hebertshausen: Vorne: Marese und Walter Hoffmann, hinten: Martin Baars, Bürgermeister Richard Reischl, Andreas Fritsch, Robert Rossa und Jakob Ziller.

(Foto: Toni Heigl)

Besonders bedeutsam für das Projekt ist, dass es neue zusätzliche Lebensräume für eine äußerst seltene Libellenart bietet: die Helm-Azurjungfer. Einige Kilometer flussaufwärts fühlen sich die filigranen Flugkünstler seit geraumer Zeit wieder wohl. Nicht zuletzt wegen eines früheren VDM-Projekts in der Nähe des Obergrashofs, an dem Baars ebenfalls federführend beteiligt war. Er hofft darauf, dass mit dieser und eventuellen weiteren Maßnahmen wieder Fischarten von der Amper in den Kalterbach wandern, darunter Hechte und Forellen, um hier zu laichen. Schon jetzt hat sich die Rote-Liste-Fischart Schneider wieder im Kalterbach angesiedelt, ein zehn Zentimeter kleiner Schwarmfisch. Baars zeigt auf das Totholz, das der Hebertshausener Bauhof-Fachmann Hans Kölbl hierher transportiert hat: "Das Holz bietet Refugien für kleine Fische vor gefräßigen Predatoren wie dem Gänsesäger." Wer sich darunter einen gefährlich aussehenden Greifvogel oder einen scharfzahnigen Raubfisch vorstellt, liegt völlig falsch. Der Gänsesäger ist eine Entenart, etwas größer als die Stockente, aber mit einem riesigen Appetit. "Ein Exemplar verputzt locker 400 Gramm Fisch am Tag", weiß Baars.

Dachauer Moos: Auf einem 300-Meter-Abschnitt soll ein ökologisches System hergestellt werden, das den Zeiten vor 1880 ähnelt.

Auf einem 300-Meter-Abschnitt soll ein ökologisches System hergestellt werden, das den Zeiten vor 1880 ähnelt.

(Foto: Toni Heigl)

Ebenfalls vor Ort: das Ehepaar Marese und Walter Hoffmann aus dem nahen Hackermoos. Sie stellten der Maßnahme einen rund 200 langen und 25 Meter breiten Uferstreifen zur Verfügung, der direkt an die Flächen angrenzt, die im Gemeindebesitz sind. Dort entsteht die zweite Ausleitung, die sogar etwas ausladender gestaltet ist als diejenige, die Baars und Rossa gerade präsentieren. Marese Hoffmann, die auch Kreisrätin der Grünen ist, freut sich über das Projekt: "Eine ideale Ergänzung zu dem Wäldchen und den Hecken, die wir hier in der Nähe gepflanzt haben!"

Walter Hoffmann hebt die Vorbildfunktion der Kooperation zwischen VDM, der Gemeinde Hebertshausen und ihm als Grundbesitzer hervor: "Es sind ja immer wieder Forderungen an den Staat zu hören, etwas für den Naturschutz zu tun. Doch ohne die Kommunen und uns Privatbesitzer geht wenig. Wir müssen nur die Flächen zur Verfügung stellen. Viel ist ja nicht nötig." Flächen, die allerdings der landwirtschaftlichen Nutzung nicht mehr zur Verfügung stehen. Auf dem Hebertshausener Acker baut Landwirt Jakob Ziller Mais an, der Acker der Hoffmanns ist an den Obergrashof verpachtet, der dort Steckrüben gepflanzt hat. Bürgermeister Reischl (CSU) sagt daher: "Wir müssen die Interessen der Landwirtschaft berücksichtigen." Sein Zwischenfazit des Projekts ist indes uneingeschränkt positiv: "Da sieht man wieder einmal, was möglich ist, wenn alle zusammenarbeiten!" Er spricht von einem "positiven Beispiel, das hoffentlich Nachahmer findet". Zumal die Renaturierungsmaßnahme seiner Gemeinde praktisch nichts kostet. Rossa veranschlagt die Endsumme auf rund 35 000 Euro; 90 Prozent schießt der Freistaat zu, den Rest trägt der VDM aus eigenen Mitteln.

Hebertshausen ist eine von sieben VDM-Mitgliedskommunen, die sich auf drei Landkreise verteilen, darunter auch Dachau und Karlsfeld. Die Landeshauptstadt sitzt ebenfalls mit im Boot. Rossa bastelt schon an dem nächsten Kalterbach-Projekt. Genaueres will er aber noch nicht verraten. Das Gewässer ist insgesamt rund 40 Kilometer lang und verbindet den Feldmochinger See mit der Amper.

Übrigens: Die eingangs erwähnten drei kleinen Fische stellten sich später als Schneider heraus.

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