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Dachauer Malweiber:Die unbekannten Meisterinnen

Die Dachau SPD-Stadtratsfraktion fordert eine Studie zur "Aufarbeitung der Geschichte der Frauen als Kunstschaffende in der Dachauer Künstlerkolonie". Ob dabei viel Neues herauskommt, ist zweifelhaft. Oft dauerten die Karrieren der Malerinnen nur kurz und nach der Heiratet verliert sich meist ihre Spur

Um die Jahrhundertwende standen im Sommer viele Maler, vor allem aber auch Malerinnen in den Dachauer Bauernwiesen und bannten die Landschaften und Lichtstimmungen auf Leinwand. Zu ihnen gehörte Anna Klein, Tochter eines jüdischen Weinhändlers aus Nürnberg. Mit gerade mal 18 Jahren kam sie 1901 in die Künstlerkolonie Dachau, wo sie sich in der privaten Malschule von Hans von Hayek ausbilden ließ. 1941 fiel sie dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer. Sie wurde ins litauische Kowno deportiert und dort erschossen. Bis auf einige wenige Gemälde, Holz- und Linolschnitte sowie Zeichnungen und Aquarelle ist ihr umfangreiches Werk heute großteils verschollen. 2007 ging der Nachlass als Schenkung an die Dachauer Gemäldegalerie. Ein Jahr später wurde dort eine Ausstellung präsentiert, die die Künstlerin 67 Jahre nach ihrem Tod dem Vergessen entriss.

Aus der Zeit der Künstlerkolonie sind vor allem die Namen und Werke der Männer bekannt, über die oft als "Malweiber" verspotteten Künstlerinnen weiß man dagegen relativ wenig. Geht es nach der Dachauer SPD, soll sich das ändern. In einem Antrag an die Stadt Dachau fordert die Fraktion eine "Aufarbeitung der Geschichte der Frauen als Kunstschaffende in der Dachauer Künstlerkolonie". Durch eine wissenschaftliche Studie soll Leben und Werk von Künstlerinnen dieser Zeit untersucht und die Ergebnisse in der Dachauer Gemäldegalerie dargestellt werden. Die Malweiber, wie die Künstlerinnen damals despektierlich genannt wurden, hätten es geschafft, sich unter schwierigsten Bedingungen künstlerisch auszudrücken, erklärt Stadträtin Christa Keimerl. Ihre künstlerische Leistung sei unter diesem Aspekt noch umso bemerkenswerter.

Mit ihren verwegenen Farb- und Formexperimenten fand Paula Wimmer zu einer ganz eigenen, unverwechselbaren Bildsprache, wie auch ihr Gemälde"Volksfest" von 1925 eindrucksvoll zeigt.

(Foto: Toni Heigl)

Keimerl ist davon überzeugt, dass es neben den wenigen bekannten Malweibern noch viele weitere gibt und möchte der "Malweiberstruktur" dieser Zeit durch die beantragte Studie mehr Platz im Vordergrund der Geschichte der Künstlerkolonie geben. Die Ergebnisse sollen nach Möglichkeit in einer Gesamtschau der Dachauer Gemäldegalerie präsentiert werden. Eine Ausstellung in dieser Form hat es bisher noch nicht gegeben. Lediglich Einzelwerke von Frauen der Künstlerkolonie Dachau seien in einigen Bezirksmuseen ausgestellt worden, erläutert Keimerl.

Die Geschäftsführerin der Dachauer Museen und Galerien, Elisabeth Boser, ordnet das Potenzial für eine Gesamtschau nicht ganz so optimistisch ein. Nur ein kleiner Anteil der im Besitz der Gemäldegalerie befindlichen Bilder "wurde noch nicht ausgestellt", so Boser. Dieser Teil werde als wichtiges Zeitdokument aufbewahrt, eigne sich allerdings in künstlerischer Qualität nicht für eine Ausstellung. Auf die Thematik "Frauen in der Kunst" um 1900 in Dachau wurde bereits in einigen Einzelausstellungen in der Gemäldegalerie eingegangen. Darunter zählt Boser zum Beispiel auch die Ausstellung "Anna Klein und andere Künstlerinnen in Dachau um 1900" von 2008, in der bestehende Kunstwerke von insgesamt 17 Künstlerinnen aus Dachau vorgestellt wurden. Darüber hinaus wurden die Kunstwerke von weiblichen Künstlerinnen der Künstlerkolonie Dachau in Thematischen sowie Ausstellungen über europäische Künstlerkolonien eingebunden, "soweit Arbeiten von Frauen zur Verfügung standen". Elisabeth Boser bezweifelt, "dass es noch viele weitere interessante Malerinnen in der Künstlerkolonie Dachau gibt, die wir nicht kennen".

Ein großes zeichnerisches Talent war Anna Klein. Von ihr stammt das Bild zum Bayerischen Frauentag 1905.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Angehende Künstlerinnen um 1900 besuchten meist private Malschulen, da ihnen ein Studium an den staatlichen Akademien zu diesem Zeitpunkt noch untersagt war. Elisabeth Boser verweist auf die gesellschaftlichen Zwänge, denen die Künstlerinnen an den Malschulen zunächst zu entkommen suchten. Letztlich gab jedoch ein Großteil dem gesellschaftlichen Druck nach, heiratete und gab damit die "künstlerische Tätigkeit auf". Dies erschwere auch die Nachforschungen nach weiteren Malweibern erheblich, so Boser. Mit der Hochzeit ging der noch bekannte Mädchenname verloren und die Künstlerin verschwand "von der Bildfläche". Sie spricht von einer sehr viel bürgerlicheren Welt als heute, in der die Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch lebten, und gegen die sie sich auflehnen mussten, wollten sie ihre Ambitionen verfolgen und Künstlerin werden. Darüber hinaus behaupteten sich nur sehr wenige Frauen "in der von Männern dominierten Künstlerwelt und konnten ihren eigenen Malstil entwickeln", führt die Kunstexpertin weiter aus.

Paula Wimmer ist eine der wenigen Künstlerinnen der Dachauer Schule, die sich selbstbewusst über die Kritik ihres Publikums hinwegsetzte und "mit verwegenen Farb- und Formexperimenten zu einer eigenen Bildsprache" fand, wie Katja Behling und Anke Manigold in ihrem Buch "Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900" zutreffend feststellen.

Zudem wurde den männlichen Künstlern dieser Zeit eine andere Anerkennung in der Gesellschaft zuteil. Sie genossen das Privileg einer fundierten Ausbildung an den anerkannten Akademien und ergatterten bestenfalls einen der begehrten Professuren an einer der Kunstakademien, die ihnen auf Dauer ein sicheres Einkommen versprachen. Frauen hingegen, die sich der Kunst verschrieben und den Beruf Malerin für sich gewählt hatten, lebten diesen mit allen "Entbehrungen, Erfolgen und Misserfolgen". Darin begründet sich letztlich auch die Abkehr vieler Malerinnen von der Kunst hin zu einem bürgerlicheren Leben mit Mann und Familie. Mit diesem Entschluss gaben viele von ihnen letztlich "ihr Interesse an der Kunst" vollkommen auf, erklärt Elisabeth Boser.

Die Geschichte der Künstlerkolonie Dachau, die etwa von 1870 bis 1914 bestand, wird in der Dauerausstellung der Gemäldegalerie Dachau vorgestellt. "Die Arbeiten der Künstlerinnen, die sich behaupteten", weil sie konsequent ihren Weg als Malerinnen verfolgten, stehen denen ihrer männlichen Kollegen um nichts nach und werden deshalb in der Dauerausstellung "gleichwertig aneinander gegenübergestellt", betont Boser. Zu ihnen zählen beispielsweise Emilie Mediz-Pelikan, Fanny von Geiger-Weishaupt, Anna Klein, Norbertine von Bresslern-Roth sowie Paula Wimmer nach 1914.

© SZ vom 20.06.2020

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