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Dachauer Leierkasten-Gründer Frank Striegler:"Verdammt noch mal, das Leben ist gefährlich!"

Vielfalt und Qualität waren für den scheidenden Gründer der Kleinkunstbühne Leierkasten Frank Striegler schon immer zentrale Kriterien. Die Theaterstücke, die er für Kinder nach Dachau geholt hat, behandeln aber auch heikle Themen wie den Tod

Frank Striegler ist spät dran. Auf dem Klapprad kommt er zum Leierkasten-Büro in der Graf-Konrad-Konradstraße gestrampelt. Der Zug war mal wieder unpünktlich. Aber damit muss er sich in Zukunft nicht mehr herumärgern: Es ist sein letzter Arbeitstag. An den Wänden des kleinen Büros im ersten Stock sieht man, was Striegler mit seinem Leierkasten-Team in den vergangenen 34 Jahren alles auf die Beine gestellt hat. Theateraufführungen, Konzerte, Kabarettauftritte, im Gästebuch überschwängliche Lobeshymnen begeisterter Besucher und Künstler. Doch den 65-jährige Leierkasten-Impresario wird man in Zukunft nur noch relativ selten in Dachau sehen.

Herr Striegler, blicken wir auf die Anfänge zurück: Wie haben Sie das Kulturleben in den Achtzigerjahre in Dachau erlebt?

Frank Striegler: Es gab den Herrn Doktor Reitmeier (Lorenz Reitmeier, OB von Dachau; Anm. d. Red.) mit seinen Kunstbänden und seinen klassischen Konzerten. Es gab den Zitherklub und es gab Volksmusik. Es gab sehr wenig anderes.

Also für junge Leute eher gar nichts.

Die SPD hat zwei Kabarettveranstaltungen im Jahr gemacht. Dann gab es noch Theatrock, die haben sich ziemlich genau in unserer Zeit gegründet und Kabarett und Rockveranstaltungen auf die Bühne gebracht. Anfangs gab es auch noch keine Zuschüsse. Wir waren zweimal pleite in den ersten fünf Jahren und haben bei den Besuchern gesammelt. Ich habe sogar die Briefe noch, die ich an den OB Reitmeier geschrieben habe; ich bekam immer freundliche Antworten, aber nie einen Zuschuss. Inzwischen hat sich das glücklicherweise geändert. Mit dem Geld, das wir von der Stadt bekommen, können wir jetzt zwar auch keine Riesensprünge machen, aber wir können damit wenigstens vernünftig arbeiten.

Woher kommt Ihre Begeisterung fürs Kindertheater?

Da ich ja Erzieher bin und die Ansicht vertrete, dass Fernsehen nicht der Hit für Kinder ist, weil vieles an ihnen vorbeirauscht und sie es auch gar nicht so schnell verarbeiten können, habe ich mir gedacht: Kindertheater wäre eine gute Alternative. Ich war aber auch schon persönlich vorgeprägt. Mit meiner Mutter war ich immer wieder im Theater. Als sie jung war, hat sie selbst Theater gespielt. Ich habe als Kind auch mit ihr auch für meine kleine Schwester gespielt bei Kindergeburtstagen.

Haben Sie sich auch mal mit dem Gedanken getragen, selbst auf die Bühne zu steigen und richtig zu schauspielern?

(Lacht verlegen.) So ein bisschen.

Ein bisschen?

Ich habe mal mit einer Künstlerin knapp eine Woche lang gearbeitet, sie hatte mir eine Regie geschenkt. Aber ich habe schnell gemerkt: Wenn ich das wirklich machen will, muss ich sehr viel lernen, und ich war damals auch schon um die 50.

Als Erwachsener ein gutes Kinderprogramm auf die Beine zu stellen, ist aber auch nicht gerade leicht.

Anfangs hatte ich auch nicht viel Ahnung von Kindertheater. Vor gut 20 Jahren habe ich mal einen Preis von Puppenspielern als "hervorragender Veranstalter" bekommen. Bei der Preisverleihung in Berlin waren ganz tolle Künstler zu sehen. Da habe ich erst gelernt, was es an gutem Kindertheater gibt. Ich bin auch viel auf Festivals gefahren. Und als ich mit dem Kindertheaterprogramm angefangen habe, hatte ich ja selber Kinder. Meine zwei Töchter waren dauernd im Kindertheater.

Weil sie mussten oder weil der Papa es so wollte?

Na ja, beides. Sie sollten mitgehen, natürlich, aber ihnen hat es auch total gut gefallen. Was mir wichtig ist, dass man verschiedene Darstellungsformen zeigt, und dass die Kind auch ganz viel Verschiedenes sehen. Ich will, dass Kinder ganz viel lachen können, aber Weinen gehört auch dazu. Diese Pädagogik, die gerade vorherrscht, Kinder von allem fernzuhalten, dass die Kinder nicht mal mehr auf Bäume klettern dürfen, das finde ich, Entschuldigung, vollkommen bescheuert. Ja, verdammt noch mal, das Leben ist gefährlich, und ich muss das lernen! Ich bin als Kind mal zu hoch auf den Baum geklettert, dann mussten sie mich halt wieder runterholen.

Sehen Sie denn auch Tendenzen, dass existenzielle Themen auf der Bühne für Kinder ausgespart werden mit dem Argument, das könnte zu schwierig für sie sein, zu verstörend, zu brutal?

Na ja, brutal will ich es jetzt auch nicht haben. Aber ich mag auch keine pädagogischen Stücke.

Sie verfolgen als Veranstalter aber doch einen Bildungsauftrag?

Ich hatte mal ein Stück im Programm, das hieß "Ente Tod und Tulpe" von Wolf Erlbruch. Die Essenz der Geschichte war, das der Tod zum Leben gehört. Das war eines der genialsten Stücke, die ich je gesehen habe. Natürlich war es ein schwieriges Thema, da stirbt am Ende auch jemand. Aber es war wahnsinnig schön und gut gemacht. Kinder spüren, wenn sie etwas Gutes vorgesetzt bekommen, und das ist, denke ich, unser Auftrag: Vielfalt und Qualität zu zeigen.

In anderen Ländern hat gut gemachtes Kindertheater einen sehr hohen Stellenwert, bei uns nicht. Woran liegt das?

Puh, das ist eine gute Frage... Ich habe gute Freunde, die wissen, dass ich dieses Festival mache, die sind nicht gekommen. Dann hat mal eine Journalistin von der SZ eine große Geschichte mit mir für den Bayernteil gemacht, erst dann kamen sie. Weil es in der Süddeutschen stand. Das ist wirklich ein bisschen schräg manchmal. Wenn du in Usbekistan Puppenspieler bist, bist du ein Gott. Wir hatten mal einen da, der hatte sogar seinen eigenen Träger dabei, der Puppenspieler durfte nichts tragen. Er wollte dann, dass ich ihn zu seinem nächsten Auftritt fahre - nach Hannover! Dabei hatte ich nicht mal ein eigenes Auto.

Wir leben heute in einer ganz anderen Zeit als in den Achtzigern. Durch das Internet ist nun an jedem Ort rund um die Uhr Unterhaltung verfügbar . Wird es schwieriger, das Publikum zu begeistern?

Das sehe ich nicht. Warum kommen zu den Theatertagen denn jedes Mal 7000 bis 8000 Leute? Warum rennen mir die Lehrer die Bude ein? Die Lehrer sagen zu uns: "Weil es bei euch gutes Theater gibt." Und was auch wichtig ist, ist die Kontinuität. In den vergangenen Jahren steht immer mal wieder ein Kind vor mir und sagt: "Meine Mama war bei dir im Kindergarten, meine Mama war schon bei dir im Theater." Diese Bindung darf man nicht unterschätzen.

Aber Sie sind ja bereits weggezogen von Dachau. - Wohin? Und vor allem warum?

Ins bayerische Oberland, und das hat drei Gründe: Meine beiden Töchter haben dort in der Nähe Familien gegründet, wir haben vier Enkelkinder, da wollten wir näher dran sein - das war der wichtigste Grund. Der nächste Grund ist, dass wir unsere Wohnung in Dachau jetzt hätten umbauen müssen, weil sie nicht altersgerecht war; wir konnten sie aber jetzt gut verkaufen. Und der dritte Grund: Ich habe mich einige Jahre lang sehr intensiv um meine Eltern gekümmert, die in Fürstenfeldbruck leben - mein Vater ist inzwischen gestorben. Wir haben gemerkt, dass es sehr gut war, dass wir relativ nahe bei meinen Eltern waren. Und jetzt sind wir ja noch fit. Wir hatten das Glück, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sogar mit Garten. Das war meiner Frau sehr wichtig. Als ich ausgezogen bin und in der leeren Wohnung saß, habe ich aber auch gemerkt: Das weinende Auge ist schon sehr groß. Im September wären es 40 Jahre geworden, dass ich in Dachau wohne. Seit 1979 bin ich hier.

Wer ist denn nun Ihr Nachfolger beim Leierkasten?

Den einen Nachfolger gibt es nicht, wir waren schon immer ein Team. Ich bin halt derjenige, der viel gemacht hat im Team und der sehr stark nach außen hin wahrgenommen wurde, weil ich immer die Ansagen auf der Bühne gemacht habe.

Aber Sie brauchen doch einen Vorsitzenden?

Nö, wieso?

Sind Sie denn kein Verein?

Juristisch sind wir eine Jugendgruppe der Friedenskirche. Na ja, sagen wir lieber: eine Gruppe. Viele Mitglieder feiern jetzt ihre 50. Geburtstage, die Jüngste ist 21. Wir sind eine Gruppe, die sich immer wieder verändert hat. Leute sind gegangen, Leute sind dazugekommen, und so soll es weitergehen. Es gibt ein Team von drei Frauen, die den Kinderleierkasten verantwortlich übernehmen: Karla Schure, Sabine Kordes und Sina Weber. Bei den Theatertagen hat mich Christine Albrecht in den vergangenen Jahren schon viel unterstützt, wir machen inzwischen viel Leitungsaufgaben zusammen.

Bei den Theatertagen sind Sie also weiter dabei - auch nach Ihrem Umzug?

Ich habe ja hier im Leierkasten-Büro immer noch meine kleine Notkammer in Dachau, das geht schon.

Ganz loslassen können Sie wohl nicht?

Nein. (Lacht). Ganz aufhören kann und will ich nicht, aber in die zweite Reihe zurücktreten, dafür ist die Zeit jetzt da.

Zur Person

1985 gründete Frank Striegler die Kleinkunstbühne Leierkasten. Die Gruppe entstand aus Konfirmanden der Gnadenkirche Dachau, die anspruchsvolle Kultur für Jugendliche und junge Erwachsene nach Dachau holen wollten. Wegen Bauarbeiten in der Gnadenkirche zog die Kleinkunstbühne in die Friedenskirche um. Eineinhalb Jahre später, im September 1986, entstand auch ein eigenes Format für Kinder, der Kinderleierkasten. Die Bilanz der Dachauer Kulturinstitution kann sich sehen lassen: Nicht nur, dass es bis heute schon mehr als 1000 Leierkasten-Aufführungen gegeben hat mit mehr als 70 000 Besuchern, der ausgebildete Erzieher Frank Striegler und sein buntes Team haben immer wieder eine sichere Spürnase für junge Talente bewiesen. So traten beim Leierkasten junge Nachwuchskünstler auf, die heute Bühnenstars sind, etwa Willy Astor, Michael Mittermeier oder Max Uthoff. 1999 hob Frank Striegler mit seinen kulturbegeisterten Mitstreitern den Verein "Theater-Tage Dachau e.V." aus der Taufe, mit dem Ziel das Kinder- und Jugendtheater in Dachau zu fördern. Jedes Jahr bringen die Theater-Tage zahlreiche herausragenden Inszenierungen auf die Bühnen der Stadt. Das Leierkasten-Team wurde im Jahr 2000 mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet. gsl

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