Süddeutsche Zeitung

Dachauer Band spielt in Israel:Musikalische Eisbrecher

Die Dachauer Band "Lupin" tritt im Kibbuz Ramat Rachel in Israel auf und begeistert das Publikum. Diesen Abend werden die jungen Künstler so schnell nicht vergessen - doch es geht ohnehin um mehr als Musik.

Gerade hat die Band Lupin ihre dritte Zugabe gespielt, als sich Jakob Hirsch, auf seinen Stock gestützt, einen Weg durch die jubelnde Menge im Ballsaal des Kibbuz Ramat Rachel bahnt und auf Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) zugeht. Dann geschieht das, was Bürgel später mit Tränen in den Augen als "Wunder" bezeichnen wird.

Jakob Hirsch, der 86-jährige Vorsitzende des Freundeskreises der Aktion Sühnezeichen (ASF) in Israel, sagt Bürgel seine Unterstützung zu. Dabei war es Hirsch, der sich anfangs gegen die Teilnahme der Dachauer an der 50-Jahr-Feier der ASF ausgesprochen hatte. Dachau, das war dann doch eine Zumutung für die Holocaust-Überlebenden, mit denen die ASF arbeitet. Jetzt aber sagt Hirsch sogar: "Ich unterstütze die Bemühungen Dachaus für eine Partnerschaft mit einer israelischen Stadt."

Jakob Hirsch hat viel Einfluss, und OB Bürgel denkt in diesem Moment daran, was wohl aus den Plänen mit Rosh HaAyin geworden wäre, hätte er damals, 2009, einen solchen Mann an seiner Seite gehabt. Die bereits beschlossene Städtepartnerschaft war an dem Protest von Holocaust-Überlebenden gescheitert. Aber heute ist keine Zeit für wehmütige Erinnerungen an die fehlgeschlagenen Versuche. Am Ende des dritten Tages in Jerusalem, es geht schon rasch auf Mitternacht zu, erfährt Bürgel zum ersten Mal in Israel, wie das ist, wenn Dachau als Partner in der Erinnerungspolitik anerkannt wird. Natürlich weiß der Oberbürgermeister, dass die ASF in Israel so bekannt nicht ist und noch ein weiter Weg vor ihm liegt.

Aber es ist schon wie eine Geburtsstunde, vor allem für Lupin. Vor einem halben Jahr haben die vier phantastisch guten Musiker Sascha Seelemann, Markus Steinlechner, Lukas Häfner und Lorenz Flach - Durchschnittsalter 21 - die Band in Dachau gegründet. Aber ihr Konzert heute Nacht lässt die Band von einer Zukunft träumen. Bassist Markus Steinlechner sagt: "Davon werde ich einmal meinen Enkeln erzählen." Auf jeden Fall plant Shelly Steinberg, begeisterte Organisatorin des ASF-Festes, bereits einen zweiten Auftritt Lupins in Israel, am landesweiten Tag der Studenten. Die Bandmitglieder würden am liebsten dem Dachauer Kulturamtsleiter Tobias Schneider um den Hals fallen, dafür, dass er sie ausgewählt hat.

"Die Zeiten haben sich geändert"

Ungefähr 200 Freiwillige und andere Gäste der ASF, viele Deutsche, aber auch Israelis, sind zur Party gekommen. Die Brauerei Weihenstephan hat 240 Liter Weißbier gespendet, und Bürgel hat fachmännisch beim Anzapfen geholfen. "Jugend und Musik überwinden politische Hürden", hat der Oberbürgermeister in seiner Ansprache erklärt.

Das ist seine Antwort auf die eher steife Veranstaltung am Vormittag, ein Symposium zu den deutsch-israelischen Beziehungen. "Viel Theorie", sagt Bürgel, "man muss ein Gefühl für die Menschen bekommen." Er freut sich so über den Erfolg der Band und sagt: "Ich könnte heulen." Adin Theilhaber-Talbar, ein 89-jähriger Israeli, der in Berlin geboren und 1935 nach Palästina gegangen ist, tanzt ausgelassen mit den jungen Mädchen der Aktion Sühnezeichen, nicht ohne vorher die Damen mit Handkuss begrüßt zu haben. Das will sich auch das BR-Fernsehteam nicht entgehen lassen, das den alten Mann für ein Interview in einen Nebenraum zieht.

Bürgel hat vor der Party im Interview der Fernsehjournalistin gesagt, ihm komme es darauf an, die Jugend zusammenzubringen. Und dafür hat er sich einen starken Partner auf israelischer Seite ausgesucht: Abba Naor, der 83-jährige Überlebende des Dachauer KZ-Außenlagers KauferingI reist extra von Tel Aviv an, um auf Bürgels Wunsch ein paar Worte zu sagen. Aber was er dann sagt, überrascht auch Bürgel und bereitet dem Erfolg der Dachauer Delegation den Boden. Nie hätte er als kleiner Junge damals im Ghetto von Kaunas geglaubt, dass er einmal neben dem Dachauer Oberbürgermeister stehen wird. Er sagt: "Dachau ist eine Stadt wie jede andere." Dann bezeichnet er Bürgel als seinen Freund und zitiert Theodor Herzl: "Wenn ihr daran glauben werdet, dann ist es kein Traum."

OB Bürgel geht es wie dem Bassisten Markus Steinlechner, der nach dem Konzert meint, er könne noch gar nicht richtig begreifen, was in dieser Nacht in Jerusalem geschehen ist. Jakob Hirsch lächelt, als er sagt: "Die Zeiten haben sich geändert. Ich bin froh über den Auftritt Dachaus."

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SZ vom 10.03.2011
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