Altomünster:Perfekt für Funker

Vom 70 Meter hohen Turm in Schmarnzell hat der Dachauer Amateurradioclub beste Verbindungen in die Welt

Von Jana Rick, Altomünster

In Schmarnzell steht ein Turm. Schon von Altomünster aus kann man ihn sehen, schmal und grau ragt er mitten in der freien Landschaft in die Höhe. Er ist unübersehbar und doch irgendwie unscheinbar. Gute Augen entdecken ganz oben am Turm einige Antennen und Satellitenschalen. Und man sieht Frank Heidamke, der einige Meter vom Turm entfernt unten in der Wiese sitzt. Neben seinem Van hat er einen kleinen Campingtisch aufgebaut und sitzt auf einem Klappstuhl - von Weitem würde man ihn für einen Camper halten. Doch Heidamke hat seinen Laptop aufgeklappt, aus dem mehrere Kabel hinausführen und aus den Lautsprechern des Computers tönt ein gleichmäßiges Rauschen, das von verzerrten Stimmen hin und wieder unterbrochen wird. Es sind Funkamateure, wie Heidamke selbst, die hier ihrem Hobby nachgehen und miteinander funken. Etwa 2200 von ihnen gibt es in Oberbayern, sie funken von Dachau nach Augsburg oder von Vierkirchen nach Kanada.

Sendeturm Schmarnzell

Frank Heidamke blickt von DBoDAH weit ins Dachauer Land und präsentiert die Technik.

(Foto: Niels P.Jørgensen)

Der 58-jährige Heidamke hat sich gerade mit dem etwa 70 Meter hohen Turm vor ihm verbunden, dem DB0DAH. "Das D steht für Deutschland, das B für eine automatisierte Station, die 0 ist einfach ein Platzhalter und das DAH steht natürlich für Dachau", erklärt der Funker. Die Abkürzung ist also das sogenannte Rufzeichen des Sendeturms in Schmarnzell. Genauso wie Heidamke als Funker das Rufzeichen "DJ2FR" hat. "Jedes Rufzeichen gibt es nur einmal auf der Welt, wie ein Autokennzeichen." Und dank des Turms kann sich jeder Funkamateur also mit seinem Laptop irgendwo von der freien Landschaft aus mit dem "Hamnet" verbinden. Hamnet, das ist das "Internet der Funkamateure", wie Heidamke es nennt. Der Vorsitzende des Dachauer Ortsverbands hat die Begabung, die technischen Aspekte seines Hobbys so zu erklären, dass sich jeder auch Nicht-Fachkundige etwas darunter vorstellen kann. Fragt man ihn, was genau "Web-SDR" ist oder wie sich bestimmte Megahertz unterscheiden, so macht er schnell den Mund auf, schließt ihn dann aber wieder, um erst mal in Ruhe zu überlegen, wie man das einem Nicht-Funker am besten erklären könnte. Das passt zur Einstellung des Verbands, dass ihre Projekte auch der Weiterbildung und der Förderung der Jugend dienen sollen.

Sendeturm Schmarnzell

Meist sitzt Heidamke mit seinem Laptop nahe dem Turm, um sich zu verbinden.

(Foto: Niels P.Jørgensen)

Dank Heidamkes Erklärungen versteht man also schnell, dass der Sendeturm in Schmarnzell ein wichtiger Knotenpunkt in einem großen Funkernetzwerk ist. Heidamke zieht eine Karte hervor, in der alle Sendetürme Mitteleuropas eingezeichnet sind. Wie kleine Leuchttürme sind darin viele Türmchen zu erkennen, die durch bunte Linien miteinander verbunden sind. Vom Turm in Schmarnzell gibt es Linkstrecken zum Wasserturm nach Vierkirchen und zu einem Hochhaus in Augsburg. Denn auch dort nutzen die Funker die Höhen der Standpunkte. In Schmarnzell sind es genau 558 Meter über dem Meeresgrund, "perfekt für Funker".

Sendeturm Schmarnzell

Der Weg hinauf innerhalb des Turns ist schwerig.

(Foto: Niels P.Jørgensen)

Der Ortsverband Dachau des Deutschen Amateurradioclubs, der aktuell 68 Mitglieder zählt, nutzt den Sendeturm in Schmarnzell seit 2012. Im Blick hatte Heidamke, der von Beruf Elektroniker ist, den Turm aber schon früher, als noch die Bundeswehr ihn nutzte. Denn "wenn ein Funker einen Turm sieht, wird er verrückt", sagt er. Deswegen nahm er, als die Bundeswehr den Turm nicht mehr nutzte, direkt Kontakt mit den Betreibern des Gebäudes auf. Seitdem darf der Verein den Turm nutzen, für eine sehr geringe Summe im Jahr. Der Vorsitzende des Vereins konnte durch ein wenig Recherche herausfinden, dass der Turm wahrscheinlich schon vor den sechziger Jahren von Amerikanern betrieben wurde, als sogenannte Schmarnzell Relay Site. Dann übernahm die Bundeswehr die Station als Richtfunkstation. Heute wohnen in der ehemaligen Baracke Asylbewerber, der Sendeturm steht praktisch bei ihnen im Garten.

Der Aufstieg in den Turm ist nur für Kletterfreudige und Schwindelfreie. Die Vereinsmitglieder schleppen hier zweimal im Jahr neue Antennen oder Werkzeug nach oben. Über eine schmale Eisenleiter erreicht man die mittlere Plattform auf 35 Metern Höhe. Die "Experimentierplattform" des Vereins, so nennt sie Heidamke. Hier toben sich die Funker aus, tauschen Antennen aus und testen neue Technik. "Es ist ein Projekt, das lebt." Blickt man von der Plattform des Turms nach unten, so erscheint Schmarnzell ganz klein, man kann die Häuser von Altomünster sehen, mehrere Windräder am Horizont und sogar die Hochhäuser von München. "14,5 Grad und 99% Luftfeuchtigkeit" zeigt die kleine Wetterstation an, die die Funker zusätzlich zu einer Kamera noch auf dem Turm installiert haben. Um die Wartung des Turms kümmern sich drei Mitglieder des Vereins, wobei Heidamke betont, dass ein Großteil der Wartungsarbeiten von zuhause aus möglich sei. Der Funker ist stolz, wenn er all die Technik oben auf dem Turm zeigt und erklärt, dass man als Funkamateur sogar nach Thailand oder zur Antarktis funken kann. All das wäre vergangenes Jahr plötzlich nicht mehr so möglich gewesen, als die Betreiber des Turms mit einer Änderungskündigung eine Mieterhöhung von über 1000 Prozent verkündeten. "Eine Summe, die für uns als kleiner Verein untragbar gewesen wäre", schüttelt der Vereinsvorsitzende heute noch den Kopf.

Der Ortsverband formulierte also die Bitte, gemeinnützige Vereine wie sie bei der Höhe der Mietzahlungen entsprechend zu berücksichtigen, schließlich dient der Amateurfunkdienst nicht nur der eigenen Weiterbildung, sondern auch der Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen. So waren die Funkamateure zum Beispiel auch vergangenes Wochenende bei der Unwetterkatastrophe im Berchtesgadener Land bereit zu unterstützen. Die Bitte des Dachauer Ortsverbands an die Vermieter blieb jedoch unberücksichtigt, sodass sich die Vereinsvorsitzenden in ihrer Verzweiflung an den Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi (SPD) wandten. Mit Erfolg, denn der Verein konnte mithilfe der Politik eine Jahresmiete aushandeln, die laut Heidamke "vertretbar" sei. So kann sich der Verein den Turm nach wie vor leisten. Ohne ihn würde ein Knotenpunkt fehlen und die Funker hätten sich einen neuen Standort suchen müssen. Das sei laut Heidamke im Landkreis nicht so leicht, denn der Schmarnzeller Turm habe einfach eine ideale Höhe mit freier Sicht in alle Richtungen, zudem ist er mit seinem Standpunkt zwischen Oberbayern und Schwaben zentral. Dank DB0DAH können die Funker weiterhin von Schmarnzell nach Augsburg funken. Oder an die Antarktis.

© SZ vom 24.07.2021
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