Preis für Zivilcourage Protest mit dem Kochlöffel

Gibt dem Widerstand gegen die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung ein Gesicht: Gülşen Çelebi.

(Foto: privat)

Gülşen Çelebi demonstriert regelmäßig und lautstark gegen den Düsseldorfer Pegida-Ableger. Die Stadt Dachau ehrt die Anwältin mit dem Preis für Zivilcourage.

Von Julian Erbersdobler, Dachau/Düsseldorf

Der Lärm kommt aus dem vierten Stock. Die hell erleuchteten Fenster erkennt man im verwackelten Video nur verschwommen. Gülşen Çelebis Gesicht sieht man erst, als der Amateurfilmer näher auf den Balkon in der Düsseldorfer Graf-Adolf-Straße zoomt. Es ist einer der Montage, an denen die Anwältin auf ihrem Balkon lautstark mit Kochlöffel und Topf gegen Dügida, den Düsseldorfer Pegida-Ableger, demonstriert.

Für ihren mutigen und kreativen Widerstand wird die deutsche Rechtsanwältin mit kurdischen Wurzeln am 10. Dezember mit dem Dachau-Preis für Zivilcourage im Dachauer Rathaus geehrt. "Ich habe mich mein ganzes Leben gegen Rechts gestellt", sagt Çelebi am Telefon. Über die Auszeichnung sei sie "geehrt und gerührt". Viel wichtiger als ihre Person sei aber der Preis an sich, sagt die Anwältin. "Ich bin sehr dankbar, dass die Stadt Dachau in dieser Form mit der eigenen Vergangenheit umgeht."

"Wir sind Deutschland, nicht ihr"

Montag für Montag, mit Megafon und Nazi-Witzen, lauter Musik aus Boxen, Kochlöffel und Topf stellte sich die 43-Jährige offen gegen Pegida. "Ich will die Rechten nicht hören", sagt sie. "Deshalb haben wir ordentlich Lärm gemacht." Gemeinsam mit Kollegen und Freunden bezog sie auf ihrem Balkon klar Stellung. Ihre Botschaft: "Wir sind Deutschland, nicht ihr."

Das Echo der Straße: Hass, Mittelfinger, Drohbriefe, zwei versuchte Einbrüche und eine Drohung der Dügida-Organisatorin. In einem Internetvideo soll sie ihre Gefolgschaft dazu aufgerufen haben, der Rechtsanwältin "am Rosenmontag einen Besuch in ihrer Kanzlei abzustatten". Çelebi ließ sich davon nicht unterkriegen und machte weiter, auf dem, wie sie ihn selbst nennt, "lustigsten Balkon Deutschlands".

Gülşen Çelebi hat kurz vor ihrem Urlaub in der Türkei erfahren, dass sie mit dem Dachau-Preis für Zivilcourage geehrt wird. Mit der Auszeichnung soll das Vermächtnis der Opfer der Konzentrationslager und des vielfältigen Widerstandes gegen das NS-Regime lebendig erhalten werden. Die diesjährige Preisträgerin sagt am Telefon, dass sie auch nichts gegen eine jährliche Vergabe der Auszeichnung hätte. Bisher wird der Preis seit 2005 im zweijährigen Turnus ausgelobt.

Auszeichnung soll noch mehr Gewicht bekommen

An der Zeitspanne wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern - die konkrete Umsetzung stehe aber gerade zur Debatte, sagt Kulturamtsleiter Tobias Schneider der SZ. Der Antrag der CSU, die Vergabe der Auszeichnung "aufzuwerten" und durch "Tage der Menschenrechte" zu ergänzen, wird gerade auf Beschluss des Kulturausschusses von der Verwaltung geprüft. "Die Überlegungen richten sich dann auf das Jahr 2017, wenn der Preis zum nächsten Mal vergeben wird", erklärt Schneider.

Es werde auch darum gehen, ob eine solche Veranstaltungsreihe mit der städtischen zum selben Thema unter dem Titel "Einer für alle - alle für bunt" in Einklang gebracht werden kann. Um diese Frage zu beantworten, soll es Gespräche mit Vertretern der Kampagne und dem Runden Tisch für Zeitgeschichte geben, "auch um Synergieeffekte zu finden", sagt Kulturamtsleiter Schneider.

Angesprochen auf ihr Engagement, sagt Çelebi, der Protest gegen Rechts habe sich eher spontan entwickelt. Als Dügida Anfang des Jahres zum ersten Mal in Düsseldorf aufmarschierte, nahm die Rechtsanwältin an der Gegendemonstration teil. "Die Polizei hat uns von den Nazis ferngehalten", erinnert sich die Preisträgerin. "Ich wollte ihnen aber offen zeigen, dass sie hier nicht erwünscht sind." Wenig später wurde ihr Balkon zum "Zentrum des Widerstands", wie sie ihn selbst nennt. "Ich hatte das Gefühl, dass jemand aufstehen musste. Manchmal braucht es einfach Widerstand."

Jemand muss dagegen halten

Ob sie jemals Angst hatte? "Angst ist in diesem Fall kein guter Begleiter." Die eigentliche Gefahr seien die Menschen auf der Straße, sagt sie. Deren Einstellung lasse sich nicht rechtfertigen. Um dagegen anzukämpfen, ist sie Teil der Bewegung "Düsseldorf stellt sich quer". "Wenn wir von irgendeiner Rechtsextremen-Aktion Wind bekommen, sind wir auf Knopfdruck da und halten dagegen", sagt Çelebi am Telefon. "Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen."

Der Dachau-Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Bei einem Festakt im Dachauer Rathaus wird den Geehrten eine vom Dachauer Künstler Heinz Eder gestaltete Medaille verliehen. Die bisherigen Preisträger waren Maria Seidenberger (2005), Lina Haag (2007), Mirjam Ohringer (2009), Stanislav Zámečník (2011) und Jörg Wanke, stellvertretend für die Initiative "Zossen zeigt Gesicht" (2013).