Dachau Zwischen Bibel und Politik

Die Kirchenvertreter rufen dazu auf, sich gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Viele beziehen sich in ihrer Osterbotschaft auf die Flüchtlingsdebatte

Von Sebastian Jannasch, Dachau

Vor dem Höhepunkt des Osterfestes am Sonntag rufen die Pfarrer im Landkreis dazu auf, die Botschaft der Erlösung von Leid und der Hoffnung dazu zu nutzen, persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen entschlossen anzugehen. "Die Geschichte von Jesus lehrt uns, dass es wichtig ist, beherzt für seine Überzeugungen einzustehen und sich nicht von einer guten Sache abbringen zu lassen, nur weil andere dagegen sind", sagt Dachaus Dekan Wolfgang Borm. Viele Kirchenvertreter beziehen ihre Osterbotschaften auf die Flüchtlingsdebatte. Die Kirchen im Kreis wollen das Osterfest auch nutzen, um stärker auf das religiöse Fundament der Feiertage und ihre Wurzeln hinzuweisen. "Es ist schade, wenn Menschen sich nicht fragen, was wir eigentlich feiern, was dahinter steht", beklagt Pfarrverbandsleiter Borm. Im Landkreis stemmen sich die Kirchen gegen Austritte und schwindende gesellschaftliche Relevanz.

In ihren Gottesdiensten wollen die Kirchenvertreter den Kern des Osterfestes hervorheben. Ulrike Markert, Pfarrerin der evangelischen Gnadenkirche, sagt: "Ostern ist das Fest der Hoffnung, des mutigen Neuanfangs und des Lebens, das über alle zerstörerischen Mächte siegt." Diese Aussage beziehe sich sowohl auf persönliche Krisensituationen wie auch auf politische Herausforderungen. So sei es "erste Christenpflicht", jene zu unterstützen, die keine Perspektive haben und um ihr Leben fürchten. Sie sei beeindruckt von der Hilfsbereitschaft vieler Landkreisbewohner gegenüber Flüchtlingen. Auch Björn Mensing, Pfarrer der Versöhnungskirche, ruft Engagierte dazu auf, sich vom "zunehmenden Gegenwind" und "feindlichen Stimmen" in der Asyldiskussion "nicht beirren oder entmutigen zu lassen". Der Diakon der Versöhnungskirche Klaus Schultz wirbt dafür, nicht gleichgültig gegenüber dem Leid der Flüchtlinge zu werden.

"Es ist schade, wenn sich Menschen nicht fragen, was wir eigentlich feiern": Dekan Wolfgang Borm in der Dachauer Stadtpfarrkirche Sankt Jakob.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Indem die Geistlichen die biblische Geschichte auf die aktuelle Politik beziehen, wollen sie auch die Relevanz der christlichen Lehre wieder in den Vordergrund rücken. In vielen Haushalten hat das höchste kirchliche Fest eher Folklore-Charakter: Mit bunten Eiern, Hasen und Kükensymbolen wird ein Fest begangen, das eigentlich an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu erinnern soll. "Ich finde es traurig, wenn Ostern nur äußerlich bleibt, ein einfaches Familienfest mit Ostereiersuche", sagt Schwester Katharina vom Kloster Karmel in Dachau. Für sie sei Ostern vor allem die Chance, sich mit persönlicher Schuld und Aussöhnung auseinanderzusetzen. Auch Pfarrerin Markert bedauert, dass selbst mancher Christ "ins Grübeln kommt", was genau der Hintergrund der Ostertage ist. Umso wichtiger ist für viele Pfarrer im Landkreis, die vollen Kirchen an den Feiertagen zu nutzen, um Hintergründe des christlichen Glaubens zu vermitteln. "Ostern bietet die Gelegenheit, sich unserer christlichen Wurzeln zu vergewissern und daraus Kraft in unserer schnellatmigen Gesellschaft zu schöpfen", sagt der Petershausener Pfarrer Peter Dölfel.

Im Kreis fällt es den Kirchen zunehmend schwerer, mit ihren Botschaften durchzudringen. Sie kämpfen mit sinkenden Zahlen von Gläubigen. Im vergangenen Jahr traten in Dachau, Hebertshausen und Haimhausen insgesamt 455 Menschen aus den Kirchen aus, in Karlsfeld waren es 193. Das Standesamt in Markt Indersdorf, das auch für Petershausen, Weichs, Vierkirchen und Röhrmoos zuständig ist, registrierte 225 Austritte. "Taufen und Eintritte wiegen die Sterbefälle und Austritte nicht auf", bestätigt Dekan Wolfgang Borm. Der Rückgang der Kirchenmitglieder sei zwar "nicht exorbitant", aber wahrnehmbar. Auch Pfarrerin Ulrike Markert sieht einen "nicht dramatischen, aber stetigen" Rückgang an Kirchenmitgliedern. Dass den Kirchen bei zahlreichen Themen die Deutungshoheit abhandengekommen ist, räumt Pfarrverbandsleiter Wolfgang Borm ein. "Natürlich spüren wir, dass die Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft schwindet und es immer mehr Menschen gibt, die Kirche nie kennen gelernt haben und sie somit im Gedankenhorizont gar nicht vorkommt." Das habe aber wenig mit konkreten Vorkommnissen in der lokalen Gemeinde zu tun.

Peter Dölfel, Pfarrer in Petershausen.

(Foto: Toni Heigl)

Diese Sicht teilt der Philosophieprofessor Philipp Hübl. Er sieht den Grund für den Bedeutungsverlust der Kirchen in größeren gesellschaftlichen Trends. "Der Kapitalismus und die Globalisierung haben sich die christlichen Kirchen einverleibt. Waren diese in Westeuropa über lange Zeit monopolistische Anbieter, müssen sie sich nun am freien Markt der Konkurrenz stellen." Junge Menschen übernähmen nicht mehr den Glauben der Eltern, sondern würden genau prüfen, "welches spirituelle Angebot für sie stimmig klingt". Die Fastenzeit sei beispielsweise ein willkommener Anlass, um Laster wie Rauchen loszuwerden und sich zu beweisen, dass man das eigene Leben in die Hand nehmen kann. Für viele sei Ostern "eher ein schöner Anlass, mal wieder die Eltern zu besuchen".

Die Kirchenvertreter im Kreis sind sich einig, dass kontinuierliche Arbeit nötig ist, um den Abwärtstrend umzukehren. "Wir sollten nicht davon ausgehen, dass die Leute zu uns kommen. Wir müssen offen auf sie zugehen", sagt Pfarrer Dölfel. Hoffnung ruht auch auf Zuzüglern. Vor allem Familien zieht es in Neubaugebiete rund um München, hat Thomas Körner, Pfarrer der Dachauer Friedenskirche, festgestellt. Seine Gemeinde, zu dessen Gebiet auch Bergkirchen und Schwabhausen zählen, wachse sogar leicht. "Es gibt eine Zeit für junge Leute, da rückt Kirche einfach in den Hintergrund. Steht die Familiengründung an, gewinnt sie wieder an Bedeutung."

Pfarrerin Ulrike Markert glaubt, dass es darauf ankommt, in der Nachbarschaft präsent zu sein, Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen und ansprechbar für diese Menschen zu sein. Sie ist optimistisch, dass die Kirchen weiterhin eine wichtige Rolle erfüllen. "Schließlich haben wir seit mehr als 2000 Jahren eine wunderbare Botschaft."