Zirkus in Dachau:Gewagte Nummer

Der Moskauer Circus macht in der Stadt Dachau Station. Es ist das erste Mal seit acht Monaten coronabedingter Pause, dass die Artisten die Manege betreten. Durch die Pandemie wäre das Unternehmen fast pleite gegangen.

Von Viktoria Hausmann, Dachau

Im großen, weiß-roten Zelt wird fleißig geprobt. An diesem Mittwochnachmittag trainieren die Seiltänzer Salvi und Kevin Tonito - Onkel und Neffe - auf Drahtseilen zwei Meter über dem Manegenboden. Es ist eine der letzten Proben vor der großen Neueröffnung des Moskauer Circus, der sich auf dem Platz neben dem Kaufland in Dachau-Ost niedergelassen hat. Noch sitzen nur ein paar Zirkuskinder auf den Plätzen. Bühnenarbeiter schieben Kisten umher, ein anderer bedient das Mischpult. Die Toniti bewegen sich federleicht und grazil, es sieht aus, als würden die Gesetze der Physik für sie nicht gelten. Während Kevin auf dem hinteren Seil rückwärts läuft und Luftsprünge macht, bleibt sein Onkel Salvi stehen und scherzt mit den Zuschauern: "Ich bin acht Monate nur auf dem Sofa gesessen," klagt er und deutet auf seinen runden Bauch, als Natascha Trumpf kurz die Hände in die Hüften stemmt. Die ehemalige Akrobatin und Seiltänzerin, kümmert sich beim Moskauer Circus um die Pressearbeit und viele andere organisatorische Dinge: "Wie du hast acht Monate nur auf dem Sofa gesessen? Warum denn?", stichelt Trumpf gespielt empört zurück. Salvi lässt sich beleidigt aufs Seil plumpsen und springt blitzschnell wieder auf. Gelernt ist gelernt.

Wie alle im Moskauer Circus haben Salvi und sein Neffe die besonders strenge russische Artistenschule durchlaufen. Seit Montag stehen sie mit ihrem Zelt nun auf dem Platz an der Alten Römerstraße. Es ist das erste Mal, dass sie nach acht Monaten coronabedingter Pause wieder auftreten. Vorstellungen sind noch bis Sonntag, 4. Juli, geplant. Am Freitag und Samstag beginnen sie jeweils um 17 und 19.30 Uhr, am Sonntag nur um 11 Uhr. Danach zieht der Circus weiter nach Neu-Ulm.

Für Natascha Trumpf und die anderen 39 Mitarbeiter vor Ort in Dachau ist allein das Herumfahren ein langvermisstes Stück Normalität: "Normalerweise sind wir jede Woche an einem anderen Ort. Das engt schon furchtbar ein und das letzte Jahr war auch sonst richtig schlimm. Der Circus wäre beinahe pleite gegangen." Monate lang saßen die Mitarbeiter fest, durften nicht auftreten, bekamen keine Hilfe vom Staat. Umso froher sind sie, jetzt wieder loslegen zu können.

Dachau ist die erste neue Station, nachdem der Circus eineinhalb Jahre lang in Augsburg weilen musste. Statt wie sonst 1000 Zuschauer will der Moskauer Circus zur Sicherheit nur maximal 500 reinlassen, damit das Publikum genügend Abstand halten kann. Besucher können sich am Eingang testen lassen. Das neue Programm beinhaltet zehn Akrobatik-Nummern, darunter etwa Trampolinspringen, Luft- und Rhönrad-Akrobatik sowie eine Antipoden-Nummer, bei der die Artisten im Liegen mit den Füßen jonglieren. Auch Clowns treten auf. Eine Attraktion sind die fünf Tiger. Tango, Sonja, Roxy, Floy und Sandy warten an diesem Nachmittag im Gehege hinter dem Zelt auf ihren Auftritt. Als erstes darf der zehnjährige Tango zum Training mit Raubtier-Dompteur Raphael Korittnig. Er schleicht am Gitterzaun entlang und wälzt sich als erstes auf dem Rasen, bevor er sich vor das Podest legt.

Moskauer Zirkus

Marissa Saba übt die Antipoden-Jonglage.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Tiernummern in Zirkussen sind bei Tierschützern umstritten, vor allem wenn es sich um Wildtiere handelt. Der Bundesrat lehnte kürzlich einen Gesetzesantrag zum Verbot von Wildtieren in Zirkussen von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) ab. Tierschützern ging der Vorschlag nicht weit genug. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins Dachau, Silvia Gruber, sagt dazu folgendes: "Es geht nicht darum, Zirkusse zu verbieten, sondern um nichtartgerechte Tierhaltung." Oft seien nur Minimalanforderungen, was den Platz im Käfig angehe, zu erfüllen. "Auch wenn Tiere in Gefangenschaft geboren sind, bleiben sie Wildtiere, die so nie den Auslauf bekommen, den sie brauchen." Gruber wünscht sich deswegen schnellstmöglich ein Wildtierverbot für Zirkusse, wie es in Ländern wie Belgien, Dänemark, Bulgarien, Estland und England schon existiert.

Der Moskauer Circus hatte zwei Jahre lang keine Tiershows im Programm. Korittnig und seine Tiger traten damals in einem anderen Zirkus auf: "Leider hatten wir ohne die Tiernummern viel weniger Publikum," sagt Trumpf. Sie versteht nicht, dass Tierschützer Zirkussen die Haltung von Wildtieren verbieten wollen. Die Tiere seien schließlich meistens bei ihren Trainern geboren und sie würden wöchentlich, von den Veterinärämtern kontrolliert: "Ich finde das richtig und es ist nicht schlimm, wenn man nichts zu verbergen hat. Leider gibt es überall schwarze Schafe, aber dann müsste man auch Tiere in Zoos, auf Bauernhöfen und zuhause verbieten," findet Trumpf. Der Moskauer Circus hat extra einen LKW verkauft, um die Tiger halten zu können. Mit dem Geld vom Verkauf wurde etwa Nahrung für die Tiere finanziert. Zudem fallen hohe Versicherungs- und Tierarztkosten an.

Als der Sturm am Dienstag über Dachau hinwegfegte, hatten die Leute vom Moskauer Circus Angst, dass das Zelt wegfliegt. Doch soweit kam es glücklicherweise nicht. Den Schaden würde laut Trumpf keine Versicherung bezahlen. Was sie machen würde, wenn der Zirkus pleite ginge, kann Trumpf nicht sagen: "Ich weiß es wirklich nicht. Aber auf keinen Fall würde ich in eine Wohnung ziehen. In so was gehe ich ein."

Karten für die Vorführungen gibt es online bei dem Ticketanbieter Eventim zu kaufen, telefonisch unter der Telefonnummer 0170/203 8633 sowie eine Stunde vor Beginn direkt an der Zirkuskasse.

© SZ vom 02.07.2021
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