Pop-up-Sport„Draußen ist mein Lieblingsort zum Yoga machen“

Lesezeit: 3 Min.

Auf der Wiese hinter der Dachauer Stadtbücherei bietet Jona Waibl Pop-up-Yoga mit Kopfhörern an – wie bei einer Silent Disco hören nur die Übenden die Musik und ihre Stimme.
Auf der Wiese hinter der Dachauer Stadtbücherei bietet Jona Waibl Pop-up-Yoga mit Kopfhörern an – wie bei einer Silent Disco hören nur die Übenden die Musik und ihre Stimme.
Johannes Simon
  • Die Yoga-Lehrerin Jona Waibl bietet Pop-up-Yoga mit Kopfhörern an wechselnden Orten in Dachau an, da sie kein eigenes Studio hat.
  • Wegen hoher Ladenmieten und hart umkämpfter Sportstätten sind solche Kurse im öffentlichen Raum eine beliebte Alternative bei Trainingsanbietern.
  • In Dachau fehlen rund 3000 Quadratmeter Sportflächen, die Hallen sind bis an den Rand belegt und haben seit Jahren kaum noch Kapazitäten.
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Die Yoga-Lehrerin Jona Waibl hat kein eigenes Studio und bietet Pop-up-Yoga an Orten in der ganzen Stadt an. Neuerdings auch auf der Wiese hinter der Dachauer Stadtbücherei – mit Kopfhörern für die Übenden.

Von Jessica Schober, Dachau

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An einem Freitagmorgen glitzern Tautropfen auf der Wiese hinter der Dachauer Bücherei. Einige der Gänseblümchen werden bald Bekanntschaft mit einer Kobra machen – nicht mit der Schlangenart, sondern einer Yoga-Pose. In Sichtweite zum Holzgartenkanal rollen ein Dutzend Frauen ihre Matten aus, bevor die ersten Schweißtropfen darauf landen werden. Bei Vogelzwitschern und Sonnenschein üben sie ihre Asanas. Die Yoga-Lehrerin Jona Waibl verteilt vor Beginn der Stunde noch etwas Ungewöhnliches: Kopfhörer für alle. Sie bietet ihr Pop-up-Yoga an wechselnden Orten an. Wegen der hohen Ladenmieten und hart umkämpften Sportstätten in Dachau sind solche Kurse im öffentlichen Raum eine beliebte Alternative bei Trainingsanbietern.

Wer den Kopfhörer einmal aufgesetzt hat, hört nicht nur das Vogelzwitschern, sondern auch Jona Waibls Stimme und im Hintergrund eine entspannende Musik. Über Funk überträgt sich das Signal vom Mikrofon am Headset der Trainerin zu den sogenannten Event-Kopfhörern. Bekannt geworden sind diese vor einigen Jahren durch Silent Discos, also stillen Partys, bei denen Tanzende die Musik nur im Ohr hören. Jona Waibl nutzt die Geräte für ihre Yogastunden, die mal auf der Wiese, mal in einem Atelier oder auch in einem Ballettstudio stattfinden. Denn ein eigenes Yoga-Studio hat die Trainerin nicht. „Auf der Büchereiwiese habe ich das Gefühl, da ist genug Platz und das ist ein Raum für die Öffentlichkeit, sodass wir keinen stören“, sagt die Dachauerin.

Zum Sonnengruß in die Sonne schauen – das geht bei Jona Waibls Pop-up-Yoga bei passendem Wetter.
Zum Sonnengruß in die Sonne schauen – das geht bei Jona Waibls Pop-up-Yoga bei passendem Wetter.
Johannes Simon

Umgebungsgeräusche blenden die Kopfhörer weitgehend aus. Als doch mal eine Straßenkehrmaschine den Kanal entlangfährt, sagt Waibl ins Mikrofon: „Verbinde dich mit der Ruhe hinter den Geräuschen und spüre den Raum hinter der Stirn.“ Gerade als Waibl ihre Yoginis zum Atem führen will, rollt an diesem Morgen auch noch eine Gruppe Kindergartenkinder mit ihren Betreuerinnen an. Unweit der Yoga-Gruppe packen sie ihr Picknick aus dem Bollerwagen aus und beginnen bald zu spielen. Als sich die Pop-up-Schülerinnen im Drehsitz wenden und den Blick nach hinten richten, läuft gerade ein älterer Herr in Cordhose und mit Rauhaardackel an der Leine vorbei – alle inspizieren sich neugierig. Dass Waibl hier eine Übungsstunde auf Spendenbasis anbietet, hat sie mit der Stadt abgeklärt. Die Teilnahme für Interessierte ist kostenlos, um Anmeldung wird jedoch gebeten, weil nur maximal 20 Kopfhörer zur Verfügung stehen.

„Man kann mit den Kopfhörern viel tiefer in die Flow-Praxis eintauchen, man hat die Anleitung ganz ungefiltert direkt im Ohr“, sagt Waibl. Offensichtlich genießen auch die Teilnehmenden die Mischung aus Draußensein und Beisichsein, zumindest dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, als sie 60 Minuten später wieder die Matten einrollen und das Gras von den Fußsohlen wischen. „Es ist wie Urlaub – mit den Kopfhörern kann ich total gut bei mir bleiben“, sagt Bettina Kronawitter, die für die Yogastunde aus Pippinsried nach Dachau geradelt ist. Die 35-Jährige ist selbst Yogalehrerin und liebt es, draußen zu üben. Es sei ein riesiger Unterschied zum klassischen Studio und gebe ihr viel mehr Freiheitsgefühle. „Draußen ist mein Lieblingsort zum Yoga machen.“

Mit den Event-Kopfhörern kann die Yogalehrerin ihre Anweisungen auch im Flüsterton geben.
Mit den Event-Kopfhörern kann die Yogalehrerin ihre Anweisungen auch im Flüsterton geben.
Johannes Simon

Auch andere Sport-Anbietende in Dachau setzen auf Outdoor. Auf dem Waldschwaigsee wird SUP-Yoga zur wacklig-herausfordernden Balanceübung auf dem Wasser. An zwei Calisthenics-Anlagen der Stadt können Kraftsportler selbst im Frischluft-Fitnessstudio trainieren. Und auch die 100 Stufen zählende Martin-Huber-Treppe am Altstadtberg gilt als beliebtes sportliches Hindernis. Dabei dürften manche dieser Angebote auch einen Bedarf stillen, den etablierte Sportorte kaum mehr decken.

Die Große Kreisstadt braucht mehr Sportflächen, sowohl drinnen als auch draußen. Die Hallen sind bis an den Rand belegt, Kapazitäten gibt es seit Jahren kaum noch. 2018 hat sich die Stadt Dachau eine umfassende Studie geleistet, die aufzeigte, welchen Bedarf die Vereine haben und wie die Zukunft des Sports in Dachau aussehen sollte. Was Innenräume angeht, fehlen rund 3000 Quadratmeter Sportflächen. Der Neubau zahlreicher Sportstätten steht aus.

Insofern ist Jona Waibl mit ihrem ortsunabhängigen Konzept auch aus der Not heraus erfinderisch geworden. Das Studio, in dem sie ihre Freitagmorgenklasse sonst unterrichtet, hatte plötzlich keinen Raum mehr frei. In solchen Momenten spürt Waibl ihre Abhängigkeit, doch sie nutzt das als Chance: „Das Schöne ist, dass ich so einfach flexibel bleibe und herausfinden kann, wo ich was gut anbieten kann.“ Allerdings sei der Kommunikationsaufwand größer, um sicherzustellen, dass alle ihre Yogaschülerinnen am richtigen Ort landen.

Für Jona Waibl steht fest, dass sie gar kein eigenes Yogastudio haben will. „Dann wäre ich die, die sich ums Klopapier kümmert – nicht die, die den energetischen Raum hält“, sagt sie lachend. Dafür geht sie lieber nach der Yogastunde noch mit einer Teilnehmerin gemeinsam in das Kneippbecken des angrenzenden Holzgartenkanals, um die Waden abzukühlen.

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