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Wirtschaft in Dachau:"Wir müssen wieder sichtbarer werden"

Die Erweiterung des Gewerbegebiets Dachau-Ost hält Wirtschaftsförderer Robert Danzer für sinnvoll.

(Foto: Toni Heigl)

Der neue Wirtschaftsförderer Robert Danzer erklärt im Interview, wie er den "Innovationsstandort Dachau" stärken will.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Robert Danzer leitet seit Anfang Januar die städtische Wirtschaftsförderung. Der Diplom-Kaufmann arbeitete zuvor 16 Jahre lang bei der Stadt Nürnberg in der Wirtschaftsförderung, davon acht Jahre als Abteilungsleiter. Jetzt wollte der gebürtige Münchner einen "Tapetenwechsel" und wieder in die oberbayerische Heimat zurück, wie er sagt. Am Mittwoch ist Danzer in der Sitzung des Ferienausschusses kurz auf die Lage der Dachauer Wirtschaft in der Corona-Krise eingegangen. Im Interview mit der SZ Dachau spricht er darüber, wie er in seiner neuen Abteilung den "Neustart" gestalten will.

Herr Danzer, Sie wurden in der Stadt Dachau sehnlichst erwartet. Es gab in der Vergangenheit große personelle Probleme bei der städtischen Wirtschaftsförderung. Kritische Stimmen wurden laut. Im April sagte der Oberbürgermeister, die Wirtschaftsförderung existiere aktuell nicht. Wie haben Sie Ihre neue Abteilung vorgefunden?

Robert Danzer: Ich habe zwei hoch motivierte und qualifizierte Kolleginnen vorgefunden und auch gute Arbeit. Es gab zum Beispiel eine Unternehmensbefragung, gelungene Veranstaltungen oder das Einzelhandels- und Gewerbeflächengutachten. Ich wurde nun um einen Neustart gebeten. Zu den vergangenen Monaten bin ich der falsche Ansprechpartner. Klar ist: Wenn zu viele Leute gleichzeitig ausfallen, dann ist halt Schluss mit Wirtschaftsförderung.

Sie sprechen von Neustart. Wie sieht der konkret aus?

Dass man auch mal anecke, sei Teil des Geschäfts, sagt Wirtschaftsförderer Robert Danzer.

(Foto: Toni Heigl)

Erstens muss die Unternehmensbetreuung wieder aktiver werden. Wir müssen das Angebot der Wirtschaftsförderung offensiver kommunizieren und insgesamt wieder sichtbarer werden. Zweitens müssen wir den Innovationsstandort Dachau stärken. Für die Dachauer Gründerszene zum Beispiel könnte es wichtig sein, dass die Stadt sie kontinuierlicher unterstützt. Vielleicht auch mit einem Gründerzentrum. Drittens müssen wir gewerbliche Entwicklungen ermöglichen.

Über die Idee eines Gründerzentrums wird schon lange geredet. Warum wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Das wäre ein guter innovativer Impuls. Für Gründer könnte eine kontinuierliche Vernetzung oder gar eine Anlaufstelle mit angebundenem Mentorennetzwerk wichtig sein. Die Gründer haben am Anfang alle ähnliche Probleme. Man braucht einen Steuerberater, Marketingfachmann und Kapital. Es scheint so, dass Gründer erfolgreicher sind, wenn sie in einem Gründerzentrum die Möglichkeit zum Austausch haben. Der Oberbürgermeister und ich werden uns nächste Woche ein Gründerzentrum in einer anderen oberbayerischen Stadt anschauen.

Es fehlen Flächen in Dachau, gleichzeitig gibt es im Stadtrat wegen der schlechten Haushaltslage den Wunsch, mehr Gewerbesteuereinnahmen zu generieren. Wie wollen Sie große Firmen nach Dachau holen, wenn Sie keine Flächen anbieten können?

Große Unternehmensniederlassungen sind nicht immer große Gewerbesteuerzahler. Aber um die Gewerbesteuereinnahmen zu stabilisieren, braucht man natürlich ein Flächenangebot. Wenn man als Stadt die Gewerbesteuerentwicklung direkt mit steuern will, muss man sich den Zugriff auf die Flächen sichern - am besten strategisch, das heißt, viele Jahre bevor es aktuell wird. Es besteht die Chance, das Gewerbegebiet Dachau-Ost nach Osten zu erweitern, das müsste man aus meiner Sicht auch machen. Aber auch die Entwicklung des MD-Areals bietet Chancen für eine neue gewerbliche Entwicklung, wenngleich man dort natürlich nicht direkt die Flächenvergabe an künftige Mieter steuern kann. Ein positives Beispiel für modernste Gewerbeentwicklung ist übrigens der Nu Park, der auf dem ehemaligen Seeber-Gelände entsteht, ein beeindruckender Business-Park mit 90 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche. Das ist für Dachau ein Leuchtturmprojekt.

Auch das MD-Gelände gehört einem Investor, der sich anscheinend nicht reinreden lassen will, welches Gewerbe sich da ansiedeln soll. Doch die Stadt könnte dort Grundstücke kaufen, die sogenannten Mayr-Terrassen. Sollte Dachau zuschlagen?

Nicht unbedingt. Man muss abwarten, was Isaria als Kompensation dafür haben will. Die Gespräche mit Isaria sind diesbezüglich gerade am Laufen. Aus Sicht einer strategischen Flächenpolitik wäre allerdings die Erweiterung des Gewerbegebiets Dachau-Ost zumindest in einem ersten Bauabschnitt wichtiger.

Das MD-Gelände wird Dachau als Standort einmal prägen. Was ist Dachau insgesamt für ein Wirtschaftsstandort?

Dachau ist top. Die Makrolage, Infrastruktur, schnelle Anbindung an München, Lebensqualität, hohe Kaufkraft - das sind tolle Eckdaten. Auch die Branchenmischung in Dachau stimmt, es gibt Informationstechnologie, aber auch viel bodenständiges Handwerk. Für Dachau passt der Spruch: Hier verbindet sich Tradition mit Innovation. Es ist kein Zufall, dass sich die Hubert Haupt Immobilien das Seeber-Gelände gesichert hat. Dachau bekommt jetzt durch den Nu Park und später durch das MD-Gelände einen neuen Schub als Wirtschaftsstandort.

Wir müssen auch über die Corona-Krise reden. Sie haben bereits hunderte Dachauer Unternehmen angeschrieben. Was sind deren Sorgen und Nöte?

In Dachau ist es so wie woanders auch. Es gibt Branchen, die massiv betroffen sind. An erster Stelle sind da die Veranstalter zu nennen, die oft auch an Messen hängen. Hinzu kommen die Künstler und Kreativen. Und auch der Einzelhandel, Hotels und die Gastronomie leiden natürlich. Für viele ist die Lage traurig und schlimm. Umso mehr freut mich, dass es in Dachau bereits Initiativen gibt, um sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, wie zum Beispiel "Dachau handelt". Dort sitze ich jetzt im Beirat.

Die Stadt kann keine finanziellen Hilfen ausschütten. Was kann die Abteilung Wirtschaftsförderung konkret für Unternehmen vor Ort tun?

Am Anfang der Pandemie konnte man Informationen aufbereiten und den Leuten helfen, Anträge zu stellen und so weiter... Das lief aber alles schon im vergangenen Jahr. Jetzt ist eine Akuthilfe von Seiten der Wirtschaftsförderung gar nicht mehr gefragt. Jetzt muss man sich zusammensetzen und die Zeit nach Corona andenken. Die Frage ist: Wie kann die Stadt Unternehmer in den Bereichen Fachkräfte, Digitalisierung und Gründung unterstützen? Da besteht ein Interesse bei den Unternehmen. Wir sind gerade am Überlegen, wie wir verschiedene Dinge aufsetzen können.

Eine Stadträtin sagte mal, die Stadt brauche einen Wirtschaftsförderer, der auch anecke. Können Sie anecken?

Ich weiß nicht, wie das gemeint war. Ich gehe aber nicht davon aus, dass ich immer bei allen Stadträten uneingeschränkte Zustimmung haben werde. Doch ich bin weder schüchtern noch empfindlich. Im Übrigen heißt professionelle Wirtschaftsförderung, grundsätzlich mit Konflikt- beziehungsweise diversen Interessenslagen konstruktiv umzugehen. Es müssen immer wieder zum Beispiel städtebauliche Abwägungen erfolgen. Das geht in der Regel nicht ohne Anecken, es ist also Teil des Geschäfts.

© SZ vom 25.02.2021
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