In der Schloßstraße vor dem Wasserturm stehen Autos in der Einfahrt. Personen holen abgedeckte Leinwände aus den Kofferräumen und tragen sie in den Wasserturm. In den nächsten Stunden werden über vier Stockwerke und mehr als 100 Stufen hinweg knapp 80 Kunstwerke ihren Platz finden. In der Jahresausstellung „Best of Kunstrefugium“ zeigen Mitglieder des Münchner Vereins eine große Bandbreite an Werken: Malereien, Skulpturen bis hin zu Fotografien und Installationen. „Es ist einfach wahnsinnig vielfältig“, sagt Kuratorin Manuela Franz.
Für die Jahresausstellung suchten die Kunstschaffenden ihre besten Stücke aus. Franz etwa wählte zwei Blumengemälde. Welche Arten sie gemalt hat, kann sie nicht genau sagen. Franz hat nicht den Anspruch, Pflanzen botanisch korrekt abzubilden: „Bei mir entsteht viel durch Tun“, sagt sie. Die Stücke habe sie ausgewählt, weil sie ihr gut gefallen und zur Jahreszeit passen. „Jeder bringt das mit, was er für sich zurzeit am besten findet“, sagt sie. Dafür stehen allen Teilnehmenden 2,5 Meter Raum zur Verfügung - das wurde im Voraus berechnet.

Ein übergeordnetes Thema gibt es nicht. Auch die Räume sind nicht nach bestimmten Kriterien geordnet, die Komposition sei „Gefühlssache“, sagt die Vorsitzende es Kunstrefugiums, Ingrid Müller: „Manchmal schlägt ein Bild das andere“, erklärt sie. Für die Verteilung der Werke in den Räumen ist das „Hängeteam“ verantwortlich. Selbst stellt Müller eine Installation aus 20 fliegenden Geschöpfen aus, die sie mit Büchern und Holz hergestellt hat. Die Idee, mit Buchseiten zu arbeiten, hat sie schon lange. „Bücher haben ihr Eigenleben“, sagt Müller. Jetzt schweben ihre Seiten im Dachboden des Wasserturms. „Man muss halt klettern, aber es lohnt sich“, sagt Petra Herrmann vom Kunstrefugium, über das Projekt.

Mit der derzeitigen Ausstellung ist das 50-köpfige Kunstrefugium e.V. erstmals in Dachau. Den Münchener Verein gibt es seit 2008. Er ist ein Zusammenschluss von Kunstschaffenden, der sich nur um Projekte drehen soll, erklärt Müller. Stammtische und Ähnliches gebe es nicht. Jährlich organisiert der Verein drei bis vier Projekte, eines davon ist die Jahresausstellung. Die fand die vergangenen fünf Jahre in den Räumen des Kunsttreffs Moosach statt, den einige Mitglieder des Refugiums organisierten. Seit Februar ist er jedoch geschlossen, weshalb eine Alternative hermusste. Den Wasserturm kannten einige Mitglieder von anderen Projekten und Ausstellungen. „Die vielen Ebenen, das ist toll“, sagt Herrmann. Das Kunstrefugium könne sich vorstellen, auch in Zukunft hierher zurückzukehren. „Auf alle Fälle“, sagt Vorsitzende Müller.
Der Lügenbaron und weitere Vögel
Zunächst muss jedoch die aktuelle Ausstellung fertig werden. In einem der Räume versucht Künstler Alfred Welz gerade einen Ort für vier seiner Vogelgrafiken zu finden. Um die „seltenen Vögel“ zu malen, nutzte er Aquarellfarben. Dabei entstand unter anderem „der Held vom Erdbeerfeld“ - eine Kreuzung aus Vogel und Erdbeere. Viele dieser Kreaturen haben ein menschliches Vorbild. Die Inspiration für den „Lügenbaron“ ist durch die charakteristische Frisur sogleich als nordamerikanischer Präsident erkennbar. „Es gibt hier durchaus auch Bilder von Leuten, denen ich in echt begegnet bin, sie wissen es nur nicht“, sagt Welz. Einen Großteil der Inspiration für die Vögel bekomme er durch seinen vergangenen Job in einem großen Konzern, mit vielen Meetings. Während dieser Meetings dachte er sich oft: „Heute haben wir wieder einen schrägen Vogel mit dabei.“ Genau das setzt Welz nun in seiner Kunst um.

Ähnlich humorvolle Exponate stellt Wolfgang Leder aus. Mit seinen Werken will er „den Unsinn in grafisch ansehnliche Form bringen“. Dafür nutzt er Tusche mit Pinsel und Feder, sowie „Airbrushing“. In einem Exponat, dem „Horrorskop“ bildet Leder die astrologischen Sternzeichen in einer neuen Form ab. Als Vorlage für die Kunst nutzt Leder zum Teil eigene Fotos als Vorlage. Dabei lichtet er sich etwa beim Grimassenschneiden ab. Diese Fotos teilt er jedoch lediglich mit seiner Frau.

Die Ausstellung hat noch bis 15. Juni geöffnet, der Eintritt ist frei. Der gemeinnützige Verein finanziert sich durch einen jährlichen Mitgliederbeitrag von 75 Euro. Wer Mitglied werden will, muss allerdings durch eine Art Bewerbungsverfahren. „Man muss schon auch sehen, dass jemand die Kunst ernst nimmt“, sagt Müller. Bei der Vernissage am Donnerstag war unter anderem Künstlerin Gabriela Popp vor Ort, um Besucherzeichnungen anzufertigen. Die ausgestellten Kunstwerke sind käuflich, das Kunstrefugium hat bereits eine Preisliste erstellt.
Die Jahresausstellung des Kunstrefiugiums München ist von 29. Mai bis 15. Juni 2025 zu sehen. Geöffnet ist der Wasserturm dazu jeden Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr, außerdem Montag, 9. Juni, von 14 bis 18 Uhr.

