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Dachau:Von Dämonen und der Drud

Das Brauchtum der Rauhnächte hat nichts mit germanischen Sagen zu tun, sagt Wilhelm Liebhart.

(Foto: Toni Heigl)

Historiker Wilhelm Liebhart klärt über die Rauhnacht zu Zeiten der Wintersonnenwende auf

Die Zeit der kurzen Tage und der langen, finsteren Nächte: Sie hat den Menschen wohl immer schon Angst gemacht. Weihnachten, das Fest des Lichts und der Hoffnung auf neues Leben und des kommenden Frühjahrs, ist mit Sicherheit nicht zufällig auf die Zeit der Wintersonnenwende gelegt worden. Gleichzeitig aber gelten die zwölf Nächte nach der "Heiligen Nacht" als Zeit, in der Jenseits- und Unterwelt den Menschen bedrohlich nahekommen.

Es ist die Zeit der "Rauh-" oder "Rauch-Nächte", deren Ursprung im Dunkel der Geschichte liegt. Woher kommt ihre Bezeichnung? Welche Vorstellungen verknüpfen sich mit ihnen in verschiedenen Landschaften? In wieweit spielen germanische Sagen und Sagengestalten hinein in spätere christliche Bräuche? Der Historiker Wilhelm Liebhart versuchte in einem Vortrag bei den "Ampertalern", Licht ins Dunkel zu bringen - und warf dabei neue Fragen auf.

Eines steht für Liebhart fest: Das mit den Rauhnächten verbundene Brauchtum ist auf den süddeutsch-österreichischen Raum beschränkt und hat nichts mit germanischem Sagengut zu tun. Und was die Wortbedeutung angeht, so hält er es mit der Erklärung von Schmellers "Bayerischem Wörterbuch", das vom christlichen Brauch des Ausräucherns von Haus und Stall um die Weihnachtszeit ausgeht.

Liebhart führt zwei Quellen aus dem Dachauer Raum an: 1650 berichtet ein Laienbruder aus dem Birgittenkloster Altomünster vom Räuchern in der Kirche und auf dem Friedhof an den drei wichtigsten Rauhnacht-Tagen: am Weihnachts- und Neujahrsabend und an Heilige Drei König. Dreihundert Jahre später, 1943, bestätigt ein Pfarrer in Wollomoos bei Altomünster das Fortbestehen des Räucherbrauchs, wonach der Hausvater an den drei "Vigiltagen" in Haus und Hof Weihwasser versprengt und räuchert - ein Brauch, der mancherorts bis in unsere Zeit hinein weiterexistiert. Liebhart ist sich sicher: Das "Ausräuchern" hat mit den Pestepidemien zu tun, die vom 14. Jahrhundert an immer wieder gewütet haben und gegen die man sich mit dem Verbrennen von Weihrauch und Heilkräutern schützen wollte.

Aus den Vorstellungen, die sich mit der "Zwölferzeit" verbinden, spricht allerdings ein über Nützlichkeitserwägungen weit hinausgehendes Wissen um die Bedrohtheit der menschlichen Existenz. In seinem Buch "Winter- und Weihnachtsgeister in Bayern" schildert der Münchner Turmschreiber Alfons Schweiggert, in welchen Formen sich diese Bedrohung im Glauben der Menschen manifestierte. So riskierte derjenige, der nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen unterwegs war, dem "wilden Gejeit" oder gar dem Leibhaftigen selbst zu begegnen, und wer sein Haus nicht vor dem ebenfalls als Rauhnacht geltenden Tag des heiligen Thomas, dem Sonnwendtag am 21. Dezember, oder spätestens vor der "Zwölferzeit" in Ordnung brachte, lief Gefahr, dass die "Unholdin" oder die der Frau Holle entsprechende "Bercht" die Verantwortlichen drastisch bestrafte. Wäsche durfte während der zwölf Rauhnächte keinesfalls im Freien zum Trocknen aufgehängt werden, kein Spinnrad durfte sich drehen, kein Korn gedroschen werden wegen der damit verbundenen verbotenen Drehbewegungen.

Die Angst vor Dämonen, die sich zottig behaart und fellbedeckt, mit "Rauchzeug" angetan, zeigen konnten, vor den Geistern der Unterwelt, auch der Toten, oder vor der Drud, die versuchen könnte, ins Haus einzudringen: Sie dürfte ihren Ursprung in der Angst vor dem "Bösen" schlechthin haben. Auf der anderen Seite aber wachsen dem Menschen in den zwölf Rauhnächten und einigen anderen verwandten Nächten auch Kräfte zu, über die er sonst nicht verfügt: Er kann die Zukunft "lössln", in sie hineinhorchen, so wie heutige Menschen das immer noch beim Bleigießen tun. Er kann erkennen, wer in seiner Umgebung eine "Hexe" ist. Und er kann versuchen, die Geister durch möglichst viel Lärm, einem "Heidenlärm" wie an Silvester, zu verscheuchen.

Solcherlei Abwehrzauber aber war beim Vereinsabend der Ampertaler nicht nötig: Statt um Bedrohliches ging es eher um erfreuliche Entwicklungen im rund 450 Mitglieder starken Verein. So konnte Vorsitzender Manfred Hinterscheid einem frisch verheirateten Paar gratulieren und der Nachwuchs tat dies mit einem Rundtanz in wunderschöner Tracht.