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Dachau:Voller Emotionalität

Markus Lüpertz, seine Bilder und seine Musik

Leise tropfen die Töne vom Klavier in den Raum. Lyrische Tonmalereien, die vom Vibrafon aufgenommen und verdichtet werden. Das Saxofon setzt ein mit kräftigen, sicher gesetzten Linien, und das Klangbild nimmt zunehmend Gestalt an, wird fassbarer und körperlicher. Schließlich ballt sich die zarte Anfangsspur zu einem wirbelnden abstrakten Gemenge, als wenn sich pastos aufgetragene Farbe auf der Leinwand zu Formen schließt. Die Musiker schleudern die Töne in den Raum und der Maler lässt in seinem Furor der Farbe ihren freien Lauf.

Wie klingt Malerei in Musik ungesetzt? Wassily Kandinsky stellte schon vor einhundert Jahren darüber intensive Überlegungen an. Der Maler Markus Lüpertz zeigte in Dachau mit seiner Band TTT, wie sich die beiden Kunstformen gegenseitig befruchten und ergänzen. Mit TTT bescherte er den vielen Besuchern zur Vernissage eine spannende Erfahrung.

Die Band besteht neben dem Pianisten Markus Lüpertz aus fünf renommierten Free Jazzern: Gerd Dudek (Saxofon), Ryan Carniaux (Trompete), Sam Dühsler (Schlagzeug), Wolfgang Lackerschmid (Vibrafon) und Manfred Schoof (Trompete). Schoof war Professor an der Hochschule für Musik in Köln, der Amerikaner Ryan Carniaux hat sein eigenes Quartett und spielt mit großen Orchestern, Wolfgang Lackerschmid tourt auf der ganzen Welt und trat schon mit Chet Baker auf. Gegründet wurde das TTT-Projekt 1983 von Bassist Frank Wollny - er hat selbst auch Kunst studiert - mit dem Maler, Bildhauer und Jazz-Schlagzeuger A.R. Penck. Seitdem waren in wechselnden Besetzungen mehr als fünfzehn Musiker und Künstler am TTT-Projekt beteiligt. Auch Udo Lindenberg spielte schon mit. Den Mitbegründer A.R. Penck ersetzte in den 90er Jahren Markus Lüpertz.

Zum Abschluss seiner Sommerakademie in Bad Reichenhall geben Lüpertz und TTT im Kurhaus jedes Jahr ein Konzert. Jetzt auch in Kolbermoor, wo er seit 2014 mit Hermann Nitsch und Jerry Zeniuk an der privaten Akademie in der Alten Spinnerei unterrichtet. Die ehemalige Lüpertz-Schülerin Gabriele Middelmann, die dort auch als Dozentin arbeitet, beschreibt ihn als Menschenfreund.

Diese Charakterisierung strahlt der oft als egozentrisch beschriebene "Malerfürst" auch als Musiker aus. Nicht akademisch verkünstelt, sondern weltoffen und charismatisch, vergrub er sich in die Tasten, haute rein und ließ den Tönen freien Lauf. Die nüchterne Stimmung im Kaufhaus-Untergeschoss bekam plötzlich eine Jazz-Club-Atmosphäre. "Es ist immer anders. Markus fängt an, malt auf dem Klavier, und wir machen etwas daraus", sagt Frank Wollny. Das Resultat ist ein spannungsvolle Musik, die, von lyrischen Szene ausgehend, in spontanen und kantigen Ausbrüchen mündet. Der Abstraktionsprozess der Malerei ist in der Musik zu spüren.

Wie in den Bildern von Markus Lüpertz, die hinter den Musikern an den Wänden hängen, herrschen eine innere Spannung und eine Ästhetik, farbenreich und voller Emotionalität, die bisweilen durch ein expressives Schlingern aus dem Lot gebracht wird. Die Musik wirbelte hart und kantig durch die Luft und setzte im Zusammenspiel mit den farbkräftigen Bildern an den Wänden dynamische Farbspuren im Raum. Die Zuhörer erklatschten sich eine Zugabe.