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"Volkslehrer"-Prozess:Jugendliche zeigen Zivilcourage

Schüler zeigen im Prozess gegen den rechtsextremen "Volkslehrer" Zivilcourage. Sie haben die Würde der NS-Opfer verteidigt.

Kommentar von Thomas Radlmaier

Max Mannheimers Vermächtnis an Generationen, welche die Schoah nur aus Geschichtsbüchern kennen, ist sein berühmter Satz: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon." Leider kann man den berühmten Zeitzeugen, der mehrere Konzentrationslager überlebte, jetzt nicht fragen - Mannheimer starb 2016 mit 96 Jahren. Aber man darf davon ausgehen, dass er auf die Schüler sehr stolz gewesen wäre, die gegen den rechtsextremen Videoblogger Nikolai Nerling vor Gericht ausgesagt haben. Die Jugendlichen haben die Würde der NS-Opfer vorbildlich verteidigt, als diese angegriffen wurde.

Sie, 14- und 15-Jährige, gingen dazwischen, als Nerling und sein Kameramann in dem ehemaligen Konzentrationslager ihren ekelhaften Anti-Schuldkult-Film drehen wollten. Die Schüler widersprachen dem selbsternannten "Volkslehrer" und enttarnten seine Verschleierungsaussagen als das, was sie sind: Holocaust-Leugnung und der ewiggestrige Antisemitismus in einer modernen Verpackung. Und sie belasteten einen der bekanntesten Rechtsextremisten des Landes vor dem Amtsgericht Dachau und jetzt wieder in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht München, während sie diesem nur wenige Meter gegenüber saßen. Sie ließen sich auch nicht von der teils harten Befragung der Verteidiger aus der Ruhe bringen. All das erfordert Mut und Zivilcourage. Die Schüler haben das Richtige getan, als es dringend nötig war, das Richtige zu tun. Und das vor allem an einem Ort, der symbolischer nicht sein könnte. Nicht die Kranzniederlegungsrituale an Gedenktagen lösen das Versprechen des "Nie wieder" ein, es sind junge Menschen wie die Schüler des Gymnasiums Kirchseeon.

Es bleibt zu hoffen, dass von diesem Prozess ein Signal ausgeht: Es braucht nicht Worte wie "Holocaust", "Schoah" oder "Gaskammer", um den Massenmord an den europäischen Juden zu verharmlosen oder zu leugnen. Auch Anspielungen oder Stellvertreterwörter reichen aus, um die Grenzen der Meinungsfreiheit zu überschreiten. Denn letztlich ist es das gleiche demokratiezersetzende Gift.

© SZ vom 30.11.2020/van
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