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Heimische Vögel:Alle ausgeflogen

Leerstand: Viele Vogelhäuschen bleiben in diesem Winter im Landkreis Dachau unbewohnt.

(Foto: Toni Heigl)

Bei der jährlichen Stunde der Wintervögel zählen Teilnehmer im Landkreis Dachau fast 11 000 Exemplare. Der überregionale Rückgang in der Population macht sich auch hier bemerkbar. Arten wie der Kernbeißer oder Gimpel verschwinden komplett. Experten schlagen Alarm.

Von Julia Putzger, Dachau

Egal ob im lieblich dekorierten Vogelhäuschen im Garten oder auf einem Brett am Balkon: Wer dieser Tage schon kaum Gäste im eigenen Wohnzimmer empfangen darf, freut sich um so mehr über die gefiederten Besucher auf Nahrungssuche. In der kalten Jahreszeit ist es für viele selbstverständlich, heimische Vögel zu füttern und die Beobachtung der Tiere wird beinahe zum täglichen Ritual. Umso schlimmer ist es, wenn sich tagelang kein Futtergast blicken lässt. Das weiß Cyrus Mahmoudi, Vorsitzender des LBV Dachau, aus eigener Erfahrung. Denn dann klingeln die Telefone des Vereins.

Spätestens wenn das Vogelhäuschen im eigenen Garten leer bleibe, komme die Sorge auf, dass etwas mit den Vögeln nicht stimme, erzählt Mahmoudi. Besonders im Dezember sei das in diesem Winter der Fall gewesen, denn auf Grund des zuvor kaum winterlichen Wetters waren noch weniger Vögel als gewöhnlich zu dieser Zeit in den Gärten des Landkreises zu beobachten. Zahlreiche Bürger erkundigten sich deshalb in Sorge bei den Vogelexperten, was denn mit den Vögel los sei. Zwar sei ein Problembewusstsein über den Rückgang durchaus vorhanden - "wir müssen nicht wachrütteln, die Leute wissen längst Bescheid" - doch wirklich greifbar werde das Thema eben erst beim eigenen Erleben.

"Wintervögel wie Kernbeißer oder Gimpel sind am Verschwinden"

Das Erlebte lässt sich allerdings auch quantifizieren, wie jüngst bei der Stunde der Wintervögel. Im Rahmen der jährlichen LBV-Aktion können alle Interessierten ihren Beitrag leisten, indem sie eine Stunde lang an einem Ort Vögel zählen und dann mitteilen, wie viele Exemplare einer Art sie maximal zeitgleich gesehen haben. Im Landkreis Dachau meldeten 464 Teilnehmer aus 350 Gärten zwischen 8. und 10. Januar insgesamt fast 11 000 Vögel. Die am häufigsten gesichtete Art war dabei mit Abstand der Feldsperling, gefolgt vom Haussperling und der Kohlmeise. Auch die Bestände von Amseln und Blaumeisen, die auf den nächsten Plätzen folgen, scheinen trotz Krankheiten in den vergangenen Jahren stabil, wie Mahmoudi erfreut feststellt. In den Top Ten finden sich außerdem Buch- und Grünfink, Rotkehlchen, Erlenzeisig und Elster. "Klassische Wintervögel wie Kernbeißer oder Gimpel sind leider merklich am Verschwinden", sagt der Vogelexperte - "von selteneren Arten ist da noch gar nicht die Rede."

Häufigste Wintervögel sind Spatz, Kohlmeise und Amsel

Der Haussperling kommt im Dachauer Land relativ oft vor.

(Foto: Lukas Schulze/dpa)

Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Werte in Dachau aber relativ stabil, bayernweit gab es jedoch einen Rückgang der Vögel. "Das ist leider ein klarer Trend, der sich fortsetzt", weiß Mahmoudi. Im Landkreis zeichne dieser sich zwar nicht so stark ab - allerdings vor allem deshalb, weil "wir hier generell ein sehr niedriges Niveau haben", so der LBV-Vorsitzende weiter. Es gibt in der Region also allgemein eher wenig Vögel, was Mahmoudi auf den großen Flächenanteil landwirtschaftlich genutzter Flächen zurückführt: "Wir haben hier einfach nicht die Strukturen, um die Population langfristig aufrecht zu erhalten."

Gimpel

Arten wieder Gimpel sind kaum noch zu beobachten.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Doch nicht nur dort, wo Felder und Weiden das Landschaftsbild prägen, haben es die Vögel schwer. Mitunter gehe es in den Städten "schneller bergab", da sich die Gartenstrukturen in den vergangenen Jahren eher verschlechterten - etwa durch die Zunahme von Schottergärten oder der generellen Flächenversiegelung. Trotzdem glaubt Mahmoudi nicht, dass allein durch Privatleute der Populationsrückgang verhindert werden kann. Er sieht vor allem die Gemeinden und den Landkreis am Zug: "Wir brauchen Vernetzungsflächen und Korridore", sagt der Experte, denn in einem einzelnen Biotop könne eine Art sich nur bedingt vermehren. Jedoch seien Landschaftsstrukturen wie Hecken und Sträucher beispielsweise durch Erschließungsprojekte nach wie vor rückläufig. "Manche Gemeinden - wie zum Beispiel Weichs oder Vierkirchen tun schon sehr viel und gehen mit gutem Beispiel voran. Leider ist das noch nicht bei allen angekommen und das ist problematisch", so der LBV-Vorsitzende.

Auch die Ausgleichsflächen, die eigentlich hergestellt werden müssen, wenn durch einen baulichen Eingriff ein Stück Natur verloren geht, sind häufig nicht im von den Naturschutzverbänden gewünschten Zustand. Mahmoudi prangert diesen Missstand an, im Landkreis gebe es einen "extremen Nachholbedarf", um diese Flächen "sinnvoll in den Ausgleich zu bringen", sagt er. Zwar könne er verstehen, dass durch Fachkräftemangel und knappes Budget nicht immer alles umgesetzt werden könne, doch eigentlich gebe es klare Vorgaben, die auch eingehalten werden müssen. Letztlich lautet sein Appell: "Diese Maßnahmen sind unabdingbar. Wenn da nichts passiert, dann müssen wir über alles andere gar nicht mehr sprechen. Um die Kurve noch zu kriegen, müssen wir an jeder Strippe ziehen." Denn dann, wenn jeder das Fehlen der Vögel im eigenen Garten bemerke, sei es längst zu spät.

© SZ vom 18.01.2021
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