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Sozialpädagogische Familienhilfe:Die Nachfrage steigt

"Eine neue Herausforderung", sagt Ulrich Wamprechtshammer.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Drogenmissbrauch, Depressionen, Dauerstreit: Früher war es verpönt, sich Hilfe vom Jugendamt zu holen. Das hat sich zum Glück geändert.

Immer mehr Familien im Landkreis Dachau nehmen sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch. Gestiegen ist zudem auch der Bedarf an "Schulbegleitern". Wie Ulrich Wamprechtshammer, Sachgebietsleiter für Jugend und Familie am Dachauer Landratsamt, der Dachauer SZ sagte, gehen nicht nur die Fallzahlen nach oben. Die Betreuung ziehe natürlich auch "erhebliche Kosten" nach sich, was sich wiederum in der Steigerung des Jugendhilfe-Etats im Kreishaushalt bemerkbar mache. So betrug der Ausgabeposten für die Jugendhilfe im Haushalt 2014 knapp 14 Millionen Euro. Im Haushalt 2015 sind etwa 15 Millionen Euro dafür angesetzt.

Die Ausgangslage für die Mitarbeiter des Kreisjugendamts ist fast immer identisch: Eltern kommen mit ihren Kindern nicht mehr zu Rande. Leistungsdruck sowohl bei den Eltern wie bei den Kindern. Kinder rebellieren gegen ihre Eltern. Zu Hause gibt es nur noch Streit - oder, um es in der Fußballersprache zu sagen: Der Trainer erreicht seine Mannschaft, seine Spieler nicht mehr und umgekehrt. Es herrscht auf beiden Seiten Sprachlosigkeit. Man versteht sich einfach nicht mehr. Mit diesem Problem, so die Feststellung des Sachgebietsleiters, müssen sich auch immer mehr Mittelschichtsfamilien auseinandersetzen. Familien, "bei denen von der Papierform her eigentlich alles passt".

Das ist der Punkt, an dem sich viele Erziehungsberechtigte in ihrer Hilflosigkeit an das Jugendamt wenden. Das war freilich nicht immer so, sagt Wamprechtshammer. Während es noch vor einigen Jahren fast ehrenrührig war, Kontakt mit dem Jugendamt zu haben, werden Unterstützungsleistungen seitens des Jugendamtes von Eltern heute in den meisten Fälle als Hilfsangebot verstanden. Wamprechtshammer: "Ich halte eine gestiegene gesellschaftliche Sensibilität, verbunden mit einer Einstellungsveränderung gegenüber Maßnahmen der Jugendhilfe als ausschlaggebend für diese Entwicklungen."

So ist die Zahl derer, die 2013 sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch genommen hat, von 235 auf 268 (2014) auf 283 (2015) gestiegen. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei der Zunahme der Schulbegleitungen ab. Hier verdoppelten sich die Fallzahlen von 18 im Jahr 2013 auf 35 im Jahr 2014. Wamprechtshammer: "2015 haben wir bereits im laufenden Jahr die Fallzahl des Vorjahres erreicht." Für den Sozialpädagogen Wamprechtshammer bedeutet diese Entwicklung auch, dass sich "im Schulbereich deutlich etwas ändern" müsse. "Das ist eine neue Herausforderung."

Diese Entwicklungen, sagt der Sachgebietsleiter im Landratsamt, die ja grundsätzlich positiv zu bewerten seien, führten natürlich zu "deutlich höheren Ausgaben für die Kommune". Nichtsdestotrotz sei es die Zielrichtung des Jugendamtes, Eltern bei der Ausübung ihrer erzieherischen Verantwortung zu unterstützen. Deshalb könne man es nur begrüßen, "wenn wir in Familien, in denen sich Unterstützungsbedarf abzeichnet, frühzeitig und damit nachhaltig helfen können. Falsche Berührungsängste wären hier eher kontraproduktiv".

Insofern, so Wamprechtshammer, sei eine steigende Zahl ambulanter Jugendhilfefälle durchaus Ausdruck einer aktiven Jugendhilfepolitik, die auf "anpacken statt aussitzen" setzt. Andernfalls stiegen die Ausgaben für stationäre Unterbringungen "mit Ansage": "Das ist richtig teuer und bringt die Trennung von Familien, was nur die letzte Option sein kann." Denn die Kosten für einen Tag Unterbringung belaufen sich auf etwa 200 Euro. Man könne sich ausrechnen, was es koste, wenn ein Kind im Alter von zehn Jahren bis zur Volljährigkeit im Heim verbringe.

Das Thema "Stationäre Unterbringungen" sowohl bei der Heimerziehung als auch bei der stationären Eingliederungshilfe müsse gesondert betrachtet werden. Denn hier müsse nach den Ursachen unterschieden werden, die für die Unterbringung eines jungen Menschen zugrunde lägen. Bei der Heimerziehung seien "erzieherische Aspekte im Elternhaus der bestimmende Hintergrund". Wamprechtshammer: "Hier wird bereits von Tag eins an daran gearbeitet, dass der junge Mensch wieder in seine Familie zurückkehren kann." Diese Maßnahmen seien zwar teurer als die herkömmlichen Betreuungsangebote, aber dafür sei die "Erfolgsquote hoch".

Bei der Eingliederungshilfe liege dagegen eine (psychische) Störung oder Erkrankung des jungen Menschen vor. Die Störung führe meistens dazu, dass er stationär untergebracht werden muss. Die Hintergründe dafür können mannigfaltig sein: Auslöser können zum Beispiel Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depressionen, Anpassungsstörungen oder Autismus sein.

© SZ vom 24.03.2015
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