Krieg in der Ukraine:"Spannend und erschreckend zugleich"

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Krieg in der Ukraine: "Putin hat Deutschland und Europa lange in dem Glauben gelassen, dass man mit ihm zusammenarbeiten kann", sagt die Politikwissenschaftlerin Angelika Eisenmann.

"Putin hat Deutschland und Europa lange in dem Glauben gelassen, dass man mit ihm zusammenarbeiten kann", sagt die Politikwissenschaftlerin Angelika Eisenmann.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Seit neun Monaten führt der russische Präsident Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Doch wie funktioniert das Herrschaftssystem Putins? Die Politikwissenschaftlerin Angelika Eisenmann beantwortet diese und weitere Fragen bei einem Vortrag in der VHS Dachau.

Interview von Ayça Balcı, Dachau

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert eine Zeitenwende für Europa. Doch wie konnte es so weit kommen? Angelika Eisenmann, Politikwissenschaftlerin und Referentin der KZ-Gedenkstätte, erklärt in einem Vortrag in der Volkshochschule Dachau, wie Putins System entstehen konnte und welche Einflüsse es auf Europa hat.

SZ: Frau Eisenmann, als Referentin der KZ-Gedenkstätte sind Sie Expertin, wenn es um die Frage geht, was in der NS-Zeit hier in Dachau geschehen ist. Sie beschäftigen sich aber auch schon lange mit der Geschichte Russlands und dem System Putins. Wie kam es dazu?

Angelika Eisenmann: Ich finde Russland - als größtes Land der Erde - unglaublich faszinierend und spannend. Russland hat die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet und eine reiche Kultur geschaffen. Ich habe Politische Wissenschaften studiert und mich vor allem nach der Krim-Annexion 2014 noch intensiver mit dem System Putins beschäftigt. Durch meine Arbeit in der Gedenkstätte habe ich KZ-Überlebende aus Russland, Belarus und aus der Ukraine kennengelernt. Es gab untereinander immer eine tolle Gemeinschaft ohne Rivalitäten.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Putins System auch in Europa in den Mittelpunkt gerückt. Warum ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen?

Nach dem russischen Angriffskrieg am 24. Februar 2022 wurden verschiedene Stimmen von deutschen Politikern und Politikerinnen laut, dass Putin früher ganz anders gewesen sei. Das stimmt aber nicht - diesen "anderen Putin" gab es nie. Spätestens ab 2014 hätten auch unsere Politiker erkennen müssen, dass er ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt. In diesem Krieg richtet sich Putin nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen den Westen insgesamt. Letztlich handelt es sich um die geopolitische Macht- und Systemexpansion eines autoritären Regimes, die weltweite Einflüsse auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche hat. Wenn man das weiß, betrachtet man die Demokratie vielleicht nicht mehr als selbstverständlich. Auch in Deutschland wird die Lebenssituation der Menschen durch die Inflation und die steigenden Energiepreise immer schwieriger. Es ist aber wichtig, dass wir uns weiterhin solidarisch mit der Ukraine zeigen.

Ihr Vortrag reicht von Putins Kindheit über den KGB-Mann in Dresden bis hin zum mächtigsten Mann der Russischen Föderation. Was ist an der Entwicklungsgeschichte von Putin besonders interessant?

Besonders interessant ist, dass er früher ein eher unauffälliger Mensch war, der versucht hat, im Hintergrund zu bleiben - gerade in seiner Zeit in Dresden als Agent des sowjetischen Geheimdienstes. Aber er kommt schließlich aus der KGB-Eliteschule und ist ein Meister der Verstellung. Man erinnere sich nur an seine beeindruckende Rede im deutschen Bundestag im Jahr 2001, in der er Lessing und Humboldt in Bezug auf Freiheit und Menschlichkeit zitierte. Er hat Deutschland und Europa lange in dem Glauben gelassen, dass man mit ihm zusammenarbeiten kann, während er schon immer seine Ziele verfolgt hat. Putin ist auch kein Alleinherrscher. Seine Vertrauten im Hintergrund sind nebulös. Das ist spannend und erschreckend zugleich.

Der Vortrag "Das System Putin" ist in zwei Teile gegliedert, für die es jeweils einen Vormittags- und Abendtermin gibt. Teil eins findet am 15. November um 9.30 Uhr und 18.30 Uhr statt. Teil zwei am 22. November zu denselben Uhrzeiten. Kurspreis: zehn Euro. Anmeldung über die VHS Dachau.

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