Dachau Unter Flüchtlingen geht die Angst um

Im Sommer erhielten viele Flüchtlinge, wie hier in Karlsfeld, ein Bleiberecht. Seit einigen Wochen treffen die Ablehnungsbescheide ein.

(Foto: Toni Heigl)

Derzeit gehen reihenweise Ablehnungsbescheide an Asylsuchende im Landkreis mit der Aufforderung Deutschland zu verlassen. Die Betroffenen sind verzweifelt, auch für die Ehrenamtlichen ist die Situation nicht leicht

Von Viktoria Großmann, Dachau

Der gelbe Brief. Er wird gefürchtet. In diesen Tagen gehen viele dieser Sendungen per Einschreiben in den Flüchtlingsunterkünften im Landkreis ein. Sie enthalten eine Ablehnung des Asylgrundes: eine Aufforderung, das Land zu verlassen. Üblicherweise innerhalb von 30 Tagen. Die ehrenamtlichen Asylhelfer aber auch alle anderen Betreuer von Flüchtlingen, sei es die Caritas, Arbeitgeber oder Lehrer stellt das vor eine neue, außerordentliche Herausforderung. Viele Flüchtlinge haben große Angst vor den Briefen. Derzeit trifft es besonders häufig Menschen aus Afghanistan, Mali und Pakistan. Die psychische Belastung der Flüchtlinge ist wiederum auch eine für die Helfer.

Ein Fall aus dem Helferkreis Petershausen hat die Betreuer im gesamten Landkreis aufgeschreckt. Ein Flüchtling hatte nach der Zustellung des Ablehnungsbescheides einen Nervenzusammenbruch erlitten und musste zur psychischen Notfallversorgung in eine Klinik gebracht werden. "Es ist eine frustrierende Zeit", sagt Waltraud Wolfsmüller vom Arbeitskreis Asyl Dachau. Seit Sommer trafen zunächst die positiven Bescheide ein. Sie kommen in normalen, weißen Briefen ohne Zustellungsurkunde. Vor allem Menschen aus den Bürgerkriegsländern Somalia, Eritrea und Syrien dürfen bleiben. Nun werden die Ablehnungsbescheide zugestellt. "Es herrscht die pure Angst unter den Flüchtlingen", sagt Wolfsmüller. Die Helfer seien damit teilweise überfordert, räumt sie ein.

"Die Situation ist völlig neu für uns", sagt Jochen Jacob vom Helferkreis Petershausen. Jener junge Mann, der notfallversorgt werden musste, habe große Angst vor der Rückkehr nach Afghanistan. "Er wird von den Taliban bedroht, auch hier in Deutschland", sagt Jacob. Der Mann habe zwei Jahre lang als Soldat der Regierung gedient. Auf der Flucht habe er seinen Bruder verloren, den Vater hat es in die USA verschlagen. In Afghanistan habe der Mann kein Zuhause mehr. Von 104 Flüchtlingen in Petershausen kommen 24 aus Afghanistan. Einige hätten mit den Alliierten, also Deutschen, Engländern und Amerikanern zusammen gearbeitet. "Sie sind eine der am besten integrierten Gruppen", sagt Jacob. Viele arbeiten oder besuchen die Berufsschule. In der letzten Zeit aber erleben die Helfer die jungen Männer im Deutschunterricht als völlig unkonzentriert, abwesend, eingeschüchtert. An diesem Sonntag, 5. März, wollen die afghanischen Asylsuchenden in Petershausen von 15 Uhr an auf dem Sparkassenplatz eine Schweigedemonstration veranstalten, um auf ihre spezielle Situation aufmerksam zu machen.

Seit dem Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-e-Scharif im November ist dieses geschlossen. Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes heißt es zur Sicherheitslage: "In ganz Afghanistan besteht ein hohes Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden. Landesweit kann es zu Attentaten, Überfällen, Entführungen und anderen Gewaltverbrechen kommen." Im Oktober schloss die Bundesregierung ein Abkommen mit Afghanistan. Seitdem werden viele Flüchtlinge aufgefordert, zurückzukehren.

"Wir sind der Meinung, dass Afghanistan nicht sicher ist", sagt Jochen Jacob. "Wir werden alle Afghanen unterstützen." Nur wird das nicht so einfach. Um sich gegen eine Ablehnung des Asylantrags zu wehren, braucht man einen Rechtsanwalt. Die sind zur Zeit schwer zu bekommen, weil so viele Menschen ihre Hilfe suchen. "Wir sehen da eine Not", sagt Irmgard Wirthmüller von der Caritas. Auch der deutsche Caritasverband hat sich deutlich gegen Ausweisungen nach Afghanistan ausgesprochen. Zwei Wochen Zeit bleiben, um Klage gegen einen Ablehnungsbescheid beim Verwaltungsgericht einzureichen. Innerhalb von vier Wochen muss die Begründung nachgeliefert werden. Weder Caritas noch Ehrenamtliche dürfen dabei helfen. Hinzu kommen die Kosten für die Anwälte, schon das Erstgespräch kann ein paar Hundert Euro kosten. Viele der möglicherweise betroffenen Afghanen arbeiten, so ist es in Dachau und auch in Petershausen. Die Flüchtlinge legen oft schon Geld zur Seite, sagt Wolfsmüller, und zahlen dann die Anwaltskosten in Raten ab.

Gemeinsam arbeiten Ehrenamtliche und Caritas auch daran, den Flüchtlingen die Angst zu nehmen und ihnen Wege aufzuzeigen. Auch mit der Berufsschule in Dachau arbeite man eng zusammen, sagt Christine Torghele von der Caritas. "Unser Angebot ist deutlich gewachsen." Die Caritas-Mitarbeiter sind ein- bis zweimal in der Woche in den Unterkünften, bieten täglich offene Sprechstunden an, es gibt eine Asyl-Sozial-Beratung, einen sozialpsychiatrischen Dienst und notfalls einen Krisendienst. "Wir müssen diese Angst umleiten in eine konstruktive Energie." Nicht in allen Fällen ist eine Klage Erfolg versprechend. Dann kann es helfen, die Rückkehr gemeinsam zu besprechen und vorzubereiten. Die Caritas-Mitarbeiter sind geschult, bilden sich immer weiter und tauschen sich unter einander aus. Die Ehrenamtlichen versuchen vieles in Gesprächen miteinander aufzufangen, auch für sie gibt es Angebote der Caritas und vom Dachauer Forum. Doch von den Ehrenamtlichen gibt keiner auf, sagt Wolfsmüller. "Gerade jetzt werden wir doch gebraucht."

Die Zeit des Wartens ist vorbei. Erst habe man auf die Termine für die Anhörungen der Asylsuchenden beim Bundesamt für Migration gewartet. Dann diese vorbereitet und begleitet. Dann wartete man auf die Bescheide. Nun kommen sie. "Das ist eine neue Herausforderung", sagt Christine Torghele. "Es geht um mehr als Essen und Trinken." Es geht um Lebensschicksale.