Dachau trauert um Holocaust-Überlebende:"Ihre Stimme wird uns fehlen"

Internationale Jugendbegegnung

Esther Bejarano bei einem Auftritt im Jugendgästehaus während der Internationalen Jugendbegegnung.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Lagergemeinschaft Dachau und die Versöhnungskirche trauern um Esther Bejarano, die mit 96 Jahren gestorben ist

Von Helmut Zeller, Dachau

Unvergesslich ist Esther Bejaranos Auftritt im selbstverwalteten Jugendzentrum Freiraum in Dachau. Das war im Jahr 2013. Sie las aus ihrem soeben auf Deutsch erschienen Buch "Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts". Danach stand sie mit Kutlu Yurtseven und Pennino Rossi von der Kölner Hiphop-Band Microphone Mafia auf der Bühne. Bei ihren Auftritten war auch immer ihr Sohn Joram dabei. Bejarano sang deutsch, hebräisch, jiddisch. Wer der humorvollen und schlagfertigen Dame begegnen durfte, schätzte sich glücklich. Bis spät in die Nacht unterhielt die Künstlerin nach dem Konzert in einem Dachauer Lokal eine ganze Runde. Am Samstag ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren gestorben. Als Zeitzeugin spielte die Holocaust-Überlebende in der Erinnerungskultur der Stadt Dachau eine zentrale Rolle.

Ernst Grube, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, und Vizepräsident Jürgen Müller-Hohagen erklärten am Montag: "Für die Lagergemeinschaft Dachau war Esther Bejaranos aktives Leben für eine bessere, gerechte Welt, ohne Antisemitismus, ohne Rassismus, ohne Krieg immer so klar, dass sie uns und viele andere Menschen damit stärkte. Ihr entschiedenes Auftreten, ihr Gesang bei vielen Veranstaltungen berührte alle. Bis in ihre letzten Lebenstage kämpfte Esther gegen Faschismus und Krieg. Sie bleibt uns mit ihrem Leben ein großes Beispiel."

Es sollte nicht bei ihrem Auftritt im Freiraum bleiben, zu dem die Evangelische Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau eingeladen hatte. In den folgenden Jahren nahm Esther Bejarano mehrfach an der jährlichen Internationalen Jugendbegegnung des Fördervereins Dachau teil, wo sie jungen Frauen und Männern aus aller Welt in Zeitzeugengesprächen und mit ihren Liedern tief beeindruckte. Kirchenrat Björn Mensing erklärte: "Jetzt können wir Esther Bejaranos Stimme nur noch von Tonträgern, Konzertmitschnitten und alten Videobotschaften hören."

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren. Ihre Eltern wurden 1941 in Litauen von den Nazis ermordet. Sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Dort überlebte Bejarano nur, weil sie im Mädchenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Ihr Vater war Kantor und Lehrer in jüdischen Gemeinden gewesen. Die Tochter lernte Klavier und Blockflöte und konnte gut singen. In Birkenau musste die zierliche, nur 1,48 Meter große Frau zunächst Steine schleppen. Dann wurde sie für das Häftlingsorchester ausgewählt. In ihren Erinnerungen beschreibt sie die Qual, die es ihr bereitete, bei der Ankunft neuer Häftlinge zu spielen. 1944 wurde sie zur Zwangsarbeit für Siemens in das Frauenlager Ravensbrück deportiert. Nach dem Krieg ging sie nach Israel, zog dann aber 1960 mit ihrem Mann nach Hamburg.

Das Auschwitz-Komitee schreibt: "Wir trauern gemeinsam mit ihrer Familie um diese großartige, mutige und unerschütterliche Frau, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, Antifaschistin, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Sängerin, Zeugin der Zeit."

In einem Interview 2020 beklagte Bejarano, dass die Zahl der Nazis in Deutschland wieder zunehme. Sie verwies unter anderem auf die Parteien AfD und NPD. "Die wollen keine Demokratie", sagte Bejarano. "Ich weiß nicht, was werden soll, wenn es noch mehr werden, die so eine menschenverachtende Ideologie haben. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Und ich weiß, was dann kommen wird." Bundesaußenminister Heiko Maas schrieb auf Twitter: "Ihre Stimme wird uns fehlen."

© SZ vom 13.07.2021 / hz
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