SZ-Talentiade 2019 Symbiotische Zweierbeziehung

Svenja Stronzik überzeugt mit ihrer ausdrucksstarken und stimmungsvollen Einradkür.

(Foto: Horst Kramer)

Svenja Stronzik ist die derzeit weltbeste U17-Einradsportlerin. Mit ihrer neuen Kür könnte sie Ende Juli Europameisterin werden.

Von Horst Kramer, Dachau

Svenja Stronzik schwebt federleicht durch die Dachauer ASV-Turnhalle. Mit eleganten Armbewegungen scheint sie das aus den Lautsprechern tönende Pianostück zu dirigieren, das an die Melodie aus dem Film "Die Fabelhafte Welt der Amélie" erinnert. Von irgendwoher zaubert sich Svenja eine Rose in die Hand.

Kurz steigt sie von ihrem Einrad ab, um die Blume wie in Trauer auf den Boden zu legen. Svenja Stronzik ist eine Einradsportlerin der besonderen Art. In ihrer sechsjährigen Karriere hat die 17-Jährige schon eine Vielzahl nationaler Titel und internationaler Medaillen gewonnen. Ihr bisheriger Höhepunkt: der erste Platz im Freestylewettbewerb, in der Altersklasse U17 bei der Einrad-WM 2018 in Ansan (Südkorea).

Mit der neuen Kür will Svenja Stronzik bei den Europameisterschaften Ende Juli im niederländischen Sittard brillieren

Zurzeit feilt die Gymnasiastin an ihrer neuen Freestylekür, eine Kombination aus tänzerischen und artistischen Elementen, unterlegt mit Musik - ähnlich einer Eiskunstlaufdarbietung. Mit der neuen Kür will Svenja Stronzik bei den Europameisterschaften Ende Juli im niederländischen Sittard brillieren. Europameisterin werden, "das wäre schon toll, kann man aber nicht vorhersagen", sagt die Sportlerin. Nicht zuletzt, weil die Resultate von den Vorlieben der Jurorinnen und Juroren abhängen - ähnlich wie beim Eiskunstlauf.

Ihre aktuelle Kür heißt "Zweierbeziehung". Der frühere Hit des Austropoppers Rainhard Fendrich tönt aus der mobilen Boombox des Teenagers: Die Ballade über einen melancholischen Automobilisten, der seinen geliebten italienischen Sportwagen zu Schrott gefahren hat, leitet den zweiten Teil von Svenjas Kür ein. Nun erklärt sich auch die Rose, die sie zuvor auf ein imaginäres Grab gelegt hat, sowie ihr schwarzer Sportdress.

Die Darbietung der Dachauerin kann man als Hommage an den Österreicher lesen oder als Kommentar zum Ende der Kfz-Industrie oder auch zu den aktuellen Ereignissen in unserem Nachbarland. Denn Svenja hat eine Version des Songs ausgewählt, in dem der Fahrer nicht an einen Baum gebrettert ist, sondern an ein "dämliches FPÖ-Plakat - da muss man ja praktisch einifohrn", singt Fendrich. "Diese Version kenne ich ja gar nicht", zeigt sich Svenjas Mutter und Trainerin Annette Buchhaupt ehrlich überrascht. Ihre Tochter mag vielleicht den Originalhit aus dem Jahre 1980 nicht kennen, doch politisch-historisch ist die Elftklässlerin auf Draht: Im kommenden Jahr wird Geschichte eines ihrer Abi-Schwerpunktfächer sein, die Eckpunkte der BRD- und DDR-Historie bis 1989 kennt sie schon jetzt auswendig.

Als Svenja auf die verschiedenen Anspielungen des Songs angesprochen wird, grinst sie nur verschmitzt. Klar hat der Auftritt auch autobiografische Züge - schließlich pflegt die Sportlerin mit ihrem Einrad ebenfalls eine Art von symbiotischer "Zweierbeziehung". Und dass sich eine Siebzehnjährige mit anderen Beziehungen auseinandersetzt, liegt auf der Hand. Ob die Vielschichtigkeit der Stronzik-Darbietung von einer internationalen Jury wahrgenommen wird, sei einmal dahingestellt. Doch der melodische Song und dessen melancholisch-akrobatische Interpretation wirken auch so: Die junge Einradartistin versteht es, musikalische Stimmungen in bewegte Emotionen umzusetzen - mit ihrem Sportgerät, mit Gestik, Mimik und mit zirkusreifen Kunststücken. Zum Beispiel, wenn sie auf dem Sattel liegend langsam durch den Raum rollt, oder den Newtonschen Gesetzen trotzend, einen Kreis in extremer Schräglage vollführt.

In Südkorea bewältigte Svenja Stronzik neun Wettbewerbe in acht Tagen. In den Niederlanden wird es wohl ähnlich ablaufen. Der Einradsport hat sich in unterschiedlichste Wettkampfformen differenziert: neben dem Freestyle-Einzel (tänzerisch, mit Musik) auch das X-Style-Einzel (technisch, keine Musik), Slalom (um Hütchen herum), Mountain-Einrad-Rennen, Weitgleiten (Abstoßen und Rollen) oder einfach Stillstehen (mit dem Rad auf der Stelle balancieren). "Der Weltrekord liegt bei zirka zwei Stunden", weiß Svenja und kommentiert mit leiser Ironie: "Für Zuschauer ist das nicht so spannend" - im Gegensatz zu den Groß- und Kleingruppenauftritten, bei denen die Choreografie und Synchronizität entscheidende Rollen spielen. Eine wichtige Entscheidung in Sachen Freestyle-Einzel hat die aktuelle U17-Weltbeste noch nicht gefällt: Ob sie bei der EM in der U19-Konkurrenz antritt oder in der jahrgangsübergreifenden "Expert"-Kategorie.

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"Nur wer sich bei den Experts durchsetzt, darf sich Weltmeister oder Europameister nennen", klärt Svenja Stronzik auf. Insofern war sie vergangenes Jahr keine Weltmeisterin, sondern U17-Erste bei den Weltmeisterschaften. Sie sinniert kurz: "Europameisterin klingt einfach cooler."

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