Stolpersteine in DachauPolieren gegen das Vergessen

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Die Stolpersteine, die an im NS-Regime deportierte und ermordete Menschen erinnern, werden in Dachau jedes Jahr am 9. November, dem Gedenktag der Pogrome von 1938, gepflegt. Dieser erinnert an die 1940 in Schloss Hartheim getötete Maria Linner.
Die Stolpersteine, die an im NS-Regime deportierte und ermordete Menschen erinnern, werden in Dachau jedes Jahr am 9. November, dem Gedenktag der Pogrome von 1938, gepflegt. Dieser erinnert an die 1940 in Schloss Hartheim getötete Maria Linner. (Foto: Toni Heigl)
  • In Dachau werden jährlich am 9. November die 15 Stolpersteine gepflegt, die an deportierte und ermordete NS-Opfer erinnern.
  • Schüler des Ignaz-Taschner-Gymnasiums polieren die Messingtafeln und erfahren dabei die Biografien der Opfer wie Maria Linner und Thomas Bleisteiner.
  • Vor zwanzig Jahren wurden die ersten fünf Stolpersteine verlegt, zehn weitere folgten 2017, fünf weitere sollen dazukommen.
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Vor 20 Jahren wurde der erste Stolperstein in Dachau verlegt, inzwischen erinnern dort 15 an Menschen, die während des NS-Regimes deportiert und ermordet wurden. Bei ihrer jährlichen Pflege am 9. November erfahren Schüler auch die Geschichten hinter den Namen.

Von Laura Geigenberger, Dachau

Eigentlich sind gerade Herbstferien, und Sonntag ist es noch dazu. Benjamin Klein und Anori Benz sind an diesem grauen Novembernachmittag trotzdem in die Dachauer Altstadt gekommen. In dicke Jacken gehüllt und mit Gummihandschuhen, Watte und Lappen ausgerüstet, schrubben die beiden 16-jährigen Schüler des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums (ITG) über die Schmutzschicht, die das vergangene Jahr auf dem Stolperstein für Maria Linner in der Gottesackerstraße 5 hinterlassen hat.

Die Pflege der 15 in der Stadt verteilten kleinen Messingtafeln – stets am 9. November, dem Gedenktag der Pogrome von 1938 – hat sich in Dachau längst zu einer kleinen Tradition entwickelt. Begleitet wird sie auch in diesem Jahr wieder von ITG-Lehrerin Hedwig Bäuml. Ihr P-Seminar hat einen Austausch von Dachauer Jugendlichen mit Schülern aus der polnischen Stadt Oświęcim zum Thema. Bei den Besuchen stehen auch Fahrten zu den jeweiligen KZ-Gedenkstätten auf dem Programm; gelebte Erinnerungskultur ist wichtiger Bestandteil des Projekts.

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„Wir wollen an diesem Tag an die Opfer des Nationalsozialismus und an alle erinnern, die hier aus Dachau vertrieben worden sind“, sagt Bäuml. Während die Jugendlichen polieren, warten deshalb an jeder Station Gästeführer, um die Geschichten der Menschen zu erzählen, deren Namen die Steine tragen. In der Gottesackerstraße haben sich um Barbara Küppers schon erste Zuhörer versammelt. Sie hat sich mit der Biografie von Maria Linner beschäftigt, eine Betroffene der „Euthanasie“-Verbrechen – der systematischen Ermordung kranker und behinderter Menschen durch die Nationalsozialisten.

Linner, geboren am 22. Februar 1899, verlor mit 13 Jahren ihr Gehör. Als Näherin arbeitete sie unter anderem in der Dachauer Pulver- und Munitionsfabrik – der „Keimzelle des späteren KZ“, wie Küppers sagt. 1934 zog Linner in das Bürgerspital in der Gottesackerstraße, eine Einrichtung für bedürftige Menschen in Dachau. Weil sie dort nach Ansicht der Nationalsozialisten einen „Verfolgungswahn“ entwickelte, durchlief sie von 1935 an mehrere psychiatrische Kliniken. „Die Ärzte stellten fest, dass ihre Ängste nicht ‚krankhaft‘ waren“, so Küppers. Dennoch transportierten die Nationalsozialisten Linner am 7. November 1940 im Rahmen der „Aktion T4“ in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim. Dort wurde die 41-Jährige in einer Gaskammer erstickt.

Gästeführerin Barbara Küppers erzählt den Schülern Anori Benz und Benjamin Klein (von links) von der Dachauerin Maria Linner, mit deren Schicksal sie sich befasst hat.
Gästeführerin Barbara Küppers erzählt den Schülern Anori Benz und Benjamin Klein (von links) von der Dachauerin Maria Linner, mit deren Schicksal sie sich befasst hat. (Foto: Toni Heigl)

Der 16-jährige Schüler Benjamin Klein ist von den Ausführungen über Maria Linners Schicksal sichtlich betroffen. „Aus der heutigen Sicht kann man sich gar nicht vorstellen, Menschen dafür zu bestrafen, wie sie geboren werden“, sagt er. „Jeder Mensch hat das Recht zu leben – und so zu leben, wie er ist.“

Vor zwanzig Jahren wurden in Dachau die ersten fünf Stolpersteine vor den ehemaligen Wohnhäusern von NS-Opfern verlegt, zehn weitere folgten 2017. Das Projektteam rund um den Künstler Gunter Demnig hat bereits 166 000 der kleinen Tafeln in 31 europäischen Ländern gesetzt. Damit ist Dachau Teil der größten dezentralen NS-Gedenkstätte der Welt. Erinnert wird an alle Menschen, die unter dem NS-Regime entrechtet, ausgegrenzt und verfolgt wurden: Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Arbeitslose, Deserteure. In Dachau sollen in der nächsten Zeit fünf Tafeln dazukommen.

„Ich finde Stolpersteine eine sehr besondere Form des Gedenkens. Weil sie ermöglichen, mal für den Moment innezuhalten und den Kopf zu senken“, sagt Gästeführer Matthias Schüßler. Er steht eine Häuserecke weiter in der Wieningerstraße 10, der letzten bekannten Adresse von Thomas Bleisteiner. Der Dachauer kam am 22. September 1908 als uneheliches Kind zur Welt und wuchs in einem gewaltvollen Umfeld auf. Wegen psychischer Probleme und der wirtschaftlichen Not der 1920er-Jahre verlor er immer wieder Arbeitsstellen und geriet zunehmend in Konflikt mit den Behörden.

1933 wurde er für mehrere Monate im KZ Dachau, später im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im KZ Buchenwald und zuletzt in Mauthausen inhaftiert. Dort starb Thomas Bleisteiner am 16. April 1940 unter ungeklärten Umständen. Er war 31 Jahre alt. „Von ihm gibt es kein einziges Foto – wir wissen schlichtweg gar nicht, wie er ausgesehen hat“, so Matthias Schüßler.

Von Thomas Bleisteiner, an den dieser Stolperstein erinnert, gibt es kein einziges Foto.
Von Thomas Bleisteiner, an den dieser Stolperstein erinnert, gibt es kein einziges Foto. (Foto: Toni Heigl)

Gerade deshalb sei diese alljährliche Auseinandersetzung mit den Biografien von Dachauer NS-Opfern so besonders, findet Zuhörerin Marion Schneider. Sie macht selbst gerade eine Ausbildung zur Gästeführerin und hat sich vorgenommen, an diesem Sonntagnachmittag alle 15 Stolpersteine der Stadt zu besuchen. „Ich finde es gut, dass man mehr über diese Leute redet; das gibt jeder Person ein Gesicht“, sagt sie. „Es ist ein Stück im Menschen drin, auszugrenzen und Macht erhalten zu wollen. Was wir dagegen tun können, ist zu informieren und uns immer wieder mit der Geschichte zu beschäftigen.“

Denn die Zeitzeugen werden immer weniger – und damit auch ihre Erzählungen und Mahnungen, die sie jahrzehntelang in die Öffentlichkeit getragen haben, weiß Schüler Benjamin Klein. „Parteien wie die AfD, die rechtsextremistisch sind, werden dann wieder gewählt“, sagt er. „Nur weil sie Menschen vertreiben wollen, von denen sie befinden, dass sie vielleicht nicht zur deutschen Gesellschaft passen. Das entspricht in Teilen schon wieder dem Gedankengut von vor 80 Jahren.“

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