Stromnetz:Sicherungskasten für die Zukunft

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Lässig setzt Dachaus OB Hartmann das neue Schaltzentrum in Betrieb. Wer nicht vom Fach ist, erschrickt wegen des darauffolgenden lauten Krachens gehörig. (Foto: Toni Heigl)

Die Stadtwerke Dachau präsentieren ein neues Strom-Schaltzentrum und ihre erste Freiflächen-Photovoltaik-Anlage. Sie sollen das lokale Stromnetz fit machen für die Energiewende. Ganz billig ist das nicht.

Von Alexandra Vettori, Dachau

Optisch macht das neue Schaltzentrum wenig her. Ein fast fensterloser eingeschossiger Bau hinter Büschen an der Theodor-Heuss-Straße, drinnen graue Betonwände und graue Schränke unter Neonlicht. Und doch laufen hier die Adern der halben Stadt zusammen - auch wenn darin nicht Blut fließt, sondern Strom.

Drei Millionen Euro haben die Dachauer Stadtwerke in das Schaltzentrum investiert, das alte an gleicher Stelle war 40 Jahre alt und den Erfordernissen der Zukunft nicht mehr gewachsen. Das neue aber trägt jetzt dazu bei, das Dachauer Stromnetz fit für die Energiewende zu machen, ebenso für weiteres Wachstum und höhere Verbräuche, etwa durch Wärmepumpen und E-Autos. Am Dienstag haben Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) und Stadtwerkechef Robert Haimerl die Anlage offiziell in Betrieb genommen. Von hier aus wird das gesamte Dachau östlich der Bahn versorgt.

Alle schauen gespannt, bis es laut kracht

Lässig schiebt OB Hartmann einen Stab in einen der vielen Schalter in einem der vielen Schränke. Alle schauen gespannt, bis es laut kracht. Nur die Laien denken an ein Malheur, der Rest weiß: So hört es sich eben an, wenn ein Schalter der vorliegenden Dimension angeschaltet wird.

Die Funktionsweise der Schaltzentrale kann man stark vereinfacht mit einem Sicherungskasten vergleichen, der in jedem Haus hängt. So versucht Bernhard Kiening, Abteilungsleiter Strom bei den Stadtwerken, die Funktionsweise auch Laien verständlich zu machen. Reißt irgendwo in der Stadt ein Baggerfahrer ein Stromkabel ab, muss das natürlich geflickt werden. Damit die betroffenen Stromkunden aber schon früher wieder Strom haben, wird in der Schaltzentrale umgeschaltet, der wichtige Stoff fließt dann von einer anderen Seite her "und das defekte Kabel können wir reparieren, ganz ohne Zeitdruck", erklärt Kiening.

Gleichzeitig macht es die Schaltzentrale möglich, die Einspeisung des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen zu regeln. Damit all das auch bei internen Störungen möglich ist, ist sie redundant, das heißt: Es gibt zwei Räume mit identischen Schränken und Schaltern, die einander ersetzen können.

Man sieht dem neuen Schaltzentrum seine Bedeutung nicht an. Doch von hier aus wird die Stromversorgung für das Stadtgebiet östlich der Bahn geregelt. (Foto: Toni Heigl)
Bernhard Kiening, Abteilungsleiter Strom bei den Stadtwerken, versucht die Funktionsweise auch Laien verständlich zu machen. (Foto: Toni Heigl)
Ein Stadtwerke-Mitarbeiter zeigt das Innere der Schränke im Schaltzentrum Dachau-Ost. (Foto: Toni Heigl)
Stadtwerke-Chef Robert Haimerl (l.) und OB Florian Hartmann vor der ersten eigenen Freiflächen-Photovoltaikanlage der Stadtwerke. Sie liegt im Stadtteil Etzenhausen. (Foto: Toni Heigl)

Die Schaltzentrale Dachau-Ost ist nur die erste in einer ganzen Reihe. Momentan laufen auch Arbeiten in der Schaltzentrale beim Amper-Kraftwerk, die für ganz Dachau-West zuständig ist. Und Bernhard Kiening führt aus, dass mindestens noch drei weitere, kleinere Schaltzentralen gebaut werden.

Vor der Inbetriebnahme der Schaltzentrale präsentierten OB Hartmann und Stadtwerkechef Haimerl noch ein zweites zukunftsweisendes Stromprojekt: Die erste Freiflächen-Photovoltaik-Anlage der Dachauer Stadtwerke; das Grundstück in Etzenhausen gleich neben der Bahn haben die Stadtwerke von einem Landwirt vorerst für 20 Jahre gepachtet.

Gekostet hat die Anlage, Trafostation inklusive, eine gute Million Euro, sie besteht aus 1700 PV-Modulen auf einer Fläche von 1,8 Hektar und erzeugt 1 142 000 Kilowattstunden pro Jahr mit einer Leistung von 999 kWp (Kilowattpeak). Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von knapp 350 Haushalten und erspart der Atmosphäre mehrere hundert Tonnen Kohlendioxid pro Jahr.

Bei aller Freude gibt es auch Kritik

So groß die Freude über die neue PV-Anlage bei Oberbürgermeister und Stadtwerke-Chef auch ist, beide sehen die Sache auch kritisch, etwa was die planungsrechtlichen Voraussetzungen dafür anbelangt. So musste extra ein Bebauungsplan erstellt werden, ein zeitraubendes und kostspieliges Verfahren, wie Haimerl betont. Nicht umsonst hat es sechs Jahre gedauert, bis die Anlage nun endlich in Betrieb genommen werden konnte.

Dass es zu regnen beginnt, als die beiden das rot-weiße Flatterband durchschneiden, zeigt noch ein grundlegendes Problem der Photovoltaik: Die Sonne bestimmt, wann viel und wann wenig Strom produziert wird. Gerade mittags an sonnigen Tagen aber gibt es meist wenig Strombedarf, schlimmstenfalls muss die Anlage dann vom Netz gehen. Es brauche also Speicher, sagt Haimerl - seiner Meinung nach ist die beste Alternative hier Wasserstoff.

Die Bienen sind schon da

Dass eine Photovoltaik-Anlage nicht nur ein Gewinn für das Klima, sondern ebenfalls für die Artenvielfalt sein kann, auch das zeigt die neue Anlage der Stadtwerke. Rings um die Solarmodule keimt eine Glatthaferwiese, ein Imker hat bereits einige Bienenkästen auf das Gelände stellen dürfen. Demnächst sollen ein paar Schafe folgen, um die Wiese kurzzuhalten. Interessierte Schafbesitzer, so Haimerl, könnten sich gerne melden.

Die Investitionen der Stadtwerke in das Dachauer Stromnetz sind nur ein kleines Beispiel dafür, wie viel Geld derzeit in den Stromnetzausbau und die Optimierung fließt. Robert Haimerl betont, gleiches passiere ja auch auf den übergeordneten Netzen, für die Bayernwerk und Tennet zuständig sind. "Alle in der Energiewirtschaft werden noch lange sichere Jobs haben."

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