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Dachau:Seelenlandschaften

Eine Ausstellung in den Ateliers der Kleinen Moosschwaige - und jedes Bild erzählt vom Leben und Schaffen seines Künstlers

Wie eine ausgestreckte Hand weist das offene Tor einladend in den Garten. Brennende Fackeln beleuchten den Weg, der um das Haus herumführt und an einer lodernden Feuerschale endet. Trotz der schönen Beleuchtung bleibt es ruhig an diesem Freitagabend bei der Vernissage der Künstler in der Kleinen Moosschwaige. Nur vereinzelt kommen die Besucher, wo es doch sonst so viele sind, die sich in den Ateliers von gigi, Gebhard Schmidl, Thomas Vesely und Florian Marschall umschauen. Umso intensiver sind die Begegnungen mit den Künstlern und Malern, die mit einer solchen Herzlichkeit einen jeden empfangen, dass man gerne ein wenig länger als geplant bleibt.

Die Tür zum Atelier ist offen. Ein paar Besucher sind schon drin, die sich mit Begrüßungen und der Frage nach dem Getränk beschäftigen, die ihr Gastgeber Florian Marschall gerade stellte. Der Zeichner, der mit winzigen schwarzen Punkten so exakt Menschen porträtiert, dass es aussieht wie gedruckt, zählt die Besucher an diesem Abend nicht. Wie er auch sonst nichts zählt. Nicht die Punkte in seinen Bildern, die manchmal nicht größer als eine Postkarte sind und die sich in den riesigen Bilderrahmen verlieren würden, wären sie nicht so faszinierend. Noch zählt er die Stunden oder Tage, die er mit dem Zeichnen verbringt. "40 bis 45 Arbeiten", sagt er vage schätzend, was die Anzahl seiner ausgestellten Werke betrifft.

Atelierausstellung

Der Maler Thomas Veselý (rechts) in seinem Atelier. Der gebürtige Tscheche, sein Nachname heißt auf Deutsch glücklich, hat sein Schaffen mit den Flusslandschaften der Amper verbunden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Der 40-Jährige grinst, als er auf seine neueste Bilderreihe zeigt. Vier große Bilder mit jeweils einer anderen Packung Butter drauf. Das deutliche Fragezeichen in den Augen des Betrachters lässt sein Grinsen breiter werden. "Wegen der Doppeldeutigkeit", antwortet er dann und erklärt die ironische Spitze auf "Buddha", um gleich darauf sozialkritisch ("Butterberg"), auf Sprichwörter ("die Butter vom Brot nehmen") und Regionalität zu kommen. "Denn hinter der bayerischen Buttermarke steckt ja kein bayerischer Konzern mehr", erklärt der Künstler und freut sich jetzt schon auf weitere Interpretationen an diesem Abend. "Schließlich ist das ja hier einfach nur Butter."

Seine Beine leisten der Erdanziehung kaum noch Widerstand. Nur langsamen und schlurfenden Schrittes schafft sich Gebhard Schmidl die Wendeltreppe zur Galerie seines Ateliers hinauf. Unten sind der Sohn, ebenfalls Künstler, und die Gäste im imaginären Schatten der riesigen, eine Eistüte haltenden Plastik im Gespräch. Zwei Kinder lümmeln sich oben auf dem Sofa, eingerahmt zwischen Büchern über Kunst, in denen er gerne schmökert und Musik-CDs, die er hört, wenn er malt. Vor allem aber sind hier seine Bilder. Nach Größen und Epochen sortiert, eingepackt in schützenden Folien und in Regalen bis unter das Dach, aneinandergereiht wie Bücher. Und wie jene erzählen sie eine Geschichte. Die des Malers, der eine Koryphäe in Sachen Kunsttechnik ist. Alles hat er ausprobiert. Und auch jetzt experimentiert er noch, wenn auch der 85-Jährige schon im zweiten oder dritten Satz auf sein sich näherndes Ende zu sprechen kommt.

Kleine Moosschwaige

In der Ausstellung in den Ateliers der Kleinen Moosschwaige sind verschiedene Werke der Künstler gigi, Gebhard Schmidl, Thomas Vesely und Florian Marschallsind zu sehen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Ganz oide", sagt er dann liebevoll zu einigen seiner Gemälde, von denen er genau weiß, wo sich welches versteckt und die er 1960 schuf, zwei Jahrzehnte bevor Gebhard Schmidl in das mittige Atelier der Villa in der Kleinen Moosschwaige zog. So unterschiedlich sind Motive und Techniken der Bilder seitdem geworden, dass kaum zu glauben ist, dass sie aus der Hand eines und desselben Künstlers stammen. Genauso überraschend sind die Plastiken im Raum. "Manchmal frage ich mich selbst, ob ich Maler oder Bildhauer bin", lacht der kleine Mann, der große Kunst schafft. Dabei sei es doch selbstverständlich, dass man sich verändere, mit den Jahren und damit auch das, was man als Künstler schaffe. "Das alles ist mein Leben", sagt er schließlich mit müder Stimme und ausgebreiteten Armen - als wolle er die Bilder festhalten. Oder sich selbst.

gigi. Klein geschrieben ihr Name, wie auch sie klein und zierlich, fast zerbrechlich wirkt. Ihre Kraft steckt in den Bildern. In Frauen, in Männern, die sich drehen und verzerren in Richtungen, die ihnen Freiheiten geben oder provozieren. Anheimelnd ist ihr Atelier, trotz der unzähligen Bilder und Augen und frechen Fratzen, die die Besucher anglotzen oder angrinsen. Und trotz der vielen Farben. "Ich will sie riechen und loslegen, wann immer ich will, besonders nachts", ruft gigi vor Begeisterung. Deshalb wohnt sie auch in ihrem Atelier, inmitten der farbdurchtränkten Pinsel und Leinwände, von denen die meisten groß und alle mit ihren sprühenden Ideen gesegnet sind. "Das alles ist Ausdruck meines Seins, meiner Stimmungen und dem, was von außen auf mich einströmt", sagt die Malerin, die sich in die Farben hineinfühlt, bevor sie loslegt. Zeitgeschichtlich geht sie dabei oft ein Stückchen voraus: der kleine Hitler, der wie ein Kind neben dem gesichtslosen Osama bin Laden grinst, ist schon viele Jahre alt. Ebenso das Bild mit den Flüchtlingen, die über riesige Boxhandschuhe schlurfen - "Wellcome stranger". gigi provoziert gerne, wie auch mit einem ihrer Lieblingsbilder, das sich ganz hinten in einer Reihe versteckt, weil es wegen seiner Ehrlichkeit schockiert: Blutig stecken Stoßzähne im grinsenden Mund eines Mannes, während im Hintergrund ein zahnloser, kleiner Elefant traurig seinen Kopf senkt.

Ruhe im Obergeschoss. Fast andächtig sitzen hier ein paar Besucher im Stuhlkreis um einen kleinen Tisch mit Weingläsern. Ein Pfauenauge flattert wie selbstverständlich umher, von Gemälde zu Gemälde, wo still die Amper fließt - liebevoll umfasst von üppig grünen Ufern mit hohen Bäumen, deren Äste sich zuweilen niederbeugen und das Wasser küssen. Thomas Veselý, der gebürtige Tscheche, liebt die Natur und die Amper im Speziellen. Ihre Gesichter, ihre Stimmungen festzuhalten, ist seine Passion. Ihr gibt er seit den 1980er Jahren nach. Leinwand und Farben im großen Radlkorb näherte er sich dem Fluss fast täglich, im überdachten Schlauchboot war er auf dem Wasser oft zu sehen. Mit Strohhut und den Pinsel in der Hand. "Ich wusste, wenn ich in den Westen komme, werde ich meine Malerei entwickeln", erklärt der Künstler. "Und die Schönheit der Flusslandschaft hat mir die Kraft dazu gegeben." Seine Bilder sind mal impressionistisch, dann wieder real, aber immer so perspektivisch, dass man eintauchen will in den Fluss. Das fasziniert auch Altlandrat Hansjörg Christmann, der gerade mit seiner Frau zum Kreis der Bewunderer dazukommt. "Ein echter Kunstkenner", freut sich Thomas Veselý und schenkt zwei Gläser Wein ein. Auch heute ist der 80-Jährige fast ständig draußen in der Natur und an der Amper. Er strahlt. "Ich versuche eben immerzu, Freude zu finden."