ModellprojektJäger darf 80 Saatkrähen in Dachau abschießen

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Seit Jahren versucht die Stadt, die Zahl der Saatkrähen durch Vergrämungsmaßnahmen zu verringern.
Seit Jahren versucht die Stadt, die Zahl der Saatkrähen durch Vergrämungsmaßnahmen zu verringern. Niels P. Jørgensen

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Modellprojektes dürfen in Dachau ausnahmsweise Saatkrähen getötet und deren Eier aus Nestern entfernt werden. Naturschützer kündigen Klagen an.

Von Konstanze Eidenschink, Marie Heßlinger, Alexandra Vettori, Dachau

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Auf zwei Hebebühnen steuern die Baumpfleger am Montagvormittag in die Kronen der Bäume in der Ludwig-Ernst-Straße, um die Nester der Saatkrähen zu entfernen. Die Vögel haben sich hier keine Freunde gemacht und sollen nun vertrieben werden. Immer weiter nähert sich einer der Baumpfleger der Krähe, die gerade ihre Eier im Nest bebrütet. Erst auf seinen letzten Zentimetern flieht die Krähe aus ihrem erbauten Zuhause und schließt sich den restlichen Krähen an – aufgeregt kreisen sie über den noch übrigen Nestern.

Das Nest reißt der Baumpfleger nun aus dem Baum – ganz einfach geht das nicht, denn die Krähe hat es aufwendig in die Zweige der Baumkrone eingenistet. Die zurückgelassenen Eier nimmt der Baumarbeiter einfach aus dem Nest. Die Nester werden wie Gestrüpp auf einem Haufen gesammelt und für Passantinnen und Passanten scheinen die Baumarbeiten unspektakulär. Nur die Krähen sind aufgebracht: Ihnen wurde gerade Heimat und Nachwuchs genommen. Auch unter den Baumpflegern regt sich Mitleid mit ihnen, normalerweise dürfen sie keine Nester mit Eiern entfernen. Schon gar nicht die einer unter Naturschutz stehenden Art. Doch ein Modellprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung macht das im Rahmen einer Ausnahmegenehmigung möglich.

Saatkrähen sind sowohl durch die EU-Vogelschutz-Richtlinie als auch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Demnach ist es in Deutschland grundsätzlich nicht erlaubt, Saatkrähen abzuschießen oder während der Brutzeit zu vergrämen. Doch in Dachau dürfen die Tiere jetzt erstmals im Rahmen des Modellprojektes des Landesamtes für Umwelt (LfU) auch getötet werden. Wo, wie, wie viele und wann, all das wird geheim gehalten - so will man den Auftritt erboster Tierschützer verhindern. Die genauen Maßnahmenstandorte würden nicht öffentlich gemacht, „um eine möglichst störungsfreie Maßnahmendurchführung zu ermöglichen“, schreibt das LfU. Tierschützer machen trotzdem schon mobil: Eine Online-Petition mit dem Titel „Rettet die Saatkrähen in Dachau“ verzeichnete am Montagnachmittag mehr als 600 Unterschriften.

Das Ziel des Projekts beschreibt das Amt so: Mit dem Landtagsbeschluss zur „Entnahme von Saatkrähen zur Verhinderung landwirtschaftlicher und urbaner Schäden“ sollen die fachlichen Grundlagen für eine Entnahme von Saatkrähen als Managementinstrument zur Verhinderung von landwirtschaftlichen Schäden erarbeitet werden. Erklärtes Ziel der bayerischen Landesregierung ist es bekanntlich, den Schutzstatus von Saatkrähen abzuschaffen.

Der Druck aus der Bevölkerung ist groß

Das Pilotprojekt, das die Höhere Naturschutzbehörde der Regierung von Oberbayern genehmigt hat, wird in fünf verschiedenen Modellregionen ausgeführt: in Bad Aibling, Dachau, Erding, Straubing und Asbach-Bäumenheim. Bis 2026 soll es abgeschlossen sein. Der Beschluss im Bayerischen Landtag fiel im März vergangenen Jahres auf Antrag von CSU und Freien Wählern.

In der vergangenen Woche informierte die Stadt Dachau auf Facebook und Instagram, dass Anfang dieser Woche in der Ludwig-Ernst-Straße Nester entnommen werden. An anderen Standorten der Krähen, so erfährt man nach mehrfachen Nachfragen aus dem Stadtbauamt, sollen Tiere auch abgeschossen werden – insgesamt fünf Prozent der Population pro Brutsaison, das sind 80 Tiere allein heuer in Dachau. Auch wie der beauftragte Jäger die Sache angeht, weiß man jetzt: Geschossen wird mit Luftgewehr und Stahlkugel aus geringer Distanz.

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Saatkrähen haben an vielen Orten in Dachau Nester in die Bäume gebaut, unter anderem in der Ludwig-Ernst-Straße. Dort lässt die Stadt Dachau alle Brutstätten entfernen. Was sagen Anwohnerinnen und Passanten?

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Der Druck aus der Bevölkerung, etwas gegen die Saatkrähen in der Stadt zu unternehmen, ist groß. Ständig erreichen den Stadtrat neue Beschwerden über die Krähen, die mit ihrem andauernden Lärm und Kot von Anwohnern und Gastronomen als extrem störend wahrgenommen werden. „Es musste unter den gegebenen und sich weiter von Jahr zu Jahr verschärfenden Umständen einfach etwas geschehen“, sagt der CSU-Kreisvorsitzende Bernhard Seidenath, der das Projekt angestoßen hat. Auch Umweltschützer haben Verständnis dafür.

So wie Johannes Hiller. Er ist seit Jahrzehnten Umweltschützer und im Vorstand des Landschaftspflegeverbandes Dachau. Rabenvögel wie die Saatkrähe gelten als besonders intelligent. Sie hätten ein ausgeprägtes Sozial- und Kommunikationsverhalten, sagt Hiller. „Ich habe mal eine Saatkrähe aufgepäppelt, man spürt deutlich, dass diese Vögel Kontakt aufnehmen und ihre Stimmungslage weitergeben wollen – von leisen Tönen über das laute Angstgeschrei ist das unglaublich weitgefächert.“ Genau das aber mache sie so lästig. Zumal die Kolonien immer größer werden würden, sie könnten auf mehrere Tausend Krähen anwachsen.

Saatkrähen sind standorttreu

Ob die Vertreibungsaktion der Stadt, wie sie für diese Woche geplant ist, ausreichen wird, bezweifelt Hiller allerdings. Er sagt: „Durch den Abschuss einzelner Tiere werden sie die Saatkrähen nicht so weit bringen, dass sie ihre Kolonie aufgeben.“ Stattdessen würden die Tiere vermutlich versuchen, in geringer Distanz neue Nester zu bauen. „Das sind Standvögel, die geben ihr Gebiet nicht so schnell auf.“

Auch Roderich Zauscher, Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz, hat Zweifel: „Ich werte das Ganze als sinnlose Alibi-Aktion, bei der nicht viel rauskommt.“ Bereits in der Vergangenheit habe man versucht, die Krähen zu vergrämen. „Der Effekt war, dass es nur noch mehr Kolonien gab.“ Sinnvoll wäre es, die Bevölkerung Dachaus dazu zu bringen, nicht mehr so viele Essensreste wegzuwerfen, von denen die Krähen sich ernähren. Die Saatkrähen würden sich aus seiner Sicht aber erst dann aus der Stadt zurückziehen, wenn sie auf dem Land wieder einen Lebensraum hätten. Auf freier Flur bräuchten sie Baumgruppen, um sich vor ihren Fressfeinden wie dem Habicht zu schützen, und dort nächtigen und brüten zu können.

Klagen sind angekündigt

Das Bündnis bayerischer Tierrechtsorganisationen (BBT) hat bereits eine E-Mail an das Referat für Tierschutz beim Bayerischen Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz geschickt, der Text liegt der SZ vor. Auch das BBT zweifelt darin an, dass die Aktion ihren Zweck erfüllen werde. „Wir sehen hier sowohl den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz als auch das Güterabwägungsprinzip als verletzt“, sagt Robert Derbeck vom BBT. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Tiere abgeschossen werden, werde das BBT Anzeige erstatten.

Michael Krämer von der Tierschutzpartei will ebenfalls Anzeige wegen Verstoßes gegen das Naturschutzgesetz erstatten. „Wir können in Bayern nicht bestimmte Entscheidungen treffen, die auf Bundesebene nicht zulässig sind.“ Krämer kritisiert außerdem den Zeitpunkt der Aktion: „Es gibt keinen genauen Grund, das genau jetzt zu machen, wo die ersten Eier in den Nestern liegen.“ Die Vergrämung sei auch von der Stadt Dachau egoistisch gedacht: „Wohin sollen die Saatkrähen wandern? Sollen sie nach Ebertshausen wandern? Sollen sie nach Oberschleißheim wandern?“ Aus seiner Sicht sei die ganze Sache „rechtlich sehr fragwürdig und moralisch verwerflich.“ Krämer ist außerdem der Meinung: „Es steht uns nicht zu, alles zu beseitigen, was uns lästig ist. Wir Menschen sind auch eine Plage für die anderen Tiere und die können uns nicht beseitigen.“

Auch der Landesbund für Vogelschutz hält nichts von dem Projekt: Das LfU habe in jahrelangen Studien und Forschungsprojekten mehrfach festgestellt, dass Vergrämungsmaßnahmen zur Zunahme der Populationen führe, so der Dachauer Kreisvorsitzende Cyrus Mahmoudi. Dass Handlungsbedarf bestehe, sei unbestritten, doch der Abschuss von 160 Tieren bis April 2026 werde, wenn überhaupt, nur kurzfristig Entlastung bringen.

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SZ PlusKommentar von Alexandra Vettori

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