Saatkrähen sind Vertriebene. Ihr natürlicher Lebensraum sind Wiesen, ihre bevorzugte Nahrung besteht aus „im Boden lebenden Wirbellosen“, schreibt der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV). Jedoch, erklärt das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) auf seiner Homepage, habe sich die Saatkrähe in den vergangenen 70 Jahren „von ihren ursprünglichen Brutplätzen in Siedlungsbereiche der Dörfer und Städte zurückgezogen“. Die Gründe dafür seien „Störungen“ sowie „gezielte Vergrämung“.
Markus Erlwein vom LBV sagt: Weil offene Felder zunehmend für die Landwirtschaft genutzt würden, „verlieren Tiere ihren Lebensraum. Das ist kein neues Phänomen.“ Nur seien Saatkrähen eben sehr kluge und anpassungsfähige Tiere. Mit anderen Worten: Über Jahre wurden Saatkrähen aus ihrem natürlichen Lebensraum verjagt – aber statt zu verschwinden, haben sie sich einfach woanders eingerichtet. Zum Beispiel in der Stadt Dachau. Seit Jahren schon steige im Ort die Zahl der Brutpaare, heißt es in einer Pressemitteilung; von 519 im Jahr 2022 auf 832 im Jahr 2024.
Das hat dazu geführt, dass die Stadt jetzt eine drastische Maßnahme angekündigt hat: Zum ersten Mal sollen einzelne Saatkrähen getötet werden. Dies hätte aber nicht die Reduktion des Bestandes zum Ziel, betont die Stadt, sondern solle „wissenschaftliche Erkenntnisse darüber bringen, durch welche Maßnahmen der größtmögliche Vergrämungseffekt entsteht.“ Das Ganze sei ein „Pilotprojekt“, das von der Regierung in Oberbayern genehmigt worden sei und vom LfU begleitet würde. Im Frühjahr 2026 solle die Wirkung analysiert werden.
Saatkrähen sind laut – oder wie das LfU formuliert: „sehr kommunikationsfreudig“ – und verursachen mit ihrem Kot viel Dreck. Das sorgt immer wieder für Ärger: „Die Saatkrähe ist an vielen Stellen in Dachau zu einer großen Belastung für die Bürgerinnen und Bürger geworden“, sagt Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Die Stadt versucht daher schon lange, die Tiere loszuwerden, etwa mit der Entfernung von Nestern. Erfolgreich war sie bislang nicht.
Es ist ebenso wichtig, die Ursache des Problems zu bekämpfen, findet der Vogelschützer
Der jetzt gewählte Ansatz ist nicht neu, bislang war er allerdings auf landwirtschaftliche Flächen begrenzt. Nun dürfte es erstmals zur Tötung von Saatkrähen im urbanen Raum kommen. Grundsätzlich ist die Bejagung der Tiere seit 1977 verboten, wobei sich auch das – wenn man Florian Hartmann richtig versteht – gerne ändern dürfe: „Es sind einfach zu viele. Von einer gefährdeten Art kann nicht mehr gesprochen werden.“
Der Vogelschützer Markus Erlwein betont am Telefon, dass dieses Projekt für den LBV „in Ordnung“ sei, man vertraue der Expertise beim LfU. Mindestens genauso wichtig sei aber die Bekämpfung der Problemursachen. Denn die „unangenehmen Nebenwirkungen“, die Stadtbewohner nun spürten, kämen letztlich daher, dass die Saatkrähen ihr natürliches Habitat verloren hätten: „Wir benötigen wieder mehr vernetzten Lebensraum.“ Erlwein verweist auf das erfolgreiche Volksbegehren aus dem Jahr 2019: Die bayerische Staatsregierung hatte sich verpflichtet, den Biotopverbund bis 2027 auf mindestens 13 Prozent zu erweitern. Diesem Auftrag müsse sie nachkommen, findet Erlwein.
Im Grunde ist es also ganz einfach: Wenn die Politik hält, was sie versprochen hat, dann kehren die Saatkrähen bald von ganz allein dorthin zurück, von wo sie einst vertrieben wurden.


