Zum 9. November:Gedenken an die jüdischen Bürger Dachaus

Zum 9. November: Das jüdische Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte.

Das jüdische Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: Toni Heigl)

In der Nacht auf den 9. November 1938 wurden 15 Frauen und Männer aus der Stadt vertrieben. Die meisten Veranstaltungen müssen wegen der Corona-Pandemie ausfallen - nur in einem ökumenischen Gottesdienst in Heilig Kreuz wird an die Opfer der Pogrome erinnert.

Von Helmut Zeller, Dachau

"Dachau ist somit völlig judenfrei." Diese schrecklichen Worte verkündete der damalige Bürgermeister Hans Cramer mit großem Stolz im Januar 1939 dem Kreisleiter der NSDAP. Im November zuvor waren bei Pogromen in ganz Deutschland Synagogen und Gebetshäuser niedergebrannt, Geschäfte jüdischer Inhaber zerstört und geplündert worden, Juden und Jüdinnen wurden am helllichten Tag auf den Straßen misshandelt und getötet.

Die Dachauer Juden, 15 Frauen und Männer, wurden in der Nacht vom 8. auf den 9. November aus ihrer Heimatstadt vertrieben - 50 Jahre lang schwiegen Stadtpolitik und Dachauer über das Schicksal ihrer einstigen jüdischen Nachbarn. Seit 1988 gedenkt die Stadt jährlich der Opfer der Novemberpogrome. Aber in der Corona-Pandemie entfallen diesmal alle geplanten Gedenkfeiern - bis auf eine. Ein ökumenischer Gottesdienst erinnert am 8. November in der Pfarrkirche Heilig Kreuz in Dachau Ost an die Opfer. Kirchenrat Björn Mensing und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger möchten, wie sie der SZ erklärten, an diesem Tag auch ein Zeichen gegen den Antisemitismus setzen, der in Deutschland mit der militärischen Niederlage nicht besiegt wurde und bis heute fortbesteht.

"Wenn man jemand fragte, waren Sie ein Nazi, sagte dieser mit Sicherheit 'Ich war kein Nazi'"

Rückblick auf 1945: "Wenn man jemand fragte, waren Sie ein Nazi, sagte dieser mit Sicherheit 'Ich war kein Nazi'." So erlebte der Überlebende Wilhelm Lermer die Dachauer nach Kriegsende. Die Masse der Deutschen reagierte so im ganzen Land. Amerikanische Kriegsberichterstatter spotteten, dass sie das von den Besiegten reflexhaft angestimmte "Ich habe nichts gewusst" zunächst für eine Strophe der deutschen Nationalhymne gehalten hätten. Am Ende der zwölf Jahre des Hitlerregimes lag Europa in Trümmern. Millionen Menschen waren dem völkisch-rassistischen Denken, das sich wieder ausbreitet, zum Opfer gefallen - sechs Millionen Juden und Jüdinnen, vom Baby bis zum Greis, waren industriell ermordet worden, auch eine halbe Million Sinti und Roma überlebten die deutschen Vernichtungslager nicht. Die Deutschen aber hatten nichts gewusst, keinesfalls wollten sie Nazis gewesen sein - und die Dachauer hatten auch nichts gewusst, nicht einmal über das Konzentrationslager am Rande ihrer Stadt, die wirtschaftlich in enger Verbindung mit dem Lager stand. In dem KZ waren in den zwölf Jahren seines Bestehens bis zur Befreiung am 29. April 1945 mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa gefangen und mehr als 41 000 davon hatten im Stamm- und in den Außenlagern den Terror nicht überlebt.

Die Novemberpogrome mit ihrem unvorstellbaren Ausbruch von Hass waren der erste große Schritt auf dem Weg in die Shoah. In Dachau suchten zwei SA-Männer bereits in der Nacht auf den 9. November mit einer Namensliste in der Hand 15 jüdische Frauen und Männer auf und zwangen sie, die Stadt "vor Sonnenaufgang" zu verlassen. In der nächsten Nacht brannten in Deutschland die Synagogen. Wenig später wurden etwa 11 000 jüdische Männer ins KZ Dachau verschleppt, unter ihnen auch die Dachauer Kurt Bloch, Samuel Gilde und Julius Kohn. Gilde und Kohn und die früheren Dachauer Alice Jaffé, Vera und Hans Neumeyer, Melitta und Max Wallach wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Bürgermeister Hans Cramer, ein glühender Nationalsozialist, übernahm nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 im litauischen Kaunas die Zivilverwaltung. Er war mitverantwortlich für die Ghettoisierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung - darunter eines 13-jährigen Jungen, der überlebte und inzwischen seit vielen Jahren als Zeitzeuge in Dachau und ganz Bayern wirkt: der Israeli Abba Naor.

Erst 50 Jahre danach wurde an die jüdischen Dachauer und Dachauerinnen erinnert - mit Veranstaltungen und einer Gedenktafel am Rathaus, inzwischen auch Stolpersteinen und Straßenbenennungen.

Den ersten Anstoß dazu und zu einer Ausstellung im Rathaus hatte der SZ-Journalist Hans Holzhaider gegeben, der das Schicksal der Dachauer Juden recherchiert und aufgeschrieben hat. Vorher war Schweigen: Dabei erinnerten sich die Älteren sehr wohl noch an die Schmierereien an Schaufenstern von Bekleidungsgeschäften in der Altstadt. Die Antisemiten hatten an die Fenster der Läden in der Freisinger und Augsburger Straße Galgen geschmiert und die Aufschrift "Judenknecht". So groß war der Hass, dass ein Ladenbesitzer, dessen Frau den Mädchennamen "Süß" trug, per Anzeige der Dachauer Volksgemeinschaft versicherte, dass er weder "Jude noch Halbjude" sei.

An die Opfer des alten und neuen Antisemitismus will Regionalbischof Christian Kopp in seiner Predigt am 8. November in Heilig Kreuz erinnern, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Seit 1945 ist der Judenhass mal mehr, mal weniger sichtbar und lautstark vorhanden - nicht nur auf rechtsextremer Seite, von links und von muslimischer Seite, sondern auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Jeder vierte Deutsche denkt und fühlt Umfragen zufolge antisemitisch. In den Schulen erleben jüdische Kinder seit Jahren verbale und körperliche Übergriffe. Ein antisemitisches Grundrauschen prägt den Alltag der etwa 150 000 Juden und Jüdinnen in diesem Land. Aber dabei bleibt es nicht. Rias Bayern, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, hat für 2019 im Freistaat 178 Vorfälle dokumentiert. Darunter waren eine antisemitisch motivierte Körperverletzung, neun Angriffe, elf gezielte Sachbeschädigungen, acht Bedrohungen, 28 Massenzuschriften und 121 Fälle in der Kategorie verletzendes Verhalten. In letztere fielen etwa 14 Versammlungen, 35 Fälle im Rahmen einer Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht sowie 33 Fälle öffentlich präsentierter antisemitischer Botschaften. Im Juli dieses Jahres meldete Rias für das erste Halbjahr 116 Fälle, einen Anstieg um etwa 40 Prozent. Die Rias-Leiterin, Annette Seidel-Arpacı, stellte insbesondere "eine Zunahme des Antisemitismus aus dem verschwörungsideologischen Spektrum" fest. Immer wieder gab es seit 1945 Angriffe auf jüdische Einrichtungen und Juden - vor einem Jahr verübte ein Rechtsextremist an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, einen Anschlag auf die Synagoge in Halle (Saale).

Das Gedenken fällt im Teil-Lockdown eingeschränkt aus. Die KZ-Gedenkstätte ist bis vorerst Ende November geschlossen, somit entfällt die alljährliche DGB-Veranstaltung auf dem Gelände. Die DGB-Jugend Bayern wird am Sonntag zwischen 13 und 14 Uhr auf ihren Social-Media-Kanälen ein digitales Gedenken abhalten. Auch die Veranstaltung des Dachauer Forums kann nicht stattfinden. Die Stadt Dachau hatte als Ehrengast in diesem Jahr Sabine Bloch eingeladen. Sie ist die Tochter des 1938 aus Dachau vertriebenen Kurt Bloch (1905-1961). Auch diese Gedenkfeier kann nicht stattfinden. Für den ökumenischen Gottesdienst wurde die Pfarrkirche Heilig Kreuz ausgewählt. Sie hat ihre Wurzeln in der Seelsorge von Pater Leonhard Roth für die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen im Wohnlager Dachau-Ost in den früheren KZ-Baracken. Pater Roth, der Bau der Kirche nicht mehr erlebt hat, war von den Nationalsozialisten selbst ins KZ Dachau verschleppt worden.

Ökumenischer Gottesdienst am 8. November in der Pfarrkirche Heilig Kreuz, in der Sudetenlandstraße 62, um 16 Uhr. Namentliche Anmeldung im Büro der Evangelischen Versöhnungskirche Dachau, möglichst schriftlich bis zum 5. November an info@versoehnungskirche-dachau.de oder auch telefonisch unter 08131/13644. Der Gottesdienst findet unter strengen Hygiene-Auflagen statt. Teilnehmer müssen angeben, ob Gäste aus einem Hausstand teilnehmen; sie dürfen in der Kirche ohne Abstand nebeneinandersitzen. Von Besuchern ohne Voranmeldung werden am Kircheneingang Kontaktdaten aufgenommen.

© SZ vom 05.11.2020
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