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Dachau:Preisverfall

Vor 25 Jahren kostete eine Dachauer Ansicht von Karl Stuhlmüller als herausragendes Werk der Dachauer Künstlerkolonie noch 56 000 Mark. Jetzt ist so ein Bild für 2500 Euro zu bekommen. Aber der Wertverlust entspricht nicht der kunsthistorischen Bedeutung

Jedes Jahr gibt der Zweckverband Dachauer Museen und Galerien ungefähr 1,2 Millionen Euro aus, um die Erinnerung an die Zeit der europäischen Künstlerkolonien zu bewahren. Dachau war Teil einer internationalen Bewegung der Freilichtmalerei, wie eine umfangreiche Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg vor ungefähr 16 Jahren eindruckvoll und erstmalig umfassend dokumentierte. Die kunsthistorische Wertschätzung steht allerdings im krassen Gegensatz zur monetären.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Dachau ein wichtiger Künstlerort mit Künstlervillen und privaten Malschulen. Noch heute erinnern Straßennamen an die Maler und an Dachaus Bedeutung als europäische Künstlerkolonie. Der Museumsverein Dachau trug nach der Jahrhundertwende mit einer beachtlichen Sammlung wesentlich zur Pflege und Bewahrung dieses Kulturguts bei, und die Stadt baute unter der Ägide von Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier eine beispielhafte Sammlung von Werken Dachauer und Münchner Maler auf. Durch Maler, die von der Münchner Akademie kamen und in Dachau unterrichteten, vor allem aber durch Adolf Hölzel, entstand der Begriff der Dachauer Schule.

Die Dachauer Ansichten von Karl Stuhlmüller (Bildausschnitt) haben sehr stark an Wert verloren.

(Foto: oh)

Wunderbar präsentiert werden die Bilder in der Gemäldegalerie und hängen auch für Besucher sichtbar im Rathaus und in den städtischen Gebäuden. Diese kulturelle Vergangenheit wurde ab 1976 von der Stadt Dachau in insgesamt sechs Bildbänden ausführlich dokumentiert und als wesentlicher Teil der Geschichte der Großen Kreisstadt Dachau in der öffentlichen Wahrnehmung eingepflanzt. Der letzte Band erschien 1995. Die idyllische und verklärende Dachauer Landschaftsmalerei war zu dieser Zeit auch der beruhigende Gegenentwurf zum Trauma der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Dachauer waren stolz auf "ihre" Dachauer Maler.

Der Boom der Freilicht- und Genremalerei begann in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als es wirtschaftlich aufwärts ging. Das pittoreske Idyll, mit dem die Freilichtmaler die Dachauer Mooslandschaft und das Landleben im 19. Jahrhundert darstellten, gab es so nie. Gleichwohl sehnte man sich nach dem Ideal der biedermeierlichen Heimeligkeit, auch um im politischen und gesellschaftlichen Umbruch der Siebziger- und Achtzigerjahre einen beständigen Gegenpol zu haben. Gemälde von Karl Stuhlmüller, Otto Strützel, Hermann Stockmann oder Joseph Wenglein waren teuer. In weniger betuchten Haushalten hingen Farbholzschnitte von Carl Thiemann und Aquarelle oder Gemälde von Wilhelm Dieninghoff, Hugo Hatzler oder Maria Debus-Digneffe.

Die Dachauer Fangemeinde von Paula Wimmer (Bildausschnitt) stabilisiert die Preise auf einem nicht allzu hohen Niveau.

(Foto: oh)

Karl Stuhlmüllers reich ausgeschmückte Genredarstellungen waren Sammlerstücke und Statussymbol zugleich. Man könnte sagen: Wer einen echten Stuhlmüller besaß, hatte es geschafft. Sein prominentes Motiv ist der Viehmarkt vor der Dachauer Altstadtkulisse. Als Winterbild, in dem sich die Konturen in der blaudunstigen Luft auflösen, war es begehrt. 1989 wurde in der Münchner Dependance des Auktionshauses Sotheby's ein "Markttag im Winter" für etwa 60 000 Mark, umgerechnet etwa 28 000 Euro, versteigert. Wenn so ein Bild dann - fachkundig restauriert - in einer Galerie in bester Münchner Lage hing, konnte sein Preis durchaus die Grenze von 100 000 Mark übersteigen. Wobei leidenschaftliche Sammler meistens in Auktionen kauften. Das ist bis heute so.

Der Auktionshandel mit Münchner und Dachauer Schule boomte in den Achtzigerjahren. Zum Ehrgeiz des Sammlers gesellte sich beim Steigern der Rausch des Mitbietens. So kam es durchaus vor, dass sich der Dachauer Oberbürgermeister mit Dachauer Geschäftsleuten und Kunsthändlern im Auktionshaus Neumeister regelrechte Bietergefechte lieferte. Bilder von Ludwig Dill, Victor Weishaupt und Antonio Montemezzo überstiegen regelmäßig die Schätzpreise. Im ganzen Landkreis Dachau gehört es zu einem Haushalt der gehobenen Art, sich mit solchen Werken zu schmücken. Man bot sich gegenseitig hoch, so dass der zugeschlagene Preis für einen Galeristen uninteressant wurde. Der Galerist muss auf den Kaufpreis noch seine Händlermarge aufschlagen.

Bilder gemäldegalerie

Das vermutlich erste abstrakte Werk der Kunstgeschichte von Adolf Hölzel ist zurzeit in der Neuen Galerie zu sehen.

(Foto: oh)

Aber wie sieht es heute mit der Wertschätzung der Malerei des 19. Jahrhunderts aus? Wie hat sich der Blick auf das harmlose biedermeierliche Landschaftsbild verändert und wie werden die Freilicht- und Tiermaler der Münchner und Dachauer Schule auf dem Kunstmarkt bewertet? Wie jeder andere große Handelsmarkt unterliegt der Kunsthandel unkalkulierbaren Preisschwankungen, die mit wirtschaftlicher Lage und Nachfrage zusammenhängen. Dies illustriert das Beispiel Franz Roubaud. Der in Odessa geborene Maler zählt zur Münchner Schule. Mit dem russischen Wirtschaftswunder schossen durch die neue Käuferschicht, die an den Markt drängte, die Preise für seine kaukasischen Reiterbilder in die Höhe.

Generell aber begannen um die Jahrtausendwende die Preise für die Gemälde der Münchner und Dachauer Schule im Auktionshandel zu sinken. Nach der Finanzkrise 2008 ein weiteres Mal. Am stärksten für Werke von Malern, die einen Boom erlebt hatten. Am Beispiel Karl Stuhlmüller heißt dies: 1990 brachte ein großer Viehmarkt vor Dachau rund 60 000 Mark, zehn Jahre später kostete ein vergleichbares Motiv nur mehr 39 000 Mark, im Jahr 2005 fiel der Preis auf 11 000 Euro. 2011 wurde in München ein winterlicher Viehmarkt vor Dachau für 2500 Euro zugeschlagen. Seitdem haben sich die Preise für Stuhlmüller je nach Größe, Motiv und Erhaltungszustand auf einem Niveau zwischen 2000 bis 5000 Euro eingependelt. Ähnlich ist es mit anderen Vertretern der Münchner und Dachauer Malerei. Von Joseph Wenglein spielte 1991 ein "Stiller Sommertag am Altwasser" rund 36 000 Mark ein, heute ist eine "Entenjagd im Dachauer Moos" schon für 5000 Euro zu haben. Ebenfalls einen massiven Einbruch erlebte die Tiermalerei von Heinrich Bürkel über Heinrich von Zügel bis zu Max Bergmann. Woran liegt das?

Bilder gemäldegalerie

Gerade die moderneren Dachauer Maler wie Leo Putz (rechts, Bildausschnitt) halten sich sehr gut.

(Foto: oh)

Die internationalen Preisentwicklungen zeigen, dass von dem breiten Phänomen des veränderten Zeitgeistes generell die Malerei des 19. und 18. Jahrhunderts betroffen ist. Die Sicht auf die Welt und das Verhältnis zur Heimat haben sich geändert. Die alte Sammlergeneration stirbt weg, die Nachkommen wollen die Landschaften und Tierbilder in den schweren Rahmen nicht mehr. Gefragt ist jetzt moderne Kunst. International gesehen, erlebt sie einen enormen Aufschwung. Ein Beleg für diesen Geschmackswandel ist, dass die kürzliche Versteigerung der Sammlung Konrad O. Bernheimer in London ebenfalls weit hinter den Erwartungen zurück blieb. Insofern bestätigt dieses Ereignis den weltweiten Trend weit weg von der so genannten Alten Kunst. Auch von der in Dachau.

Diese generelle Entwicklung bedeutet aber nicht, dass eine hohe Qualität keinen Bestand hat. Das trifft beispielsweise auf Adolf Hölzel und Leo Putz zu, die beide für ihre Zeit fortschrittlich waren. Damit ist wohl auch zu erklären, dass die Preise für Bilder von Max Feldbauer seit etwa 25 Jahren stabil geblieben sind. Sie haben den irrwitzigen Boom der Achtziger- und Neunzigerjahre nicht mitgemacht. Feldbauers deftige und wuchtige Malerei von Akten und Rössern passte nicht in das Verständnis von Idylle. Er steht mehr der kantigen Auffassung von Lovis Corinth nahe. Ein weiterer Grund sind fehlende Ausstellungen. Die gegenwärtige Max Feldbauer-Ausstellung in der Dachauer Gemäldegalerie ist seit 85 Jahren die erste Einzelausstellung mit seinen Gemälden. Unverändert blieben auch die noch nie besonders hohen Preise für die Dachauer Expressionisten August Kallert und Paula Wimmer.

Für Sammler und die Erben von Nachlässen ist ein Wertverlust immer bitter. Für die Museen und öffentlichen Sammlungen spielt er eine untergeordnete Rolle. Ihre Aufgabe ist das Bewahren und Dokumentieren. Die monetäre Bewertung von Kunst ist nachrangig. Den städtischen Ankäufen verdankt Dachau eine repräsentative Darstellung seiner historischen Vergangenheit und seiner Künstler. Nur dadurch ist es gelungen, Referenz zu setzen für jeden zeitgenössischen Künstler. Nur dadurch macht es Sinn, in Dachau Künstler zu sein, an die Tradition anzuknüpfen und eine Heimat für die eigene Tätigkeit zu haben. Dachau kann nach wie vor stolz darauf sein und sich glücklich schätzen, dass es eine solche gediegene und aussagekräftige Dokumentation seiner Geschichte erarbeitet hat. In ihrer Reichhaltigkeit ist sie nur im großstädtischen Bereich zu finden.

Bärbel Schäfer ist bei der Industrie- und Handelskammer Oberbayern vereidigte Sachverständige für die Münchner Schule des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere der Dachauer Schule.