Als der Krankenpfleger Mathias Gramlich aufzählt, wie viel Zeit im Arbeitsalltag der Pflegekräfte inzwischen für zusätzliche Aufgaben anfällt, geht ein Raunen durch den Saal. Er rechnet vor, wie lange es dauert, bis die Kaffeekannen befüllt und wieder gespült sind, bis das tiefgefrorene Essen erwärmt, die Tabletts bestückt und die Patientenbetten durchs Haus geschoben sind.
Die Minuten addieren sich und schließlich wird an der Beispielrechnung klar: Rund viereinhalb Stunden verbringt eine Pflegekraft am Helios Amper-Klinikum nach Gramlichs Darstellung mit Serviceaufgaben, bevor sie auch nur eine einzige medizinische Versorgungsleistung am Patienten erbringen kann. „Die Hälfte einer Vollzeitschicht geht inzwischen für Zusatzaufgaben drauf – und in der Zeit wurde noch kein Bett geputzt!“, ruft Gramlich.
Rund 30 Interessierte verfolgen an diesem Abend im Thiemann-Gewölbe des Dachauer Ludwig-Thoma-Hauses die Diskussion zum Thema „Krankenhaus krank gespart – Welche Gesundheitsversorgung wollen wir?“. Die Gewerkschaft Verdi hat den Arzt Peter Hoffmann eingeladen, der als Anästhesist an der München Klinik arbeitet und zugleich Mitglied des Bündnisses „Krankenhaus statt Fabrik“ ist. Unter der Moderation von Gewerkschaftssekretär Win Windisch diskutiert er mit Krankenpfleger Gramlich über die Folgen der Klinikprivatisierung und des Spardrucks.

2024 haben die Helios Amper-Kliniken Dachau und Markt Indersdorf einen Jahresüberschuss von 13,2 Millionen Euro eingefahren. Dabei seien rund 89 Prozent aller öffentlichen Krankenhäuser defizitär gewesen, referiert Hoffmann. Die drei Redner führen das vor allem auf ein System aus Stellenabbau, Aufgabenübertragung und Kassenfinanzierung zurück.
Der Vorwurf lautet, Helios habe in den vergangenen Jahren immer mehr Servicekräfte entlassen und deren Aufgaben dem Pflegepersonal übertragen. Der Clou dabei: Die Kosten für Pflegekräfte bekommen Kliniken am Ende eines Jahres von den Krankenkassen im Rahmen des Pflegebudgets erstattet. Ein Krankenpfleger, der Betten putzt, kostet eine Klinik also deutlich weniger Geld als eine Servicekraft, die diese Aufgabe übernimmt. Die Konsequenz: Den Pflegefachkräften bleibt immer weniger Zeit für die medizinische Versorgung der Menschen. Und die Kliniken fahren dabei Gewinne ein.
Diese Zweckentfremdung des Pflegebudgets beklagen die Dachauer Krankenhausmitarbeiter schon lange. Dass sie nun auch noch die Betten desinfizieren und reinigen sollen, nachdem sie schon die Bettwäsche wechseln müssen, bringt das Fass für sie zum Überlaufen. „Es ist pervers, so eine Finanzierungsstruktur so weiterlaufen zu lassen“, empört sich Peter Hoffmann, „daran sterben Menschen.“ Viele Pflegekräfte gingen nach ihren Schichten „fix und fertig nach Hause“, weil sie täglich am eigenen professionellen Anspruch scheitern müssten und dabei nie eine Pause einlegen könnten.
Krankenpfleger Gramlich beklagt außerdem, dass das unzuverlässige Wlan im Haus es dem Pflegepersonal erschwere, rasch die benötigten Medikamente in der digitalen Patientenakte einzusehen. Oft fehlten auf Stationen technische Geräte wie Perfusoren oder Absauger. Andere Technik sei nicht funktionsfähig und auch zu Medikamentenengpässen komme es immer wieder. Gespart werde zudem am medizinischen Material. „Seit über zwei Jahren haben wir nicht genügend wasserdichte Nässeschutzunterlagen. Das bedeutet, dass wir bettlägerige Patienten auf zusammengefalteten Bettdecken lagern müssen und das wiederum erhöht die Geschwürgefahr.“

Die tägliche Überlastung rühre auch daher, dass der Aktienkonzern möglichst viele Fallpauschalen kassieren wolle. „Das Dachauer Klinikum ist immer offen – es wird viel später als andere Häuser bei der Rettungsleitstelle abgemeldet“, sagt Gramlich. „Es werden sogar noch Patienten aufgenommen, wenn nicht mal mehr freie Betten vorhanden sind.“ Das Krankenhaus werde derzeit seinem Auftrag grundsätzlich nicht gerecht. „Die Arbeit ballt sich so sehr, dass sie nicht mehr zu bewältigen ist. Die Idee, uns jetzt noch zusätzlich Betten putzen zu lassen, ist ein Wahnsinn“, sagt Gramlich.
Die Klinikleitung setzt auf einen „Skill-Mix“
Eine ehemalige Klinikangestellte aus dem Publikum erkundigt sich, was denn aus dem Bettenzentrum geworden sei, das früher für die Aufbereitung der benutzen Patientenbetten zuständig gewesen sei. Gramlich erklärt, dass dieses von einem mobilen Putzteam abgelöst wurde, das die einzelnen Stationen aufsucht. Dessen Arbeit auch noch zu übernehmen hält Gramlich für ausgebildete Pflegefachkräfte für nicht machbar. Im restlichen Helios-Konzern sei dies jedoch schon längst Aufgabe der Pflegekräfte, nur im Süden kämpften die Angestellten noch dagegen an. Seit 2023 sei erst der Patientenfahrdienst und dann das Catering dem Pflegepersonal übertragen worden.
Der Helios-Konzern hingegen argumentiert, dass Pflegekräfte unterschiedliche Aufgaben übernehmen müssten und man auf den Stationen auf einen „Skill-Mix“ setze. Eine gesetzliche Festschreibung der Pflegeaufgaben gibt es im Detail nicht. Beschwerden nehme Helios ernst, teil das Klinikum mit. „Patienten sowie Angehörige können sich jederzeit direkt an die Stationsleitungen oder unser Beschwerdemanagement wenden, damit wir Anliegen zeitnah aufnehmen und bearbeiten können.“ In der Vergangenheit hatten Mitarbeitende des Klinikums trotz zahlreicher Überlastungsanzeigen und interner Beschwerdemeldungen, auch zu Technikmängeln, keine Veränderung im Hause festgestellt.
Peter Hoffmann geht so weit, der Politik „organisierte Verantwortungslosigkeit“ und „verbrecherische Untätigkeit“ zu attestieren. In seiner Wahrnehmung gäbe es politisch auf allen Ebenen Möglichkeiten zur Veränderung des Systems. Kommunal etwa mit regelmäßigen unangekündigten Hygiene-Überprüfungen des Gesundheitsamts: Etwaige Pflegemängel dürften dabei jedoch nicht dem Personal persönlich angeheftet werden, sondern die Kontrollen müssten die Strukturen der Unterversorgung aufdecken.
Hoffmann plädiert auf dem Podium auch dafür, Verletzungen der Pflegepersonal-Untergrenzenverordnung „scharf zu sanktionieren“ – da sei jedoch die Bundespolitik gefragt, den Punkt mit in die Krankenhausreform aufzunehmen. Kliniken sollten höhere Strafen zu befürchten haben, wenn sie zu wenig Personal bereitstellten. Mathias Gramlich erzählt dazu, dass am Dachauer Klinikum der Betreuungsschlüssel von einer Pflegekraft zu zehn Patienten schon lange nicht mehr eingehalten werde. Ein Verhältnis von eins zu 20 sei an der Tagesordnung.
„Das Personal ist unzufrieden und die Patienten sind unzufrieden“
Peter Hoffmann berichtet von einem weiteren Hebel zur Qualitätssicherung an der München Klinik. Über den sogenannten Gesundheitsladen sei eine unabhängige Beschwerdestelle etabliert, die jährlich einen Bericht verfasse. Eine solche Einrichtung mit Ehrenamtlichen hält er auch in Dachau für sinnvoll und schätzt, dass der Landkreis dafür jährlich rund 10 000 Euro investieren müsste. Bisher gibt es keine unabhängige Stelle dieser Art in Dachau.
Rita Klausnitz, die bei der Veranstaltung im Publikum sitzt, ist derzeit eine von zwei Patientenfürsprecherinnen der Dachauer Klinik. Seit 13 Jahren übt sie das Ehrenamt vier Stunden wöchentlich aus und versucht, in Notfällen zu vermitteln zwischen Patienten, Pflegepersonal und Klinikleitung. Vor der Privatisierung hat sie selbst 40 Jahre als Krankenschwester und später auch als Pflegeleitung an beiden Standorten gearbeitet. Sie gab den Posten ab, weil sie den „Zustand nicht mehr verantworten“ wollte, wie sie sagt. Für das jetzige Ehrenamt fragte sie einst ein Klinikchef an.
„Ich kann dem Pflegepersonal bei Beschwerden gar keinen Vorwurf machen, weil es ja permanent überfordert ist“, sagt Klausnitz. Man müsse inzwischen Angst haben, im Dachauer Klinikum zu landen, sagt die Patientenfürsprecherin, die auch im Seniorenbeirat des Landkreises sitzt. „Das Personal ist unzufrieden und die Patienten sind unzufrieden.“ Ein Problem sei auch, dass viele Betroffene sich nicht trauten, ihre Patientenbeschwerden öffentlich zu machen. Von externen Pflegediensten bekomme sie hingegen öfter erschreckende Rückmeldungen: „Die erzählen mir, dass der Zustand vieler älterer Leute sich im Dachauer Klinikum radikal verschlechtert habe. Manche Menschen konnten noch laufen, als sie ins Krankenhaus kamen, und wurden dann bettlägerig entlassen.“
Zwar geht es an diesem Abend auch um Ideen rund um Rekommunalisierung und Enteignung, Peter Hoffmann sagt jedoch zum Abschluss der Veranstaltung: „Eine anständige Versorgung für die eigene Oma ist kein originär linkes Projekt. Dafür müsste es auch Mehrheiten in der CSU geben.“



