Rund 20 Pflegekräfte haben sich am Donnerstagmittag vor dem Dachauer Krankenhaus versammelt, um gegen den – wie sie es nennen – „Sparkurs“ des Helios-Konzerns und zunehmende Arbeitsbelastung zu protestieren. Auf einem Banner, das sie ausgebreitet haben, steht: „Profite pflegen keine Menschen, wir schon.“ Die Pflegekräfte beklagen, dass sie immer mehr Service-Aufgaben übernehmen müssen, für die bislang Hilfspersonal im Krankenhaus zuständig war; dazu zählen etwa Essen servieren oder Patienten zu Operationen fahren.
Eine Pflegekraft, die ihren Namen aus Angst vor Konsequenzen ihres Arbeitgebers nicht nennen möchte, sagt, es gebe ohnehin schon einen Personalmangel im Klinikum, trotzdem würden immer mehr Tätigkeiten auf die Pflegekräfte übertragen. „Essen holen, Geschirr sammeln, Essen bestellen, Patienten zum OP fahren, Betten abziehen, Betten reinigen – was ist der nächste Schritt? Dass wir die Bäder putzen müssen?“
Konkret richtet sich der Protest der Krankenhaus-Mitarbeiter in Dachau gegen Pläne, die auch an anderen Helios-Kliniken in jüngerer Vergangenheit für Unmut gesorgt haben: An vielen Standorten des Konzerns müssen Pflegekräfte immer mehr Aufgaben erledigen, für die es bislang extra angestelltes Service-Personal gab. In Dachau begann Helios 2023, sukzessive den Fahrt- und Cateringdienst auf den Stationen abzuschaffen.
Als Grund für die „Neuordnung der Stationsteams“ nannte Helios damals Vorgaben aus dem „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“. Das seit 2019 geltende Gesetz soll Krankenhäuser dazu animieren, neue Pflegekräfte einzustellen – in Dachau führte es dazu, dass bestehenden Service- und Fahrdienstkräfte das Haus verlassen haben, weil sie keine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer beginnen wollten. Personal ohne entsprechende Ausbildung könne man aufgrund der neuen Gesetzeslage nicht mehr beschäftigen, hieß es damals von Helios.
Die Stationen seien „völlig überlastet“, kritisieren die Pflegekräfte
Jetzt sollen offenbar auch die Servicekräfte wegfallen, die bislang die Betten reinigen. Wie Pflegekräfte am Donnerstag berichten, müssten sie aktuell bereits die Betten abziehen und mit frischer Wäsche beziehen. Die Wischdesinfektion leisten demnach derzeit noch Servicekräfte der Bettenaufbereitung. Im kommenden Jahr sollen das Putzen der Betten aber die „völlig überlasteten Stationen“ zusätzlich übernehmen, so die Pflegekräfte.

Krankenpfleger Matthias Gramlich von der Betriebsgruppe am Klinikum Dachau spricht vor dem Krankenhaus in ein Megafon. Er sagt, es handle sich um eine „eiskalte Einsparung auf dem Rücken von uns und der Patienten“. Obwohl die Leistungsgrenze der Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen längst überschritten sei, würden ihnen immer mehr Tätigkeiten übertragen. Helios tue dies, um sich die Serviceaufgaben refinanzieren zu lassen.
Kritiker monieren gesetzliche Fehlanreize
Das „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“, eingeführt unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), regelt, dass Krankenhäuser die Personalkosten für Pflegekräfte über die Krankenkassen decken können und dafür mit diesen ein „Pflegebudget“ aushandeln. Das Ziel war eigentlich, die Krankenhäuser so davon abzuhalten, beim Pflegepersonal zu sparen.
Doch Kritiker monieren nun „gesetzliche Fehlanreize“. Der Gesundheitsökonom Andreas Schmid von der Uni Bayreuth sagte kürzlich dem MDR in einem Bericht über den Wegfall von Servicepersonal im Helios-Klinikum Erfurt: „Aus Sicht eines Krankenhauses ist es wirtschaftlich attraktiv, wenn Pflegekräfte, die zu 100 Prozent refinanziert werden, weitere Tätigkeiten übernehmen. Damit sparen sie sich Hilfskräfte, die sie sonst selbst bezahlen müssten.“
Ein Pressesprecher der Helios Kliniken Oberbayern teilt am Donnerstag mit, man setze auf allen Stationen auf einen sogenannten „Skill-Mix“. Dies bedeute, dass unterschiedlich qualifiziertes Pflegepersonal sich die Aufgaben im Team aufteile. „Das bietet uns eine größere Flexibilität, da die Kolleginnen und Kollegen anders als Servicekräfte auch pflegerische Tätigkeiten ausüben können.“ Es handle sich insbesondere um „patientennahe Aufgaben“ wie etwa die Patientenbegleitung, die Ausgabe von Essen oder die Bettenreinigung. Der Einsatz im „Skill-Mix“ sei eine „unternehmerische Entscheidung“, die alle Helios-Kliniken betreffe.
Wie viele Servicekräfte seit 2023 im Dachauer Amper-Klinikum weggefallen sind, beantwortet der Sprecher nicht. Stattdessen nennt er Zahlen für den ganzen Konzern: „Bei Helios haben wir die Zahl unserer Pflegekräfte seit 2019 um 15 Prozent erhöht.“ Man beschäftige mehr als 30 000 Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich. In Dachau spüren die Pflegekräfte, die sich am Donnerstag vor dem Krankenhaus versammelt haben, nichts von dieser Mitarbeitervermehrung. Krankenpfleger Matthias Gramlich fragt: „Wo ist dieses Personal?“

